Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Premium
Zurück

Wie normal soll unser Leben wieder sein?

Gefühlte Normalität im Wiener Stadtpark.(c) imago images/Volker Preu�er (Volker Preusser via www.imago-images.de)
  • Drucken
  • Kommentieren

Freiheitsapostel und Staatsgläubige fordern konträre Lehren aus der Krise. Die meisten aber atmen einfach auf.

Die Raketen des Feuerwerks knallen. Die Stadt begrüßt sie mit einem Freudenschrei. Ein Arzt sinniert: „Die Menschen bleiben immer gleich. Aber das ist ihre Kraft und ihre Unschuld.“ Einen jungen Journalisten packt kurz davor ein konträres Gefühl. Lang hat er sich nach seiner Geliebten in der Ferne gesehnt, jetzt erwartet er sie auf dem Bahnsteig. Der Zug fährt ein, sie fallen sich in die Arme – aber ist sie noch die Frau, die er kannte und liebte? Können sie ihre Partnerschaft dort fortsetzen, wo sie aufgehört haben? Er teilt nicht die Zuversicht „all jener ringsum, die zu glauben scheinen, die Pest könne kommen und gehen, ohne dass das Herz der Menschen sich veränderte“.

Achtung: Es geht in der „Pest“ von Albert Camus nicht um die Pest. Dass Millionen Menschen diesen Roman in der Corona-Ära so andächtig (wieder-)gelesen haben, beruht auf einem doppelten Missverständnis. Nicht nur, dass die Pest um über zwei Zehnerpotenzen schlimmer wütete als das (nun nicht mehr so neuartige) Coronavirus, was jeden Vergleich verbietet. Dem Schriftsteller diente im Jahr 1947 die Plage nur als Allegorie für die Übel, die Menschen anderen Menschen antun: den Krieg, die totalitäre Diktatur der Nazis. Er beschrieb, wie einfache Bürger damit umgingen, als Mitläufer, Denunzianten, Widerstandskämpfer – transponiert in eine surreale Fabel, die das Reale erst richtig aufleuchten lässt.