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Gastkommentar

Politischer Islam und Terror: Eine Replik zu Farid Hafez

Erdoğan
Ein Blick in den Verbundkatalog der türkischen Universitätsbibliotheken zeigt ja auch, dass selbst im Stab der „AK Parti“ von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zum „Politischen Islam“ nachgedacht wird.APA/AFP/ADEM ALTAN
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Es ist gut, dass die österreichische Bundesregierung dem Politischen Islam einen Riegel vorschieben will.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

Kollege Farid Hafez, ein in der internationalen Publikationswelt recht aktiver österreichischer Politikwissenschaftler der jüngeren Generation, hat in seiner Replik in der „Presse“ auf den profund recherchierten und sehr sozialwissenschaftlich gehaltenen Beitrag des islamischen Theologen Mouhanad Khorchide gar nicht wie ein Politikwissenschaftler argumentiert, sondern wie ein Politiker. Auf die veritable Vorlesung Khorchides, reagiert Hafez mit dem bloßen Satz: „Von Bedeutung ist nicht, was Wissenschaftler XY über den Begriff des Politischen Islam sagen, sondern wie die Regierungsvertreter diesen Begriff verwenden. Die Wahlprogramme der Türkisen, legislative Maßnahmen und politische Handlungen geben Auskunft darüber, was die Regierung unter Politischer Islam subsumiert.“

Aha. Wir sprechen also wieder einmal gar nicht über Islamismus, Terrorismus, sondern über Türkis und Kurz, vielleicht auch noch über Hofer und Kickl, getreu dem Reflex der letzten Jahre: die einen kritisieren „den Islam an sich“, die anderen „mauern“.

Kein Wort zu all den richtigen und wichtigen analytischen Hinweisen Khorchides zur sozialwissenschaftlichen Literatur, kein Hinweis, dass ja Farid Hafez diesen Begriff früher selbst verwendete. Ein Blick in den Verbundkatalog der türkischen Universitätsbibliotheken zeigt ja auch, dass selbst im Stab der „AK Parti“ von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan zum „Politischen Islam“ nachgedacht wird. Vielleicht kann Kollege Farid Hafez im nächsten Islamophobie-Report dann folgerichtig nicht nur, wie zu erwarten, die derzeitige türkis-grüne Regierung wegen ihrer Initiativen gegen den „politischen Islam“ an den Pranger stellen, sondern gleich auch Präsident Erdoğan himself?

Auf all das, was Khorchide schreibt, sagt Hafez als Politiker nur: „Der Kampf gegen den sogenannten Politischen Islam [ist] in Wirklichkeit ein Kampf gegen Moscheen, Kopftuch und islamische Bildungseinrichtungen“.

Verniedlichung des „politischen Islam"

Nein, er ist es ganz und gar nicht, und wie überhaupt, verniedlicht, verkleinert und zum Teil verschönert Hafez in seinen Werken den „politischen Islam“. Ein einziges Mal nennt er meines Wissens nach in einem Buch den Urvater des „politischen Islam“ in der Türkei, Erbakan, mit Namen (Islamophober Populismus, Springer, 2010) und sagt dort, Erdoğan sei ja eh ganz anders als Erbakan. Kein Wort über Erbakans Tiraden gegen den Westen und den „Bazillus“ des Zionismus. Kein Wort über all die Bekenntnisse Erdoğans zu seinem großen Vorbild Erbakan.

In seinem bisherigen Hauptwerk (Islamisch-politische Denker, Peter Lang, 2014) spricht Hafez auch kein kritisches Wort über den Antisemitismus und die Hitler-Verehrung von Sayyid Qutb, dem Urvater der islamistischen Terror-Ideologie. Und auch keines über den Muslimbruder Yusuf Al-Qaradawi.

Das mit Enes Bayrakli herausgegebene Routledge-Buch 2018 über die Islamophobie in muslimischen Mehrheitsgesellschaften bildet vielleicht den tiefsten Einblick in die ideologischen Landschaften, in die uns Farid Hafez führen will. Dort wird allen Ernstes die Abschaffung des Kalifats durch Atatürk kritisiert, und der letzte Sultan des Osmanischen Reiches, Sultan Abdulhamid II, in gewisser Weise glorifiziert. Der „kranke Mann am Bosporus“, dorthin geht die Reise also?

Was in der österreichischen Sozialwissenschaft im 21. Jahrhundert dann aber auf der Strecke bliebe, wäre zum Beispiel künftig mit den völlig freien Daten des „Arab Barometer Project“, zu arbeiten, an dem neben anderen weltbekannten Forschungseinrichtungen auch die Qatar University und das Center for Strategic Studies der University of Jordan beteiligt sind. Es misst fein säuberlich die Unterstützung bzw. die Ablehnung des „politischen Islam“ durch die arabische Öffentlichkeit mit einer ganzen Batterie von Fragen, und stellt auch statistisch mögliche Bezüge von geplantem Migrationsverhalten und sonstigen politischen und religiösen Einstellungen in den Raum.

Als Politikwissenschafter hätte Farid Hafez ein breites, künftiges Betätigungsfeld im Interesse der österreichischen Öffentlichkeit: vom politischen Islam zu sprechen als Umfeld des Terrors, zu forschen über die 167095 Opfer dieses Terrors der letzten vier Dekaden (berechnet nach Data.fondapol, Sciences Po, Paris, http://data.fondapol.org/en/, Islamist Terror Attacks in the World, 1979-2019, basierend auf US Homeland Security).

Verbrecherische Ideologie

Von einem österreichischen Politikwissenschaftler mit thematischem Bezug zur Region Nahost wäre wohl auch zu erwarten, endlich an der vordersten Front der Analyse der verbrecherischen Ideologie von solchen Organisationen wie der Islamische Staat (50490 Tote), Taliban (33204 Tote), Al Kaida (14406 Tote), bis hin zu Hisbollah (1242 Tote), Hamas (881 Tote), und der Muslimbruderschaft (439 Tote) zu sein.

Eine Politikwissenschaft, die dem Kampf gegen den Terror und der Solidarität mit den Opfern dient, wird auch endlich sagen müssen, dass zu den Zielen des islamistischen Terrors neben Regierungs- und Sicherheitseinrichtungen vor allem die Bildungsinstitutionen und religiösen Führungskräfte in der muslimisch geprägten Welt gehören, die die Ideologie des Terrors und seines Umfeldes ablehnen. Das ist die „Islamophobie“, über die ja nicht gesprochen wird.

Der Hass gegen die säkulare türkische Republik, die das Kalifat beendete, der Hass gegen den Westen, der Hass gegen Israel und die Juden – all das kennzeichnet die Ideologie der Terroristen und auch das breitere Umfeld des „politischen Islams“ in den Fußstapfen von Necmettin Erbakan und der Muslimbruderschaft, und es ist gut, dass die österreichische Bundesregierung dem einen Riegel vorschieben will.

Der Autor

Arno Tausch ist Universitätsdozent der Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck. Er war österreichischer Beamter und Diplomat und publizierte 30 Bücher und über 100 Artikel in Fachzeitschriften. Er schrieb u.a. für das Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) in Tel Aviv; das Jerusalem Center for Public Affairs, das IZA-Institut für Arbeitsökonomie, Bonn; das polnische Institut für internationale Angelegenheiten PISM, Warschau; und das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).