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Boeing-Unglück

Irans Luftwaffenchef übernimmt Verantwortung für Flugzeugabschuss

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APA/AFP/IRNA/AKBAR TAVAKOLI
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Ein Kommunikationsdefekt habe zum Abschuss der ukrainischen Maschine mit 176 Menschen an Board geführt, sagt der Kommandant der iranischen Luftstreitkräfte. Die Ukraine fordert nun eine Entschädigung von Teheran.

Der Iran hat den versehentlichen Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs eingeräumt. Die am Mittwochfrüh abgestürzte Maschine mit 176 Passagieren an Bord sei nahe an ein sensibles Militärgelände herangeflogen und für einen Marschflugkörper gehalten worden, sagte der Kommandant der Luft- und Weltraumabteilung der Revolutionsgarden, Amir Ali Hajizadeh, am Samstag.

"Das Unglück ereignete sich nach einem Kommunikationsdefekt, was jedoch trotzdem keine Rechtfertigung und unverzeihlich ist", sagte er. Hajizadeh berichtete, am Tag des Unglücks seien alle Streitkräfte wegen der Drohungen der USA, 52 Ziele im Iran anzugreifen, in höchster Alarmbereitschaft gewesen, darunter die Militärbasen in Teheran.

Der zuständige Offizier wollte demnach der Zentrale die Gefahr melden, aber genau zu dem Zeitpunkt habe es einen Defekt im Kommunikationssystem gegeben. Der Offizier hatte laut Hajizadeh dann nur wenige Sekunde zu entscheiden, ob er eine Luftabwehrrakete abfeuert oder nicht. "Und leider tat er es, was dann zu dem Unglück führte", sagte der Kommandant. "Als ich davon erfahren habe, wünschte ich mir, lieber selbst tot zu sein, statt Zeuge dieses Unglücks", sagte Hajizadeh. Als Chef der Abteilung für Luft- und Weltraumabteilung trage er die volle Verantwortung und sei bereit, alle Konsequenzen zu tragen.

Außenminister gibt USA Teilschuld an Unglück

Präsident Hassan Rouhani schrieb auf Twitter, der Iran bedauere den "katastrophalen Fehler" zutiefst. Schärfer äußerte sich der iranische Außenminister Mohammad Jawad Zarif. Er gab den USA eine Teilschuld an dem versehentlichen Abschuss. Sie seien für die aufgeheizte Atmosphäre verantwortlich, die zu dem menschlichen Fehler geführt habe, twitterte er. Die ukrainische Fluggesellschaft Ukraine International Airlines hingegen zeigt sich erleichtert über das Eingeständnis der iranischen Streitkräfte: "Wir waren von Anfang an sicher, dass es keine Schuld des Unternehmens wegen eines Pilotenfehlers oder technischer Fehler sein konnte", sagte Firmenchef Jewgeni Dychne am Samstag. 

Alle internen Untersuchungen hätten auf einen äußeren Faktor für die Absturzursache hingewiesen. Die Fluglinie sei in der Lage, die technische Sicherheit zu garantieren, sagte Dychne auf dem Kiewer Flughafen Boryspil.

Ukrainische Airline erleichtert über das Eingeständnis

Vorwürfe, dass das Unternehmen trotz der Krisensituation weiter Ziele im Iran angeflogen habe, wies Dychne unter Verweis auf den regulären Flughafenbetrieb zurück. "Vor uns sind Gesellschaften der ganzen Welt geflogen und nach uns sind Fluglinien der ganzen Welt geflogen", sagte der Airline-Chef. "Es hätte jeden Flieger zu der Zeit am Flughafen Teheran treffen können."

Bei dem Crash waren alle 176 Menschen an Bord gestorben. Kurz vor dem Absturz am Mittwoch hatte der Iran als Reaktion auf die gezielte Tötung des iranischen Top-General Qasem Soleimani zwei von US-Soldaten genutzte Stützpunkte im Irak angegriffen. Danach war die ukrainische Maschine abgestürzt.

Die Ukraine fordert nun Entschädigung. Zudem erwarte das Land ein vollständiges Eingeständnis der Schuld, eine offizielle Entschuldigung sowie eine umfassende Untersuchung, erklärte Präsident Wolodymyr Selenskyj am Samstag. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Iraner kritisieren tagelanges Leugnen

Insbesondere die USA und Kanada hatten verstärkt den Verdacht geäußert, dass die Absturzursache ein versehentlicher Raketenbeschuss gewesen sein könnte. Doch noch am Freitag wies der Iran dies vehement als "psychologische Kriegsführung" zurück. Die zivile Luftfahrtbehörde des Iran hatte am Donnerstag überraschend schnell einen vorläufigen Bericht vorgelegt, worin von einem technischen Problem kurz nach dem Start die Rede war.

Im Iran selbst stieß das Einräumen des Abschusses nach tagelangen Leugnen jedweder Schuld auch auf Kritik. "Es ist eine nationale Tragödie. Die Art, wie sie gehandhabt wurde und mehr noch, wie Behörden das bekannt gegeben haben, ist noch tragischer", sagte der als moderat geltende Geistliche Ayatollah Ali Ansari nach einem Bericht der halboffiziellen Nachrichtenagentur ILNA. Viele Iraner fragten in sozialen Medien, warum der Flughafen Teherans nicht geschlossen worden sei, nachdem die iranische Armee zwei US-Stützpunkte im Irak mit Raketen beschossen hatte.

In einigen Tweets wurde Außenminister Mohammad Javad Zarif zum Rücktritt aufgefordert. "Dies ist die Endstation, Herr Minister! Sie ruinieren alles", twitterte etwa Bita Razaqi unter dem Account @bitarazaqi.

Offenbar schlug US-Angriff auf zweite Person fehl

Indes standen die Zeichen im Konflikt zwischen den USA und dem Iran nach den gezielten Militärschlägen vorerst auf Entspannung. Nach dem Vergeltungsschlag des Irans auf die von den USA genutzten Militärbasen im Irak hatten US-Präsident Donald Trump und Irans Präsident Hassan Rouhani angekündigt, den Konflikt zunächst auf politischer Ebene führen zu wollen.

Der bei dem Drohnenangriff getötete Soleimani habe Angriffe auf vier US-Botschaften geplant, sagte Trump am Freitag in einem Interview mit dem Nachrichtensender Fox News. In den USA wird seit Tagen über die mutmaßlichen Anschlagspläne Soleimanis gestritten. Zur Begründung des Angriffs auf Soleimani hatte die US-Regierung angeführt, der General habe unmittelbar bevorstehende Angriffe gegen US-Soldaten und Diplomaten in der Region geplant. Allerdings gibt es Zweifel an der Darstellung der Regierung, die Details zu den mutmaßlichen Angriffsplänen des Anführers der für Auslandseinsätze zuständigen Quds-Brigaden der iranischen Revolutionsgarden nicht öffentlich machen will.

Offenbar hatten die USA parallel zu Soleimani vergangene Woche noch eine weitere Person im Visier. Eine geheime Aktion sei im Bürgerkriegsland Jemen durchgeführt worden, berichteten US-Medien unter Berufung auf Regierungskreise. Sie sei allerdings fehlgeschlagen. Die Aktion habe sich gegen den Iraner Abdul Reza Shahlai gerichtet, der Soleimani unterstellt war. Das US-Verteidigungsministerium wollte sich nicht zu den Informationen äußern.

(APA/Reuters/dpa)

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