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Staatsbetriebe: Das Geld liegt auf dem Boulevard

Geld liegt Boulevard
(c) Apa (Harald Schneider)
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Der Verband Österreichischer Zeitungen ist alarmiert: In den Boulevardblättern häufen sich Inserate von „roten“ Staatsbetrieben. Zufälligerweise sind die Zeitungen nicht gerade Faymann-kritisch.

Dienstag nach dem Ministerrat: SPÖ-Kanzler Werner Faymann und ÖVP-Vizekanzler Josef Pröll stellen sich, wie üblich, den Journalisten. Prompt kommt die unvermeidbare Frage: ÖVP-Justizministerin Claudia Bandion-Ortner hat ja am Wochenende gefordert, dass Ministerien ihre Kosten für Zeitungsinserate künftig offenlegen. Die Journalisten wollen jetzt natürlich wissen, wie die Parteichefs dazu stehen. Pröll spricht sich erwartungsgemäß dafür aus. Und fügt hinzu: Dies soll auch für die Inseratenkosten staatsnaher Unternehmen gelten.

Und Faymann? Auch er erklärt sich mit der Sache einverstanden, sofern die Länder auch offenlegen.

Das ist gelinde gesagt erstaunlich. Denn noch am Wochenende hat sich SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter heftig gegen Bandion-Ortners Vorstoß gewehrt. Schon wieder ein Kommunikationsproblem unter den Sozialdemokraten? Mitnichten. Denn auch Hans Gasser, Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), ist über die 180-Grad-Wende in der SPÖ „positiv überrascht“, wie er sagt.

Gasser hat bereits im September diskrete Vieraugengespräche mit allen Parteichefs geführt. Schon damals war der VÖZ in höchstem Maße alarmiert gewesen: „Da hat sich schon abgezeichnet“, erzählt Gasser, „dass von den Ministerien und von staatsnahen Unternehmen heuer Inserate in noch nie da gewesenem Umfang – und vor allem sehr gezielt – platziert werden.“

Gegen das hohe Inseratenvolumen wäre ja an sich nichts zu sagen. Jedenfalls nicht aus Sicht der Zeitungen. Mehr als 70 Millionen Euro sollen laut Gasser heuer von politischer Seite in Inserate geflossen sein, „signifikant mehr als in den Jahren davor“. Wahljahr, eh klar. Was den VÖZ allerdings grob irritierte, war der augenscheinliche Gleichklang bei den Platzierungen: Vor allem „Kronen Zeitung“, „Österreich“ und die U-Bahn-Zeitung „Heute“ seien in den Genuss üppiger Inserate gekommen. Zufälligerweise sind das Zeitungen, zu denen Faymann ein besonderes Naheverhältnis hat. Und vice versa. Ist ja auch naheliegend: Die Beziehungen, die Faymann zum (mittlerweile verstorbenen) „Krone“-Chef Hans Dichand, zu dessen Schwiegertochter Eva Dichand („Heute“-Herausgeberin) sowie zu „Österreich“-Chef Wolfgang Fellner pflegt(e), können als überaus freundschaftlich bezeichnet werden.

Gasser wunderte sich also kaum, dass sich bei den Vieraugengesprächen nicht alle Parteichefs für Transparenz bei Inseraten aussprachen: „Pröll, Grünen-Chefin Eva Glawischnig und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache haben mir sofort ihre Unterstützung zugesagt“, erzählt er. „Nur Faymann war skeptisch.“

Auf gute Beziehungen zu den Boulevardzeitungen legt der „Medienkanzler“ eben Wert. Das war schon so, als er das Amt des Wiener Wohnbaustadtrates bekleidete, und das setzte sich fort, als Faymann Verkehrsminister war. Es war ja auch denkbar einfach: Seine Lieblingszeitungen wurden generös mit Inseraten bedacht. Im Gegenzug konnte er stets mit freundlicher Berichterstattung ihrerseits rechnen.

Im Sommer 2008 hat der damalige Verkehrsminister Faymann freilich den Bogen etwas überspannt – was ihm prompt eine Parlamentarische Anfrage der Grünen einbrachte: Die echauffierten sich damals über seitenweise Inserate von ÖBB und der Straßenbaugesellschaft Asfinag in Faymanns Leibblättern – „in denen der Minister vorteilhaft zu Wort kam und sein Wirken in rosigem Licht erschien“. Insider berichten, dass etwa im Jahre 2008 des Öfteren ganze Zeitungsbeilagen bei ÖBB, Asfinag und der Flugsicherungsbehörde Austro Control bestellt wurden – vom Verkehrsministerium.

