Notizen aus Cannes

Die Filmemacher, die heuer nicht nach Cannes dürfen

Kirill Serebrennikov darf nicht nach Cannes
Kirill Serebrennikov darf nicht nach Cannesimago

Zwei Regisseure, deren Filme im Wettbewerb laufen, dürfen (vermutlich) wegen ihrer Regimekritik ihr Land nicht verlassen. Da liegt es natürlich nahe, ihre Werke politisch zu deuten.

Der Kinositz ist reserviert für Kirill Serebrennikov, ein Namensschild hängt auf der Rückenlehne. Doch der russische Regisseur ist abwesend. Man hat ihn in seiner Heimat unter Hausarrest gestellt. Wegen Veruntreuung staatlicher Fördergelder, heißt es seitens der dortigen Justiz. Viele vermuten dahinter jedoch ein politisch motiviertes Urteil und Signal an regierungskritische Künstler. Er ist nicht der einzige Filmemacher, der sich heuer nicht an der Cannes-Premiere seiner jüngsten Arbeit beteiligen kann. Auch Jafar Panahi, einer der im Westen prominentesten Dissidenten Irans, darf aller Voraussicht nach nicht zur Uraufführung seines Wettbewerbsbeitrags "Three Faces".

Da liegt es natürlich nahe, die Filme der Abwesenden politisch zu deuten. Bei Serebrennikov dient sich diese Lesart besonders an, handelt sein Retro-Musical "Leto" (Russisch für Sommer) doch von jungen Rockern, die während der Brezhnev-Ära mit Musik und Lebensstil gegen herrschende Verhältnisse aufbegehren. Ein bisschen erinnert das Ganze an den Berlinale-Film "Dovlatov" - nur spielte der in den Siebzigern, handelte von Dichtern und war im Vergleich zum romantisch-enthemmten, mit Animations-Schnörkeln und verspielten Verfremdungseffekten versehenen "Leto" eher unterkühlt.

"Leto" von Kirill Serebrennikov.Festival Cannes

Serebrennikov, der den Film im Hausarrest fertig geschnitten hat, geht es aber trotz politischer Untertöne und Appelle für Kunstfreiheit vor allem um eine Hommage an die Helden seiner Jugend. Im Mittelpunkt stehen zwei reale sowjetische Rockbands aus Leningrad (Zoopark und Kino) und ihre Frontmänner (Mike Naumenko und Viktor Tsoi). Vor allem Letzterer ist in Russland eine richtige Legende. Der Film verhandelt ihre Beziehung, die zwischen Freundschaft, Konkurrenz und Weitergabe des Feuers pendelt. Dabei schwelgt er in stilisierten Video-Clip-Sequenzen ausgiebig in ihren jeweiligen Songs (und deren US-amerikanischen Inspirationsquellen/Parallelen von Lou Reed bis Iggy Pop). Auch wenn die Bemühungen des Festivals, eine Ausreise des Regisseurs zu erwirken, fruchtlos blieben, dürfte die Nachricht, dass sein Film einigen Cannes-Besuchern ungewöhnliche Ohrwürmer beschert hat, ihm etwas zum Trost gereichen.