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Wirecard: 20 Millionen Euro für Ex-Vorstand Marsalek aus Libyen-Deal

wirecard Bilanzskandal: Ermittler durchsuchen Wirecard-Bueros. wirecard Logo, Firmenemblem,Schriftzug ,Gebaeude, Fassade
Marsalek war bei Wirecard tätig. (Archivbild)imago images/Sven Simon
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Der österreichische Manager soll das Geld durch einen Schuldenverzicht der österreichischen Kontrollbank erhalten haben, berichten die „Financial Times“. Er soll behauptet haben, russische Söldner seien auf einer Zementfabrik stationiert.

Der untergetauchte Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der vor Jahren auch die Absicht zum Aufbau einer Miliz in Libyen gehabt haben soll, hat den "Financial Times" ("FT") zufolge über einen durch die Kontrollbank besicherten Zementfabrik-Deal in Libyen 20 Millionen Euro erhalten. Bis 2015 soll die Libyan Cement Company (LCC) dem österreichischen Baustoffunternehmen Asamer gehört haben.

Bei den 20 Millionen Euro soll es sich um einen Schuldenerlass gehandelt haben, den - so die "FT" am Wochenende - "der österreichische Staat", also die auf Außenhandelsfinanzierungen spezialisierte Oesterreichische Kontrollbank (OeKB), im Jahr 2017 als Darlehen für LCC gewährt habe. Das Geld sei an den Österreicher Marsalek ausgezahlt worden, geht laut der Zeitung aus Unterlagen der Münchner Beratungsfirma Wieselhuber & Partner hervor, die für das Baustoffunternehmen Asamer gearbeitet habe.

OeKB beruft sich auf Bankgeheimnis

Eine "Abschreibung wegen Uneinbringlichkeit" im Ausmaß von 20,768 Millionen Euro für Libyen scheint auch tatsächlich im Kontrollbank-Jahresbericht für das Jahr 2017 auf Seite 24 auf. "Ja, es hat damals einen Schadensfall in Libyen gegeben - der ist so wie alle Schadensfälle in verschiedenen Ländern im Geschäftsbericht ersichtlich", hieß es am Montag aus der OeKB.

Nähere Angaben zu Kundengeschäften oder Schadensfällen dürfe man nicht machen, man unterliege dem Bankgeheimnis, hält die OeKB schriftlich fest. Als Bevollmächtigte der Republik Österreich sei man mit der banktechnischen Behandlung von Haftungsübernahmen des Bundes betraut.

Nachfolge-Holding bestreitet Kontakt zu Marsalek

Den "FT" zufolge soll Marsalek wiederholt angegeben haben, an einer Zementfabrik in Libyen beteiligt gewesen sein, auf der 2017 russische Söldner stationiert gewesen seien. Dabei soll es sich um die LCC im Osten des Landes gehandelt haben. Für Minenräumaktionen in diesen Industrieanlagen sei die russische RSB-Group, eine private Militärfirma, unter Vertrag genommen worden. Ein RSB-Sprecher erklärte, man wisse nichts über Marsalek und habe nur mit dem Direktor der LCC Kontakt.

Auf einen Blick

Recherchen der „Presse“ haben ergeben, dass der untergetauchte Wirecard-Vorstand Jan Marsalek immer wieder über den Mittelsmann Florian S. vertrauliche Informationen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BVT) und dem Innenministerium an die FPÖ weitergegeben haben soll. Dies schürte Misstrauen zwischen ÖVP und FPÖ und gipfelte in zahlreichen Ermittlungen wie auch im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur gleichnamigen BVT-Affäre. Die Verbindung von Marsalek zur FPÖ gilt als Zufallsfund der Ermittler in der laufenden Causa Ibiza. Konkret sollen am Handy von Ex-FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus entsprechende Nachrichten aufgetaucht sein.

 

Wirecard musste indes ein Finanzloch eingestehen und Insolvenz anmelden. Während sich Vorstandschef Braun (er gilt als Vertrauter von ÖVP-Kanzler Sebastian Kurz, saß in dessen Denkfabrik Think Austria, die von Antonella Mei-Pochtler geleitet wird) den Behörden stellte und gegen Kaution auf freiem Fuß ist, tauchte Marsalek unter. Letzterem wird u. a. Betrug und Bilanzfälschung vorgeworfen, ein internationaler Haftbefehl liegt vor.

