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Israel: Tage des Zorns – und der Freude

Chaos an der Grenze zum Gazastreifen. Tausende Palästinenser zogen zur israelischen Sperranlage und versuchten, diese zu überwinden. Dutzende von ihnen wurden getötet.
Chaos an der Grenze zum Gazastreifen. Tausende Palästinenser zogen zur israelischen Sperranlage und versuchten, diese zu überwinden. Dutzende von ihnen wurden getötet.(c) APA/AFP/MAHMUD HAMS

Die USA eröffnen feierlich ihre neue Botschaft in Jerusalem. Premier Netanjahu triumphiert am 70. Gründungstag Israels. An der Grenze zum Gazastreifen sterben Dutzende Palästinenser bei Protesten.

Jerusalem. Während in Jerusalem die neue US-Botschaft feierlich eröffnet wurde, tobte an der Grenze zum Gazastreifen die schlimmste Auseinandersetzung seit Langem. Alle paar Minuten geriet am Montag ein palästinensischer Demonstrant ins Visier israelischer Scharfschützen, Premier Benjamin Netanjahu nannte die Vorfälle „Selbstverteidigung“. Bei den blutigsten Unruhen des Großen Marschs der Rückkehr, mit dem die Palästinenser im Gazastreifen an das 70. Jubiläum der Nakba, des Beginns ihrer Flüchtlingskatastrophe, erinnern, starben bis am Abend nach palästinensischen Angaben mindestens 55 Palästinenser; weit über 2000 Menschen wurden verletzt. Trumps unilaterale Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels gab dem Unmut der Demonstranten zusätzlichen Zündstoff und ließ sie einen Tag früher als ursprünglich geplant an die Grenze ziehen.

Bei der Feier in Jerusalem lobte US-Botschafter David Friedmann vor 800 geladenen Gästen die „moralische Klarheit“ des US-Präsidenten, Donald Trump, der entschieden hatte, dass das diplomatische Corps aus Tel Aviv umziehen sollte. Trump meldete sich in einer Videobotschaft zu Wort. Darin betonte er Israels Recht „als souveräne Nation, die Hauptstadt selbst zu bestimmen“. Zur Feier waren auch Trumps Tochter Ivanka und ihr Mann, Jared Kushner, gekommen. Netanjahu, frohlockte: „Heute eröffnet die größte Nation der Welt, unser größter Verbündeter, ihre Botschaft in Jerusalem.“

Feier in Jerusalem. Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, bei der Eröffnung der neuen US-Botschaft.
Feier in Jerusalem. Ivanka Trump, die Tochter des US-Präsidenten, bei der Eröffnung der neuen US-Botschaft.(c) REUTERS (RONEN ZVULUN)

Abbas: Dreitägige Staatstrauer

Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas hat Israel gestern Abend ein „Massaker“ vorgeworfen. Er ordnete am Montag eine dreitägige Staatstrauer an und erklärte in Ramallah im Westjordanland, die USA seien „nicht länger ein Vermittler im Nahen Osten“.

Unterdessen äußerte die diplomatische Vertretung des Staates Palästina in Österreich Kritik am österreichischen Botschafter in Israel, Martin Weiss. Die Palästinenser werfen dem Botschafter vor, sich der Haltung der EU zum Status Jerusalems zu widersetzen. Weiss hat am Sonntag gemeinsam mit Ungarn, Rumänien und Tschechien an einem Empfang des israelischen Außenamts teilgenommen. Indem er an den Feierlichkeiten teilnehme, kokettiere nun auch Weiss mit einer Botschaftsverlegung, heißt es in der Aussendung des palästinensischen Gesandten, Salah Abdel Shafi. Weiss habe in eine

m Interview mit der „Times of Israel“ gesagt, die Verlegung sei „ein sehr erfreulicher Tag für Israel und das israelische Volk“. Weiss rückte diese Darstellung gegenüber der „Presse“ zurecht. Er sei der Einladung aus Höflichkeit nachgekommen. Österreich habe seine Position nicht geändert und setze weiter auf die Zweistaatenlösung. Österreichs Botschaft werde in Tel Aviv bleiben. Martin Weiss nahm an der Eröffnung der US-Botschaft in Jerusalem nicht teil und hatte das auch nie vor.

Israels befürchtet Geiselnahme

Seit Tagen befindet sich Israels Sicherheitsapparat in höchster Alarmstufe. „Die Truppen sind instruiert worden, auf mehrere radikale Entwicklungen vorbereitet zu sein“, heißt es in einer Mitteilung der Armee. Israels Luftwaffe warf am Morgen Flugblätter über dem Gazastreifen mit dem Aufruf ab, den Grenzanlagen fernzubleiben. „Die Hamas missbraucht euch, um von ihrem Versagen abzulenken. Sie bringt euch und eure Familien in Gefahr.“

Israels größte Sorge ist, dass es Hamas-Kämpfern unter dem Schutz ziviler Demonstranten gelingen könnte, die Grenzanlagen zu durchbrechen, einen israelischen Soldaten in ihre Hände zu bekommen und in den Gazastreifen zu entführen. Man werde „mit allen Mitteln“ Israel verteidigen und verhindern, dass palästinensische Demonstranten die Grenzanlagen durchbrechen, sagte Verteidigungsminister Avigdor Lieberman. Entsprechend lautete die Order an die Scharfschützen an der Grenze.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2018)

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