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Nachruf

Architekt und "Presse"-Karikaturist Gustav Peichl verstorben

Gustav Peichl vor seinem 75. Geburtstag im Jahr 2003.
Gustav Peichl vor seinem 75. Geburtstag im Jahr 2003.APA
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Der Architekt Gustav Peichl, auch bekannt als Karikaturist Ironimus, ist am Sonntag, 17. November 2019 im 92. Lebensjahr nach kurzer schwerer Krankheit in seinem Haus in der Himmelstraße in Wien-Grinzing gestorben, wo er seit 1962 lebte. Gustav Peichl wurde 1928 in Wien geboren und hinterlässt drei Kinder und drei Enkelkinder.

Der Architekt Gustav Peichl, auch bekannt als Karikaturist Ironimus, ist am Sonntag, 17. November 2019 im 92. Lebensjahr nach kurzer schwerer Krankheit in seinem Haus in der Himmelstraße in Wien-Grinzing gestorben, wo er seit 1962 lebte.

Gustav Peichl wurde 1928 in Wien geboren und hinterlässt drei Kinder und drei Enkelkinder.

Für Gustav Peichl waren „Bauen und Architektur die Summe aus Form, Funktion, Material, Farbe und Licht. Es gilt nach einer sinnlichen Architektur zu streben, nach einer Architektur unter Bezugnahme auf Eros“. Als Vertreter der klassischen Moderne verfolgte Peichl technische Ästhetik, klassische Proportionen, Witz und Sinnlichkeit – und damit eine unverkennbare, eigenständige Linie.

Prägte Architektur der 60er Jahre

Von seinem ersten realisierten Bau, dem gemeinsam mit Wilhelm Hubatsch und Franz Kiener entworfenen Verwaltungsgebäude der Newag-Niogas (1958-1960), über die legendären ORF-Landesstudios (1970er und 1980er Jahre), die markante Kindertagesstätte des Deutschen Bundestags im Berliner Regierungsviertel (1998-2002) und die Bundeskunsthalle in Bonn bis zu seinen späten Bauten wie der Messe Wien prägte er die zeitgenössische Architektur der letzten 60 Jahre.

Peichls feines Gespür für Trends kam schon früh in seinem mehrfach ausgezeichneten Entwurf für die Atriumschule in der Krim in Wien-Döbling (1961-1964) zu Tragen. Weiße Mauern, flache Dächer und offene Glasflächen verleihen dem Bau, der Gemeinschaft und Kommunikation entstehen lässt, einen markanten Charakter. Gesteigert wird dieses Gemeinschaftsgefühl im Konvent der Dominikanerinnen in Wien-Hietzing (1963-1965), wo Peichl kleine Wohngemeinschaften bildete.

Ein Schlüsselwerk in seinem Schaffen ist die eindrucksvoll in die Landschaft integrierte Erdfunkstelle Aflenz in der Steiermark (1976-1979). Peichl gelang die perfekte Symbiose von Architektur, Technik und Umweltschutz, indem er die hochtechnisierte Anlage unterirdisch baute und grasbewachsene Erdhügel darüberlegte.

Wegweisend: die ORF-Landesstudios

Vor allem den ORF-Landesstudios verdankt Peichl sein Renommee als wegweisender Architekt: alle ORF-Gebäude folgen demselben Prinzip und sind in Form von Kreissegmenten um einen Zentralraum angeordnet. Mit dem Millennium-Tower, dem ersten signifikanten Hochhaus Wiens, das er zusammen mit Boris Podrecca und Rudolf Weber baute, prägte er die Skyline der Donaumetropole.

Auch in Deutschland feierte Peichl große Erfolge: er gewann im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Berlin den Wettbewerb um die Errichtung der Phosphateliminationsanlage PEA Berlin-Tegel (1980-1987), mit der er einen der weltweit ersten Umweltschutzbauten schuf. Später plante er die Bundeskunsthalle in Bonn (1986-1992) und entwarf das Städel-Museum in Frankfurt am Main (1987-1990) sowie die Münchner Kammerspiele (1990-1993).

Rektor der Akademie der bildenden Künste

Peichl nahm zweimal an der Architekturbiennale in Venedig und an der documenta in Kassel teil. Er wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Reynolds Memorial Award und dem Mies van der Rohe Award. Von 1973 bis 1996 unterrichtete er als Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, von 2002 bis 2003 als Gastprofessor an der Harvard School of Design in Boston.

Als Träger des Großen Österreichischen Staatspreises war er fast 50 Jahre lang Mitglied des Österreichischen Kunstsenats. Von 1987 bis 1988 war er Rektor der Akademie der bildenden Künste in Wien, seit 1984 gehörte er der Akademie der Künste in Berlin an.

Von 1965 bis 1969 gab Gustav Peichl gemeinsam mit Hans Hollein, Walter Pichler und Oswald Oberhuber die interdisziplinäre Kunst- und Architekturzeitschrift „Der Bau“ heraus.

Das MAK – Museum für angewandte Kunst in Wien widmete Peichl anlässlich seines 90. Geburtstags im März 2018 eine Personale.

Als Ironimus bekannt und populär

Neben seiner Architekten-Tätigkeit erlangte Gustav Peichl unter seinem Pseudonym Ironimus große Bekanntheit und Popularität.

Seit seinem 17. Lebensjahr zeichnete er humoristische Zeichnungen, zu Beginn hauptsächlich in Form kleiner Bildwitze, später hauptsächlich als klassischer, politischer Karikaturist, der das aktuelle Zeitgeschehen mit dem Zeichenstift kommentierte.

Peichl alias Ironimus arbeitete für „Die Presse“, die „Süddeutsche Zeitung“, die „Wochenpresse“, die „Weltwoche“, den „Stern“ und die „Vorarlberger Nachrichten“. Über 12.500 Karikaturen und 3.000 Cartoons hat er im Laufe seiner über 70jährigen Karriere geschaffen, mehr als 120 Bücher hat er herausgebracht. Einem breiten Publikum wurde er durch seine ORF-Sendungen „Die Karikatur des Tages“ und „Der Jahresrückblick in der Karikatur“ bekannt.

Karikaturen im MoMA in New York

Karikaturen von Ironimus sind unter anderem im Besitz des Museum of Modern Art New York, der Albertina in Wien, der Akademie der bildenden Künste in Wien, der Landessammlung Niederösterreich und dem Wilhelm Busch Museum in Hannover.

Zusammen mit seinem Kollegen Manfred Deix initiierte er das Karikaturmuseum in Krems, für das er auch als Architekt die Bauplanung übernahm und in dem sich als ständige Einrichtung das „Ironimus-Kabinett“ befindet.

Bis zuletzt war Ironimus als Karikaturist aktiv, unter anderem brachte er erst im August 2019 im Amalthea-Verlag das Buch „offene Geheimnisse“ mit späten Zeichnungen und Collagen heraus. Im Olaf Gulbransson Museum in Tegernsee/Bayern wurde Ende September 2019 die Einzelausstellung „Ironimus / Cartoons von 1948 bis 2018“ eröffnet, die bis Januar 2020 läuft.

(Red.)