 

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LCC gehört dem Bericht nach heute der Libya Holding Group (LHG) in London und behauptet, von 15 Investoren aus Saudiarabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt zu werden. Die LHG geht Partnerschaften mit Drittinvestoren ein, die eine Möglichkeit für Geschäftsbeteiligungen in Libyen suchen, bestreitet aber jegliche Verbindung zu Marsalek.

„Kein Zusammenhang mit Asamer Baustoffe AG“ 

Vor dem Kauf durch LHG 2015 soll die Zementfabrik Asamer gehört haben. Die "FT" schreiben, dass fünf verschiedene Quellen in Österreich, Deutschland, Libyen und Russland sagen würden, Marsalek habe angegeben, er sei einer der neuen Eigentümer der LCC.

Die LCC gehörte früher tatsächlich mehrheitlich zu Asamer. Das oberösterreichische Unternehmen war in früheren Jahren - vor der dortigen Revolution - mit drei Zementwerken in Libyen aktiv: in Benghazi, Hawari und Al-Fataiah, wie Recherchen der Austria Presse Agentur ergaben. "Die Geschäftstätigkeiten in Libyen wurden von der Asamer Holding AG (Rechtsnachfolgerin Quadracir AG "in Liqu.") betrieben und stehen in keinem Zusammenhang mit der Asamer Baustoffe AG", teilte eine Unternehmenssprecherin am Montag auf Anfrage mit.

„Investoren ehrlichgesagt egal“ 

2014 gab es eine Restrukturierung bei Asamer - die Gruppe stand vor der Pleite, wurde filetiert und mit Hilfe von Banken saniert. Im Zuge der Neuformierung wurde die Asamer Baustoffe AG (Abag-Gruppe) gegründet, die ihren Sitz im oberösterreichischen Ohlsdorf hat. Alle gewinnbringenden Teile wurden darin zusammengefasst, die anderen Unternehmen inklusive Libyen-Geschäft gingen an die Quadracir.

Im Zuge der Sanierung von Asamer ging die LCC, die zu 50,4 Prozent der Asamer-Gruppe gehörte (der Rest sei von Mitarbeitern und dem libyschen Staatsfonds ESDF, Economic and Social Development Fund gehalten worden), an die LHG, einen Finanzinvestor mit Sitz in London, wie ein Sprecher der Quadracir Group am Montagnachmittag bestätigte. "Und der Marsalek ist in dem Zusammenhang nie aufgetaucht", dementierte der Sprecher zugleich einen Konnex zu dem international gesuchten Manager aus Österreich. "Unser Ansprechpartner bei LHG war Ahmed Ben Halim, der Chef von dem, und wen er als Investoren dahinter hat, entzieht sich unserer Kenntnis und ist uns ehrlichgesagt egal", so der Sprecher lapidar.

Auf der Abag-Webseite steht, aus der ehemaligen Asamer Holding AG sei die Quadracir AG "in Liqu.", also in Liquidation, geworden. Ein Blick ins Firmenbuch ("Wirtschafts-Compass") zeigt, dass die Quadracir AG "in Liqu." nicht mehr existiert: "Firma gelöscht", heißt es da. Allerdings gibt es noch eine Quadracir Beta GmbH, eine Quadracir Beteiligungs GmbH, eine Quadracir Delta GmbH und eine Quadracir Gamma GmbH.

Management bei Asamer heute anderes

Die Ausgliederung der Asamer Baustoffe AG begleitete der frühere Asamer-Baustoffe-AG-Finanzvorstand Jörn Trierweiler, der dann Vorsitzender der Geschäftsführung der Quadracir-Gruppe wurde, wie aus einer Pressemitteilung vom 3. März 2015 auf der Abag-Webseite hervorgeht. "Da dieser Prozess nun erfolgreich abgeschlossen ist, wird er (Trierweiler, Anm.) sich nun ausschließlich auf "die Abwicklung der Quadracir-Gruppe konzentrieren". Durch die Ausgliederung der Asamer Baustoffe AG im Rahmen der Restrukturierung in 2014 "wurden sämtliche Verflechtungen zur Quadracir-Gruppe, der ehemaligen Asamer Holding, gelöst", heißt es in der Aussendung vom März 2015 weiters.

Das damals neu etablierte Management bei der Asamer Baustoffe AG - Klaus Födinger war Vorstandssprecher und Markus Richter Finanzvorstand - wurde inzwischen ausgetauscht. Seit 2017 ist Harald Fritsch Alleinvorstand.

(APA)