„Auch Gebäude haben eine Seele“

(c) Akos Burg

Porträt. Nur wenige Immobilienunternehmen legen ihren Fokus auf Marketing. Sabine Müller, seit Kurzem Chief Marketing Officer bei Value One, nimmt in diesem Feld eine Pionierrolle ein.

Der heimische Immobilienmarkt brummt. Entwickler buhlen um Investoren, und Makler können sich der Mandate kaum erwehren. Obwohl oder vielleicht gerade deshalb: „Viele Unternehmen der Branche legen ihren Fokus nicht auf das Marketing“, sagt Sabine Müller. Sie ist seit Jahresbeginn Chief Marketing Officer der Value One Holding. Nach rund 13 Jahren als Geschäftsführerin der Holding-Tochter IC Development war es für Müller der „logische nächste Schritt“, in den Vorstand der Mutter zu wechseln.

Marketing ist für sie nichts Neues: Sie war unter anderem federführend an der Entwicklung des Viertel Zwei zwischen Wirtschaftsuniversität und Ernst-Happel-Stadion in Wien beteiligt. Ein Entwicklungsprojekt, für das 2006 mit den Bauarbeiten begonnen wurde und dessen vorläufig letzte Phase 2023 abgeschlossen sein wird.

Projektentwicklung ohne Marketing erscheint ihr nicht sinnvoll. Man müsse Objekte inszenieren, Gebäude etwa Adler und Ameise nennen, wie es ihr Haus mit dem Gebäude in der Guglgasse der Gasometer City gemacht habe. „Immobilien sind keine leblosen Hüllen“, sagt die 45-Jährige. Es gehe darum, die USP herauszuarbeiten. „Auch Gebäude haben eine Persönlichkeit und eine Seele.“

Dazu müsse man sich mit dem Ort auseinandersetzen, die Qualitäten herausarbeiten, die Geschichte studieren, um dann Geschichten erzählen zu können – ohne etwas Beliebiges zu erfinden. „Alte Strukturen sollte man, wenn möglich, erhalten. Das gibt Orientierung. Gleichzeitig muss man die Vorteile und Vorzüge des Neuen unterstreichen“, sagt Müller. Im Herzen des Viertel Zwei steht etwa das Loft, direkt an dem kleinen, künstlich angelegten See, umringt von modernen Bürobauten – das größte davon mit rund 40.000 Quadratmetern das Hauptquartier des Ölkonzerns OMV. Während der Entstehung des Viertels diente das Loft als Bauquartier, heute ist es Büro der Value One.

Noch etwas ist wichtig, wenn es um Immobilienvermarktung geht: „Man muss die Zielgruppe verstehen und dann auch eine geeignete Bildsprache entwickeln.“

Monokulturen sind nie lebendig

So sei es gelungen, „aus einer Gstätten eine Lage“ zu machen. Eine, in der jetzt auch der Wohnbau forciert wird. „Jetzt zieht Vielfalt ein. Monokulturen sind nie lebendig.“ Deshalb ist ihr auch die Sockelzone, also das unterste Geschoß, wichtig. Sie verkaufe dieses Geschoß bei neuen Projekten nicht mehr, um die Nutzung, etwa für Geschäfte, Kindergärten, besser steuern zu können. Dass in Wien die Sockelzone nicht für Schulen genutzt werde, bedauert sie. Die Stadt bevorzuge für Schulen Solitärstandorte.

Noch etwas unterspiele die Immobilienbranche im Marketing, sagt Müller: Marken zu entwickeln. Sie habe einen anderen Weg beschritten und etwa die Marke Milestone – Student Living geschaffen. In Österreich betreibt ihr Unternehmen vier Appartementhäuser, daneben Standorte in Deutschland, Ungarn und Portugal. Sie sollen Studierenden die Möglichkeit geben zu wohnen und zu arbeiten.

Apropos Arbeiten: Neue Bürobauten müssen dem Wechsel von hierarchischen zu integrativen Organisationsformen Rechnung tragen. Weniger Einzel-, aber auch weniger Großraumbüros sei die Antwort. Stattdessen sind passende Räume, Rückzugs-, aber auch Kommunikationsflächen gefragt. „Es soll alles möglich sein“, sagt Müller. Entsprechend flexibel sollte der Grundriss sein. „Das Gebäude muss es hergeben, Flächen zu teilen oder zusammenzuführen.“ Zudem gehe der Trend in Richtung intelligenter Gebäude, die Licht, Lüftung und Kühlung automatisch regeln, je nachdem, wie viele Menschen sich im Raum aufhalten.

Kritisch wie verlässlich

So ein Büro würde auch für sie passen. Sie sitzt, ebenso wie ihre Vorstandskollegen, längst nicht mehr im Einzelbüro. Das würde wohl auch nicht sonderlich gut zu ihrem kooperativen Führungsstil passen. Offene, kritische und verlässliche Mitarbeiter sind ihr wichtig. Ebenso deren Qualitätsbewusstsein. Etwas, was sich im Recruiting allerdings nur schwer erkennen lasse. Aber, sagt Müller: „Qualitätsbewusstsein zeigt sich am Ergebnis der Arbeit.“

 

Zur Person

Sabine Müller (45) ist seit Jahresbeginn Chief Marketing Officer des Immobilienentwicklers Value One – dort, wo die WU-Absolventin vor rund 20 Jahren ihre berufliche Karriere als Assistentin der Geschäftsführung begonnen hat. Dazwischen ist sie ab 2005 Geschäftsführerin der Tochtergesellschaft IC Development gewesen und hat unter anderem die Entwicklung des Viertel Zwei beim Wiener Prater und jene von Milestone – Student Living vorangetrieben.Faktbox (f2bfd275)


[P5E2J]