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Literatur

Friederike Mayröcker ist tot

„Meine Bücher handeln nicht. Es sind Seelenbücher“, sagt Friederike Mayröcker.
„Meine Bücher handeln nicht. Es sind Seelenbücher“, sagte Friederike Mayröcker.(c) Martin Vukovits/picturedesk.com
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Die stille, experimentierfreudige Dichterin ist heute im Alter von 96 Jahren in Wien verstorben. Sie war eine der ganz großen Autorinnen des 20. und 21. Jahrhunderts.

„Das Buch, das jetzt kommt, ist mein letztes. Ich weiß, ich sag das immer. Aber diesmal ist es so.“ Das sagte Friederike Mayröcker vergangenes Jahr im „Presse"-Interview über ihr neues „Seelenbuch“. Sie sollte Recht behalten: Heute, Freitag, ist Friederike Mayröcker im Alter von 96 Jahren in Wien verstorben, wie der Suhrkamp Verlag bekannt gab. Acht Jahrzehnte lang war sie auf der Suche nach der Wahrheit der Sprache. Friederike Mayröcker war eine stille, experimentierfreudige Dichterin. Sie gilt heute als eine der ganz großen Autorinnen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Am 20. Dezember 1924 in Wien geboren, besuchte Friederike Mayröcker zunächst eine private Volksschule, dann die Hauptschule und maturiert später in einer kaufmännischen Wirtschaftsschule. Von 1946 bis 1969 arbeitete sie als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen – „ohne Lust, ohne Freude, es war halsschnürend, eine Qual – aber nach dem Krieg musste ich ja von irgendetwas leben“, sagte sie einmal. Im Alter von 45 Jahren ließ sie sich vom Dienst befreien. Denn sie wollte „den Kindern nicht sagen, was sie zu schreiben und zu denken haben“.

Bereits 1939 verfasste das junge Mädchen literarische Texte, sein großes Vorbild war Hölderlin. 1946 veröffentlichte Mayröcker erstmals im „Plan“, einer der wichtigsten Kulturzeitschriften des Nachkriegs-Österreich. Ihr erstes Buch, „Larifari“, blieb erfolglos – genauso wie das Erstlingswerk von Ernst Jandl. „Die ersten zehn Jahre haben wir für die Schublade geschrieben“, erinnerte sich die Poetin ihrer Anfänge und ihrer großen Liebe, ihres Hand- und Herzgefährten Jandl.

Die 1950er-Jahre waren ihre wilde Zeit, als es ihr gemeinsam mit Ernst Jandl und H. C. Artmann um das reine Experimentieren geht. „Aber eigentlich“, so Mayröcker vor einigen Jahren, „bin ich jetzt noch wilder als damals. Jetzt weiß ich, ich muss mit dem Kopf durch die Wand.“ Die erste wichtige Publikation, „Tod durch Musen“, erschien 1966 im Rowohlt Verlag, denn in Österreich hatte ihre experimentelle Literatur keine Chance.

Am Ende blickte Friederike Mayröcker auf ein Lebenswerk von nahezu hundert Büchern in Prosa und Lyrik zurück, darunter Kinderbücher, Hörspiele und Bühnentexte.

Friederike Mayroecker 2005 in ihrer Wohnung in Wien.
Friederike Mayroecker 2005 in ihrer Wohnung in Wien.(c) APA (HANS KLAUS TECHT)

„Ich werde immer wieder gefragt, warum in meinen Texten so oft Blumen und Tiere vorkommen, Hyazinthen, Schwertlilien, Flieder“, sagte sie einmal. Das gehe auf ihre Kindheit zurück, als die Familie einen Vierkanthof im niederösterreichischen Deinzendorf ihr eigen nannte, da verbrachte sie ihre Sommer, da saß die Volksschülerin auf den Stufen zu einem Ziehbrunnen, spielte Mundharmonika und war wehmütig. „Ich war sieben Jahre alt und habe natürlich noch nicht gewusst, woher das kommt und wohin das führt.“

Zart und radikal

Es führte zum Schreiben, für das sie immer eine Prise Wehmut brauchte. Das war die eine Seite: Diese Sehnsucht. Diese Zartheit. Die andere Seite war radikal. Kompromisslos. Niemandem und nichts verpflichtet als der Sprache. Friederike Mayröcker assoziierte, sprang vor und zurück, machte aus Vergangenheit Gegenwart und aus Gegenwart Zukunft, aus Eigenem Fremdes und aus Fremdem Eigenes. Sie verband das Chaos und mit künstlerischer Form, den Rausch mit Disziplin, den Himmel und den Abgrund, die Vogelschar aus dem Kinderlied und Philemon und Baucis. Sie träumte und schrieb. Sie las und schrieb. Sie sah und schrieb. Sie ließ sich treiben und nahm uns  mit.

Ihr Leben hat sie freiwillig und freudig ihrem Schreiben unterworfen. Sie sei, meinte sie, danach süchtig. „Das ganze ist wie eine Überraschung, man weiß nie, wie es endet, ein Abenteuer, das man sich selber verschafft.“ Dafür verzichtete sie auf Kinder. Auf ein Zusammenleben mit Ernst Jandl, der zu dominant gewesen sei, als dass sie neben ihm hätte arbeiten können. Dafür lebte sie in dieser kleinen, viel fotografierten Wohnung im fünften Wiener Gemeindebezirk, in der sich Zettel und Bücher, Notizen und Skizzen stapelten, so dass sie fast unterzugehen schien zwischen all dem bekritzelten und bedruckten Papier. Dort konnte sie sich am besten konzentrieren.

2000 starb Ernst Jandl, mit dem Friederike Mayröcker fast ein ganzes Leben lang so eng verbunden war. Seinen Tod hätte sie fast nicht überlebt. Fünf Jahre später schrieb sie mit „und ich schüttelte einen Liebling“ eine innige Hommage an ihn, erstaunlich drängend im Rhythmus, überraschend einfach in der Sprache, nicht mehr so dicht geklöppelt, dafür noch musikalischer als sonst schon. Viel gab Mayröcker in diesem Buch von sich preis, an vieles erinnerte sie sich. Und sie verschwieg darin auch nicht, dass das Schreiben seinen Tribut gefordert hatte: „und einmal sagte EJ, du bist keine gute Frau nein wirklich du bist keine gute Frau, du bist sehr ehrgeizig und nur in deine Arbeit vertieft, und wenn ich einmal deine Hilfe brauchen werde wirst du nicht wissen was zu tun ist, nicht wahr, und ich weinte lange und klagte mich an und verfluchte das ganze Schreiben“.

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Steckbrief

Friederike Mayröcker

Geboren am 20. Dezember 1924 in Wien.

1939 Erste literarische Texte.

Ab 1946 Arbeit als Englischlehrerin.

1954 Sie lernt Ernst Jandl kennen.

Bücher

„Tod durch Musen“, „Schwarze Romanzen“, „Will nicht mehr weiden, Requiem für Ernst Jandl“, zuletzt „cahier“, „fleurs“, „Pathos und Schwalbe“, das neue Buch mit dem Titel „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ erschien vergangenen Juli bei Suhrkamp.

Auszeichnungen

Großer Staatspreis für Literatur, Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg, Georg-Büchner-Preis.

(red./best)