Genau das sei, so heißt es im VÖZ, das eigentliche Problem: Bei Inseraten der Ministerien könne sich jeder Leser ein klares Bild machen. Bei Inseraten von Staatsbetrieben hingegen nicht. Den wenigsten Lesern sei bewusst, dass solche Inserate oft auf Druck des Eigentümervertreters, nämlich des Ministeriums, geschaltet würden. Mit dem unausgesprochenen Agreement, dass sich die jeweilige Zeitung selbstverständlich bei ihrem „Gönner“ in puncto Berichterstattung erkenntlich zeigt.

So etwas transparent zu machen, sei „ein wichtiger Beitrag zur Hygiene zwischen Politik und Medien“, findet Gasser. Zumal sich an der klandestinen Praxis nicht sonderlich viel geändert hat. In der Dienstag-Ausgabe der U-Bahn-Zeitung „Heute“ etwa erschien ein zweiseitiges „ÖBB-Special“. Gasser: „Selbstverständlich unterstelle ich jedem ordentlich geführten Unternehmen die professionelle Platzierung von Inseraten.“ Nachsatz: „Wenn aber die ÖBB ihre Bahnhof-Citys in einer U-Bahn-Zeitung anpreist, dann weiß man: Da wird eine Leistung erfüllt, die anderswo vereinbart wurde.“

Eine subjektive Einschätzung vielleicht. Und Faymann ist natürlich längst nicht mehr Verkehrsminister. Doch mysteriöserweise hat sich an der Häufung von Inseraten besagter Unternehmen in besagten Zeitungen nichts geändert.

Interessant ist, dass das Thema allerorts reflexartiges Schweigen auslöst: ÖBB, Asfinag & Co. sind allenfalls bereit, ihre Gesamtausgaben für Inserate preiszugeben. Wie viel einzelnen Zeitungen zugute kommt, soll hingegen ein Geheimnis bleiben. Nebulos heißt es etwa seitens der ÖBB: „Wir kaufen Reichweiten, nicht journalistisches Wohlwollen.“ Eigenartig nur, dass der VÖZ von einer Häufung von Inseraten spricht, „die in keinem Verhältnis zum Markt stehen“.

Gut, dass es offizielle Daten von „Media Focus Research“ gibt. Und die sind doch einigermaßen erstaunlich: Demnach hatten die ÖBB heuer ein Anzeigenbudget von rund sechs Millionen Euro. Davon gingen 1,1 Mio. an „Österreich“ – das laut Mediaanalyse über eine Reichweite von 9,3 Prozent verfügt. „Heute“ bekam ÖBB-Inserate im Wert von über einer Million Euro – mit einer Reichweite von 35,7 Prozent, allerdings nur in Wien. Die „Krone“ (Reichweite: 39,8 Prozent) brachte es auf 974.603 Euro. Die Hälfte des ÖBB-Anzeigenbudgets entfiel also auf die drei Zeitungen, die Faymanns Vertrauen genießen.

Die Asfinag hat heuer 1,3 Millionen in Anzeigen gebuttert. Auch hier war die Hälfte für „Krone“ (279.000 Euro), „Österreich“ (150.000) und „Heute“ (132.000) reserviert. Wobei Insidern zufolge sowohl bei den ÖBB als auch bei der Asfinag beträchtliche Mittel in den Anzeigenbudgets gar nicht ausgewiesen sind – sie sind in den Marketingbudgets „versteckt“.

Schon praktisch. „Aber mit Faymann hat das absolut nichts zu tun“, betont dessen Sprecher. Die jeweiligen Unternehmen würden eigenständig entscheiden, wo inseriert werde. „Wir machen uns das nicht mit denen aus.“ Deswegen fürchtet Faymann wohl auch die Transparenz nicht mehr.

Auf einen Blick

„Österreich-Interview“ mit Bundeskanzler Werner Faymann im vergangenen Sommer (oben): Distanziert kritisch ist anders. Ob es wohl daran liegt, dass die Boulevardzeitung mehr als großzügig mit Inseraten bedacht wird? „Faymann hat damit nichts zu tun“, sagt sein Sprecher.

Ein Zufall ist es sicher auch, dass die ÖBB diese Woche auf zwei Seiten ihre „BahnhofCitys“ in der U-Bahn-Zeitung „Heute“ bewarben (u.). Der Vollständigkeit halber sei aber darauf hingewiesen, dass Faymanns SPÖ auch in „Heute“ super wegkommt. Der Verband Österreichischer Zeitungen ist irritiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2010)