Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

USA

Tage der Not für New York und Trump

Leuchtturm der Hoffnung: Die in Rot getauchte Spitze des Empire State Building ist fast von überall in New York zu sehen.
Leuchtturm der Hoffnung: Die in Rot getauchte Spitze des Empire State Building ist fast von überall in New York zu sehen.(c) APA/AFP/JOHANNES EISELE
  • Drucken

Die Metropole bereitet sich auf schlimmste Woche seit 9/11 vor. Für einen New Yorker schlägt die Stunde der Bewährung. Der Präsident kämpft an zwei Fronten: gegen Pandemie und Rezession.

Wien/New York. Wie ein Leuchtturm, wie ein weithin sichtbares Leuchtfeuer der Hoffnung, ragt die in Rot getauchte Spitze des Empire State Building im Herzen Manhattans aus dem Nachthimmel New Yorks. Manche interpretieren dies jedoch auch als Mahnmal für die stetig wachsende Zahl der Todesopfer in der Coronakrise – als klaffende Wunde der Metropole, der wie im September 2001 eine neue Katastrophe einen hohen Blutzoll abfordert, gewiss höher als beim Terrorangriff von 9/11.

Gouverneur Andrew Cuomo und Bürgermeister Bill de Blasio warnen jedenfalls unermüdlich davor, dass die Ressourcen knapp würden, dass das Schlimmste erst bevorstehe – vielleicht just zu Ostern, vielleicht erst ein wenig später. Mit Sicherheit kann das niemand prognostizieren angesichts der steil ansteigenden Kurve der Coronapositiven und der traurigen Statistik der Todesfälle. De Blasio spricht vom Sonntag als dem „D-Day“: „Es werden Menschen sterben, die nicht sterben müssten.“ Vor allem der Mangel an Beatmungsgeräten versetzt New Yorks Politiker in Panik.

Corona-Schicksale

Binnen 24 Stunden verzeichneten die USA zuletzt rund 1200 Tote, die Hälfte davon im Bundesstaat New York und in New York City. Mehr als eine Viertelmillion Amerikaner, ein Löwenanteil in der größten Stadt, gelten offiziell als infiziert. Der Gipfel ist längst nicht erreicht.

Tag um Tag sorgen neue Schicksale für Entsetzen: der 48-jährige Krankenpfleger, der sich aufgeopfert hat; der gleichaltrige Pfarrer aus Brooklyn; der 52-jährige Musiker, der Hollywood-Hits komponiert hat; der 73-jährige Starchirurg; der 48-jährige Ex-Basketballstar; die 36-jährige Schuldirektorin; der 81-jährige Dramatiker; oder der 72-jährige Journalist der „New York Times“ in Teilzeitpension: „Those we've lost“, so nennt die „New York Times“ ihre Serie an Nachrufen im Zuge der Corona-Pandemie, ähnlich wie einst bei 9/11.

Nicht nur das medizinische Personal in den gedrängt vollen Spitälern ist bereits am Rande der Erschöpfung angelangt, übermüdet und ausgelaugt. Auch die Bestattungsunternehmen und Krematorien sind so überlastet, dass sie die Leichen in umliegenden Städten „zwischenlagern“. In die Umgebung New Yorks, in Zweitwohnsitze und Landhäuser in den Hamptons auf Long Island, nach Upstate New York, New Jersey und in die angrenzenden Neuengland-Staaten, sind inzwischen viele geflüchtet, die es sich leisten können – sehr zum Unmut der lokalen Bevölkerung und ihrer Politiker.

In Washington versucht derweil ein New Yorker, die Ruhe und Entschlossenheit des Krisenmanagers auszustrahlen, der weiß, dass die Stunde der Bewährung gekommen ist – die ultimative Nagelprobe wie bei George W. Bush 2001, an der Wohl und Wehe seiner Wiederwahl hängen. Zwei Stunden und elf Minuten dauerte jüngst Donald Trumps Pressekonferenz – längst nicht mehr Business as usual. Die Arbeitslosenzahl von 6,6 Millionen Amerikanern muss ihm einen Schauer über den Rücken gejagt haben. Nach einem Hilfspaket von 2,2 Billionen Dollar denkt er bereits daran, eine neue milliardenschwere Finanzspritze für Infrastrukturprojekte in die Wirtschaft zu pumpen. Jared Kushner, sein Schwiegersohn und Mann für alle Fälle, schaltet sich verstärkt in den Krisenstab des Weißen Hauses ein.

Die Sorgen der Demokraten

Über weitere Maßnahmen zur Ankurbelung der Konjunktur beriet sich Trump mit den großen Wirtschaftsbossen. Auch Joe Biden, der in seinem Haus im Delaware um Aufmerksamkeit ringt, wollte in einem Telefonat mit dem Präsidenten seinen Teil beitragen. Dabei drängen seine Demokraten voreilig, einen Untersuchungsausschuss im Kongress über Trumps Defizite beim Krisenmanagement einzusetzen. Sie plagen auch andere Sorgen: Ihren Parteitag zur Kür des Präsidentschaftskandidaten verlegten sie um einen Monat in den August. Ihre Vorwahl am Dienstag in Wisconsin wollen sie allerdings abhalten – per Briefwahl. Das rief selbst intern Kritik hervor.

90 Prozent der USA stehen unter Quarantäne – nach Willen des Top-Beraters Anthony Fauci bald auch die übrigen zehn Prozent. Zudem soll die explizite Empfehlung für das Tragen von Schutzmasken in der Öffentlichkeit die Epidemie eindämmen. Aus seinem Kellerstudio appellierte der infizierte CNN-Moderator Chris Cuomo, der Bruder des Gouverneurs, die Armen, Schwachen und Einsamen nicht zu vergessen. In den Tagen der Not strömen schon erste Scharen freiwilliger Helfer nach New York.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.04.2020)