Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Russland

Kreml-Kritiker Nawalny in Berliner Klinik eingeliefert

Die Charite in Berlin.
Die Charite in Berlin.(c) REUTERS (CHRISTIAN MANG)
  • Drucken

Ein Transfer nach Deutschland wurde nun doch gestattet, der schwer erkrankte Kreml-Kritiker wird in der Charite behandelt. Sein Zustand ist „stabil“.

Mehrere Helfer heben vorsichtig die massive Trage aus der Maschine: Als am Samstagmorgen kurz vor neun Uhr der Rettungsflug mit Alexej Nawalny in Berlin-Tegel landet, ist der Nervenkrieg um Russlands prominenten Regierungskritiker vorläufig zu Ende.

Stundenlang hatten Familienangehörige des Putin-Gegners und Ärzte noch im sibirischen Omsk um eine Ausreise des vermutlich vergifteten Politikers gerungen. Am Freitagabend gaben die Mediziner schließlich ihre Bedenken gegen einen Transport nach Deutschland auf. Der Zustand des Kremlkritikers sei "stabil", heißt es bei seiner Ankunft.

Ein Intensivtransporter der Bundeswehr brachte Nawalny dann unter starkem Polizeischutz in die Universitätsklinik Charité in Berlin-Mitte. Nun kann der 44-Jährige ausführlich untersucht und behandelt werden. Nach der medizinischen Diagnostik und Rücksprache mit der Familie wollen sich die Ärzte zur Erkrankung und weiteren Schritten äußern, erklärte die Universitätsklinik. Die Untersuchungen würden einige Zeit in Anspruch nehmen. Sobald Erkenntnisse vorlägen, werde auch die Öffentlichkeit informiert. Eine Sprecherin der Charité erklärte, vor Montag sei nicht mit einer offiziellen Äußerung zum Gesundheitszustand Nawalnys zu rechnen.

Nawalnys engster Kreis hatte russischen Behörden und Ärzten vorgeworfen, mit einer Verzögerungstaktik einen raschen Transport verhindert und so mögliche Beweise vertuscht zu haben. "Nichts hat den Transport von Nawalny behindert. Es war notwendig, dass das so schnell wie möglich getan werden musste", twitterte Nawalnys Sprecherin, Kira Jarmysch. Das hat vor allem seine Frau Julia Nawalnaja und sein Team möglich gemacht, die sehr hartnäckig den Behörden in ihrem Vorgehen widersprochen haben. Sie verdächtigen sogar die Ärzte, eindeutig gelogen zu haben. Nawalnaja bat dann Präsident Wladimir Putin persönlich, den Transport zu erlauben.

Einer der schärfsten Putin-Kritiker

Die Aktion war heikel, denn Nawalny ist einer der schärfsten Kritiker des Kremlchefs. Er ist der führende Kopf der liberalen Opposition. Nawalny holte die Opposition quasi aus der Schockstarre, nachdem der angesehene Regierungskritiker Boris Nemzow 2015 erschossen wurde. Mit detaillierten Recherchen zu Machtmissbrauch hat Nawalny den Kreml, den Geheimdienst und auch einflussreiche Oligarchen herausgefordert und gegen sich aufgebracht. 2017 schreckte er auch nicht zurück, den damaligen Regierungschef Dmitri Medwedew Korruption im großen Umfang vorzuwerfen. Nawalny löste so eine Protestwelle aus.

Im Fokus steht Nawalnys Team auch, weil Regionalwahlen in Russland anstehen. Mit ihrer Strategie einer so bezeichneten "klugen Abstimmung" will es der Kremlpartei Geeintes Russland Stimmen abspenstig machen und deren Dominanz in den Regionen brechen. Die Taktik: Jede beliebige Partei zu wählen - nur nicht Geeintes Russland. Damit waren sie auch schon in der Vergangenheit besonders für den Kreml unerwartet erfolgreich.

Deshalb sei es nicht auszuschließen, dass Nawalny Ziel eines Anschlags geworden sei, sagte Alexej Wenediktow, der Chefredakteur des renommierten Radiosenders Echo Moskwy. "Politisch ist das natürlich ein grandioser Schlag für das politische System Russlands." Die mögliche Vergiftung werde dieses System deutlich verändern.

Trotz einer möglichen Vergiftung wollen sich die Mitarbeiter nicht einschüchtern lassen. Die Stiftung werde ihre Arbeit fortsetzen, schrieb der Fonds-Leiter Iwan Schdanow auf Twitter. Auch die regelmäßigen Live-Auftritte im Internet setzten Nawalnys Mitarbeiter trotzig fort - in der Hoffnung, dass das prominenteste Gesicht bald wieder dabei sein wird.

Auch die deutsche Regierung setzt auf eine erfolgreiche Behandlung Nawalnys in Berlin. "Die Bundesregierung hofft, dass die Behandlung in der Charité zu einer Besserung seines Zustands führt und eine vollständige Genesung ermöglicht", teilte ein Regierungssprecher mit.

Nawalnys Team geht davon aus, dass der Oppositionelle während einer Reise durch Sibirien vergiftet wurde. Aus Sicht der russischen Ärzte gibt es dafür jedoch keinen Beleg. Sie sprachen lediglich von einer Stoffwechselstörung.

(APA/Reuters)