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Chinese artist Ai Weiwei shows his exhibition ´In Search of Humanity´ in Vienna
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Albertina Modern

So leicht lässt uns Ai Weiwei nicht entkommen

Die bisher größte Retrospektive auf den chinesischen Künstler und Menschenrechtsaktivisten zeigt ihn nicht nur als mahnendes Moralgewicht, sondern auch in seiner tiefen Verwurzelung in der westlichen Kunstgeschichte.

Direkt unter seiner Neonleuchtschrift „Fuck“ stand er Dienstagvormittag also wirklich, Ai Weiwei, freundlich den Einführungen eines Museumsdirektors (Klaus Albrecht Schröder) und zweier Kuratoren (Elsy Lahner, Dieter Buchhart) lauschend. Schließlich richtet ihm ausgerechnet die Albertina Modern am Karlsplatz die bislang umfangreichste Retrospektive auf sein Werk aus. 150 Werke. 50 Tonnen. 40 Jahre Kunst als politischer Widerstand auch im materiellen Sinn. Die Ausstellung ist inhaltlich an diesem Ort schlicht nicht zu erklären. Aber sie wird einen Besucherrekord bringen. Und das ist gut so, trifft sie doch in vielem den Punkt unserer Zeit. Besser, sie hier und jetzt zu haben, als gar nicht.

Ai Weiwei hat die international gewichtigste Stimme der Gegenwartskunst. Was mehr auf seiner öffentlichen Person, auf seine Biografie als in China politisch Verfolgter, auf seinem Menschenrechtsaktivismus beruht, als auf seinen Werken. Der Großteil kennt sie nicht, die anderen glauben, sie zu schnell zu verstehen. Sie führen einen auch in Versuchung, den leichten Weg zu nehmen, sie als plakative, als formelhafte Forderungen nach Frieden und Freiheit abzutun. Ein schwarzes Flüchtlingsboot, übergroß zum Monument aufgeblasen etwa – es will nicht das Dargestellte verewigen, nein, vielmehr unseren Horror davor. Oder besagte Leuchtschrift „Fuck“, die in seinen später geschliffenen Studios in Peking hing. Es karikiert die berühmte Selfieserie des Künstlers, bei der er Gebäuden der politischen und kulturellen Macht den Mittelfinger zeigte, zur Marke.

Puppenstube des Horrors: In sechs großen Boxen zeigt Ai Weiwei Szenen seiner Haft 2009. Durch Sichtluken wird man selbst zu seinem Überwacher.(c) Ai Weiwei/Lisson Gallery/Ken Adlard

Im großen Saal des Künstlerhauses hängen diese Fotos jetzt. Ab Mitte der 90er-Jahre, als Ai Weiwei nach seinem Kunststudium in New York wieder in China lebte, sind sie entstanden. Am Tiananmen-Platz, vor dem Eiffelturm, vor dem Weißen Haus – allem erwies der 1957 geborene junge Filmemacher und Dadaismus-Fan seine Verachtung. Sein Vater lag damals im Sterben, der als renommierter, aber regimekritischer Dichter im Zuge der Kulturrevolution einst ans Ende des Landes verbannt worden war, wo Ai Weiwei als Kind mit ihm in einem Erdloch vegetieren musste. Sich mit Macht anzulegen, kostet. Aber man tut es, lernte er also schon früh. Bei der Haltung blieb er. Doch nicht ohne teils beißende Selbstironie.