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Spiritualität gegen NS-Todeskult: „Ein verborgenes Leben“

Auch seine Frau, Fani (Valerie Pachner), ringt mit sich und den Motiven ihres Mannes (August Diehl als Franz). Schlussendlich vertraut sie ihm – aus Liebe.
Auch seine Frau, Fani (Valerie Pachner), ringt mit sich und den Motiven ihres Mannes (August Diehl als Franz). Schlussendlich vertraut sie ihm – aus Liebe.(c) [ Filmladen ]
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An Terrence Malicks Denkmal für den österreichischen Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter ist viel auszusetzen. Es überwältigt trotzdem.

Schwierig, meint Sokrates in Platons „Apologia“, sei nicht „die Vermeidung des Todes, sondern noch weit mehr die der Schlechtigkeit; die kann nämlich schneller laufen als der Tod“. Sokrates entkam ihr bekanntlich. Und bezahlte dafür mit dem Leben. Bis heute wird gestritten, ob sein Martyrium heldenhaft oder töricht war. Wie weit darf man für seine Gesinnung gehen? Entzieht man sich durch radikale Opferbereitschaft für abstrakte Überzeugungen nicht realweltlicher Verantwortung? Und worin liegt dabei der Unterschied zu gefährlichem Fundamentalismus?

Große Fragen, die das Gegenwartskino selten stellt. Ethik und Metaphysik bleiben Zuständigkeit anderer Kunst- und Reflexionsformen. Eine der wenigen Ausnahmen bildet das Werk Terrence Malicks: Dem öffentlichkeitsscheuen Kinotheologen und einstigen Heidegger-Übersetzer, der schon mit seinem 1970er-Frühwerk zur Legende wurde, ging es stets um das Wesen der Dinge. Sein neuer Film „Ein verborgenes Leben“ ehrt nun einen Seliggesprochenen, der aus Gewissensgründen in den Tod ging: Franz Jägerstätter.

Dass ein US-Regisseur eine historische Fußnote aus Österreich adaptiert, scheint ungewöhnlich. Doch in Malicks Schaffenskontext überrascht es nicht. Seit jeher sucht er nach Unschuldsspuren im Auge des Daseinssturms, ob es um Krieg geht („Der schmale Grat“) oder um Kolonialismus („The New World“). Und die Geschichte des Innviertler Landwirts, der 1943 als Wehrdienstverweigerer hingerichtet wurde, liefert seiner künstlerischen Mission eine Steilvorlage. 2019 feierte „A Hidden Life“ in Cannes Premiere, am Freitag startet er in Österreich. Hauptschauplatz ist Jägerstätters Heimatort St. Radegund (Oberösterreich), gedreht wurde hauptsächlich in Südtirol – mit deutschen und österreichischen Schauspielern. Verglichen mit Malicks jüngeren Arbeiten, die zuweilen wie assoziative Bilderreigen anmuten, fließt das Drama hier in halbwegs geregelten Drehbuchbahnen, trägt aber nach wie vor die unverkennbare Handschrift des 76-jährigen Leinwandmagiers.

„Ich habe geglaubt, dass wir unser Nest hoch droben bauen könnten“, flüstert die Off-Stimme des von August Diehl verkörperten Jägerstätter zu Beginn. Da genießen er und seine Frau Fani (eindringlich: Valerie Pachner) noch einfaches Glück im idyllischen Bergparadies. Doch schon bald brauen sich dunkle NS-Wolken über dem Paar zusammen – und stellen ihre Gottergebenheit auf eine harte Probe. Soll Franz einem menschenverachtenden Regime, dessen Gewalt jedem christlichen Gebot spottet, die Stirn bieten? Oder mit dem Strom schwimmen, um seine Familie zu schützen?

Karl Markovics als Bürgermeister

Drei Stunden nimmt sich Malick für den inneren Kampf seiner Hauptfigur Zeit. Seine Mitmenschen, vom demagogischen Bürgermeister (Karl Markovics) bis zum wohlmeinenden Pastor (Tobias Moretti), mühen sich, ihn zur Räson zu bringen. Doch diese käme einer Selbstverleugnung gleich. Auch Fani zweifelt, ringt mit sich und den Motiven ihres Mannes. Schließlich fasst sie aus Liebe Vertrauen. Nun ist sich Franz sicher: „Besser die Hände gefesselt als der Wille.“

Seine folgende Inhaftierung schildert Malick als Variante der Passion Christi. Und legt mephistophelischen Advokaten, die zum wohlfeilen Kompromiss drängen, ein Hamlet-Zitat in den Mund: „Das Gewissen macht Feiglinge aus uns allen.“ Der Verführte bleibt standhaft. Die Kraft, die ihn dazu befähigt, strahlt aus jeder Einstellung: Weitwinkelkamerafahrten durchmessen satte Naturpanoramen, göttliches Licht dringt selbst in den finstersten Winkel des Gefängnishofs, im Hintergrund wabert Kirchenmusik von Schnittke bis Bach. Nicht einmal in „The Tree of Life“ zeigte sich Malicks tiefe Spiritualität so unverblümt.

Man kann diesem Film vieles vorhalten. Dass er das Landleben zu Postkartenkitsch verklärt. Dass er den Antisemitismus der NS-Ideologie ausblendet – ihre Verfechter wettern hier nur gegen „Ausländer“. Dass seine Heiligenerzählung historische Details verfälscht: Der reale Jägerstätter wäre zu militärischem Sanitätsdienst bereit gewesen, hier schlägt er ein ähnliches Angebot aus. Zudem macht der Protagonist keinerlei Wandlung durch: Von Anfang an ist seine Haltung klar. Alles berechtigte Einwände – die angesichts der poetischen Wucht des Films verblassen.

Sein Universalismus scheint beabsichtigt, ermöglicht er doch einen stärkeren Gegenwartsbezug. Im Original wird das Unspezifische von eigenartigen Sprachschwankungen unterstrichen: Englischer Dialog kippt stellenweise in österreichischen Dialekt. Und Malicks Kitsch, der schlicht darin besteht, dass er alles vor der Linse wie ein Wunder zelebriert, fühlt sich in seiner Beiläufigkeit immer noch natürlicher an als die gelackte Ästhetik vieler Heimat- und Historienfilme.

Letztlich ist solch bedingungslose Schöpfungsanbetung eine Antithese zum Nazi-Todeskult. Am Anfang von „Ein verborgenes Leben“ stehen Szenen aus Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“: Hitler in Siegerpose, Massen in Reih und Glied. Auch bei Malick triumphiert ein Wille – doch es ist der Wille zum moralischen Widerstand.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2020)