Klima

Winterbilanz: Guter Winter für Gletscher, aber . . .

Bei 13 Gletschern wurde Schneehöhe und -Dichte gemessen.
Bei 13 Gletschern wurde Schneehöhe und -Dichte gemessen.APA/GEOSPHERE AUSTRIA/NEUREITER
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Schneefall im Frühling sorgt für Gletscherzuwachs, nicht für Aufatmen.

Nach Berichten über „Rekordschmelze“ und massiven Gletscherschwund ist es wieder einmal eine gute Nachricht: Die Winterbilanz zu den heimischen Gletschern ist wegen der ergiebigen Schneefälle im April und Mai besser als erwartet ausgefallen. Lag im Hochwinter extrem wenig Schnee, wuchs die Schneedecke dann doch noch deutlich, informierte Geosphere Austria am Montag.

Das zeigen jüngste Messungen in den Hohen Tauern. Dort vermisst Geosphere Austria (ehemals ZAMG) gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur Wien jedes Jahr im Frühling die Gletscher am Hohen Sonnblick (Goldbergkees und Kleinfleißkees). Die Wissenschaftler messen an rund 450 Punkten die Schneehöhe mit Sonden, an weiteren fünf Positionen wird in Schneeschächten die Schneedichte bestimmt.
Vor allem im April und Mai kam es im Hochgebirge – nach einem trockenen Winter – noch zu ausgiebigen Schneefällen, die für die Bilanz des Winterhalbjahrs einen großen Unterschied machen, sagt Geosphere-Gletscherexperte Anton Neureiter: „Hätten die Messungen am 1. Mai stattgefunden statt um den 25. Mai, wäre die Wintermassenbilanz um etwa 15 Prozent geringer ausgefallen.“

Zehn Zentimeter mehr Schnee

Die ersten Auswertungen zeigen einen Gewinn an Masse im Winterhalbjahr, der in etwa dem Durchschnitt der vergangenen Jahre entspricht. Die mittlere Schneehöhe lag heuer Ende Mai am Goldbergkees bei 415 Zentimetern (zehn Zentimeter über dem Mittel der vergangenen Jahre). Das entspricht einem Massenzuwachs von 1800 Kilogramm pro Quadratmeter und lag sechs Prozent über dem Mittel der vergangenen Jahre.

Am Kleinfleißkees rangierte die mittlere Schneehöhe ebenfalls zehn Zentimeter über dem Mittel. Der dortige Massenzuwachs von 1550 Kilogramm pro Quadratmeter ergab sogar acht Prozent über dem Mittel.
Grund zum Aufatmen für die Gletscher ist dieser Zuwachs allerdings noch keiner: Denn erst die Jahresbilanz bringt tatsächlich Aufschluss darüber, wie viel die Gletscher heuer geschrumpft sind. „Die Messungen dafür werden Ende September durchgeführt, erst dann kann man sagen, wie das Jahr für die Gletscher war“, sagt Neureiter. Für die langfristige Schmelzrate der Gletscher sei das Wetter im Sommer ausschlaggebender als jenes im Winter. „Entscheidend ist, ob gelegentliche Kaltlufteinbrüche im Sommer auf den Gletschern Schnee bringen.“ Im Sommer, der Schmelzperiode eines Gletschers, schmilzt dieser durchschnittlich um einen halben Meter in einer Woche. Schneit es zwischendurch, kann die frische, sehr weiße Schneedecke die Sonnenstrahlen zu fast 100 Prozent reflektieren und damit Gletscher bis zu einer Woche vor dem Schmelzen schützen. Ein Gletscher ohne Neuschnee ist hingegen viel dunkler, nimmt daher viel Sonnenstrahlung auf und schmilzt somit schneller.

Für Ausblicke auf den Sommer sei es noch zu früh, sagt Neureiter. Klar ist jedenfalls, dass die österreichischen Gletscher stetig weniger werden, wohl auch heuer: Durchschnittlich sind die Gletscher in den vergangenen Jahren um jeweils einen Meter pro Jahr geschmolzen. 2022 verloren die heimischen Gletscher im Mittel sogar drei Meter Eisschicht, bestätigte der Klimastatusbericht kürzlich.

Auch der Österreichische Alpenverein berichtete heuer bereits über eine „Rekordschmelze“ im vergangenen Jahr. So haben die österreichischen Gletscher in der Periode 2021/2022 um durchschnittlich 28,7 Meter an Länge verloren – so viel wie noch nie seit Beginn der Messungen vor 132 Jahren.

Obwohl der Alpenverein 78 Gletscher vermisst, sei die Massebilanz, bei der die Daten von 13 Gletschern herangezogen werden, noch aussagekräftiger, sagt Neureiter. „Längenmessungen hinken dem Klima hinterher, bei der Massebilanz kann man es sofort ablesen, sie ist der direkte Link zum aktuellen Klima.“

Ablaufdatum für Gletscher

Und dieses, oder genauer, die stetige Erwärmung des Klimas, sorge dafür, dass die alpinen Gletscher ein „Ablaufdatum“ haben, sagt Neureiter. „Die Prognosen sind sehr, sehr schlecht. Bis 2100 werden die Gletscher 90 Prozent an Masse verlieren.“ Lediglich kleine Reste, die sehr hoch oder auf der Schattenseite eines Bergs liegen, werden dann noch übrig sein. Schneezuwachs im Winter, Schmelze im Sommer, „die Gletscher suchen immer das Gleichgewicht. Das ist aber nicht mehr zu erreichen.“

("Die Presse" Print-Ausgabe, 06.06.2023)


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