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Warum Computerchips für Autos fehlen

Der Mangel an Halbleitern nimmt dramatische Formen an. Heuer können deswegen elf Millionen Fahrzeuge nicht hergestellt werden, den Autobauern entgehen deshalb Umsätze von etwa 181 Milliarden Euro.

Wien. Er müsse, klagte jüngst ein Autokäufer, bis Mitte kommenden Jahres auf seinen Neuwagen warten. Das ist schlimm, aber es geht noch schlimmer: Ein Panorama-Glasdach, eine drahtlose Ladeschale fürs Handy und eine Anhängerkupplung – wer derzeit diese drei Sonderausstattungen für sein künftiges Auto wählt, der muss noch geduldiger sein. „Ein Neuwagen mit diesen drei Ausstattungen wird definitiv nicht vor 2023 geliefert“, erklärt ein Händler in Wien.

Bisher waren es die fehlenden Computerchips, die der Autoindustrie Probleme bereiteten. Als wäre das noch nicht schlimm genug, kommen jetzt noch andere Lieferprobleme dazu. Beispielsweise eben bei Anhängerkupplungen: Im Lockdown haben viele das Fahrrad neu entdeckt. Am einfachsten befördert man die Räder mit einem Träger, der auf der Anhängerkupplung montiert wird. Die Nachfrage stieg sprunghaft und die Hersteller kommen mit dem Produzieren nicht nach.

Auf eine Anhängerkupplung kann man notfalls verzichten, nicht aber auf Airbags, die von einem Chip kontrolliert werden, auf die Klimaanlage oder auf intelligente Reifendruckmessgeräte. In einem gewöhnlichen VW Golf stecken etwa 70 Halbleiter, in Elektrofahrzeugen der jüngsten Generation sind es mehrere hundert.

Die Folgen der Chipkrise spüren die Hersteller vor allem im aktuellen und im vorangegangen Quartal. Reihenweise müssen Fabriken geschlossen werden – darunter auch das Opelwerk in Wien bis Ende des Jahres –, weil die Autos nicht fertiggebaut werden können.

General Motors produzierte von Juli bis September um ein Drittel weniger Autos als noch 2020 – also in einem Jahr, das ohnehin schon ganz im Zeichen der Pandemie stand. Ähnlich Mercedes: Im dritten Quartal konnten nur 428.000 Autos ausgeliefert werden – um 30,2 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch der weltgrößte Hersteller, VW, leidet. Allein bei der Marke Seat rechnet man heuer mit Umsatzausfällen von 500 bis 700 Millionen Euro.

Wie dramatisch die Situation für die Hersteller ist, zeigt eine Untersuchung der Beratungsfirma Alix Partners: Demnach werden der Autoindustrie wegen des Chipmangels heuer Einnahmen in Höhe von 181 Milliarden Euro entgehen (der Pkw-Markt hat in normalen Jahren einen weltweiten Jahresumsatz von etwa 1600 Milliarden Euro). Die Boston Consulting Group (BCG) errechnete, dass bis Oktober etwa sieben Millionen Fahrzeuge nicht hergestellt werden konnten. Auf das gesamte Jahr gerechnet werden wegen des Halbleitermangels zehn bis elf Millionen Fahrzeuge nicht produziert werden können. Für kleinere Hersteller können die Umsatzausfälle existenzgefährdend sein.

Probleme bei Reifenproduktion

Die Parkplätze der Hersteller sind derzeit voll mit halbfertigen Fahrzeugen. Mercedes bietet seinen Kunden an, auf bestimmte Sonderausstattungen zu verzichten, damit sie schneller zu ihrem Neuwagen kommen. Teilweise können die Fahrzeuge später nachgerüstet werden, teilweise funktioniert dies aber nicht, etwa beim neuen Cadillac Escalade mit dem teilautonome Fahrpaket „Super Cruise“, das in Tests den Autopiloten von Tesla schlug. Entweder die Kunden verzichten darauf – oder warten.

Und zwar lange: BMW glaubt, dass die Lieferprobleme „noch sechs bis zwölf Monate“ andauern werden, Daimler-Chef Ola Källenius rechnet sogar erst 2023 mit einer Entspannung. Dieses Jahr nennt auch BCG.

Der Grund für den Chipmangel liegt nur zum Teil im Stillstand während der Coronapandemie. Die Produktion fuhr schon immer auf 100 Prozent, Ausfälle können also nicht leicht nachgeholt werden. Dazu kommt die stark gestiegene Nachfrage nach Chips unter anderem wegen Homeoffice (mehr Computer und andere Elektronikprodukte), wegen des Ausbaus des 5G-Funknetzes und wegen neuer Produkte (darunter die Spielekonsole Playstation 5).

Die allgemeinen Lieferprobleme werden nicht weniger, sondern mehr: So ist die Nachfrage nach Kautschuk gestiegen, er fehlt nun in der Reifenproduktion. Im vergangenen Jahr wurden über ein Viertel weniger Autoreifen produziert, als in einem normalen Jahr. Im August lag der Kautschuk-Preis um 42 Prozent über jenem des Vorjahresmonats.