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Sizilien: Aufstand gegen "Dorf der Solidarität"

(c) EPA (REGIONE SICILIA / HANDOUT)
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Italiens Regierung hat eine Siedlung für Familien von US-Militärs auf Sizilien in ein Flüchtlingslager umfunktioniert. Die Anwohner protestieren. Auf die Straße treibt sie Angst – und die Wut auf das ferne Rom.

Die „Residence degli Aranci“ leuchtet im Sonnenlicht. Schmucke Einfamilienhäuschen in sanften Rot- und Brauntönen stehen in Reih und Glied, umgeben von Orangenhainen. Im Sommer verwandelt die unbarmherzige Sonne das Landesinnere Siziliens in verbrannte Erde. Jetzt, im Frühling, sind die Hügel überzogen von zartem Grün, Schafe grasen friedlich neben der Straße.

Es ist ein kleines Paradies, mit gepflegten Rasenflächen und blitzsauberen Spielplätzen. Scheinbar. Wären da nicht der meterhohe Drahtzaun und die vielen Polizisten und Soldaten draußen. Es spielen auch keine Kinder mehr hier. Junge Männer laufen einem Ball nach, viele haben dunkle Haut, manche tragen Kaftane, die meisten Jeans und T-Shirt. Es werden viele Sprachen gesprochen auf dem Fußballplatz: Arabisch, Suaheli, Französisch, Paschtu, Dari.

Auf der anderen Seite des Zauns füllt sich der kleine Parkplatz mit Menschen. Sie halten Plakate in die Höhe: „Ja zur Solidarität, Nein zum Ghetto“, „Dem Süden bleiben nur die Tunesier“. In Gruppen wird erregt debattiert: „Wir haben Angst um unsere Kinder“, schreit eine Frau, an ihre Hand klammert sich ein kleines Mädchen. Rund 1000 Menschen sind aus den umliegenden Dörfern gekommen. Alte und Junge, Männer und Frauen jeglicher politischer Couleur, dazu 15 Bürgermeister sowie Parlamentsabgeordnete.

 

Von Rom im Stich gelassen

Auf die Straße treibt sie Angst – und die Wut auf das ferne Rom, das verfügt hat, dass die „Residence degli Aranci“ umgewandelt wird in ein „Dorf der Solidarität“, wie Silvio Berlusconi es bei einem Blitzbesuch verkündet hat. Gemeint ist damit, dass Asylbewerber hergebracht werden und, entgegen allen ursprünglichen Zusagen, auch Hunderte von Tunesiern, die zuletzt auf der Insel Lampedusa gestrandet sind. Berlusconi versuchte am Montag in Tunis auf die dortige Regierung einzuwirken, um zumindest den weiteren Zustrom übers Mittelmeer einzudämmen.

„Wir haben nichts gegen die Flüchtlinge“, beteuert Giuseppe Castania, „aber wir verlangen von Rom endlich Klarheit. Schon jetzt ist die Lage hier sehr angespannt.“ Castania ist Bürgermeister des Ortes Mineo, zu dem auch das „Dorf der Solidarität“ gehört. Bis vor Kurzem lebten dort die Familien von US-Militärs, die im nahen Sigonella stationiert waren. Eigentlich sollten nach dem Abzug der US-Soldaten italienische Familien hierher ziehen, es gibt 404 Wohneinheiten auf 25 Hektar Land, jedes Haus hat drei Schlafzimmer, Garten und Grillplatz. Doch dann kam alles anders.

Nun laufen die Menschen in der Gegend Sturm gegen den „Notplan“ der Regierung, denn an normalen Tagen dürfen die jungen Männer das Lager verlassen.

Die Lokalpolitiker fühlen sich im Stich gelassen von Rom, wieder einmal, und wissen dabei Raffaele Lombardo hinter sich, Siziliens Regionalpräsidenten. Auch er ist aufgebracht über das „Fünfsternelager“, wie sie es hier mit dem deutschen Wort nennen. „Die Lasten trägt bisher nur der Süden“ sagt Salvatore Tornabene, Geschäftsmann aus Caltagirone. Die Gegend ist bitterarm, ihr einziger Reichtum sind die saftigen Blutorangen im fruchtbaren Tiefland des Ätna – geerntet meist von illegalen Einwanderern, zu Hungerlöhnen.

 

„Ich will nur weg hier“

Den Vorwurf des Rassismus weist Tornabene zurück: „Wir sind selbst ein Schmelztiegel der Kulturen.“ Aber es gibt in der Region kaum Arbeit, und so ist man empört darüber, dass bisher fast alle der mehr als 20.000 Tunesier, die in den vergangenen Wochen auf Lampesa gestrandet sind, weiter verteilt werden auf Lager in Sizilien, in Kalabrien und Apulien. Erst jetzt will die Regierung auch Kommunen im Norden zwingen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Die, die jenseits des Zauns stehen, wissen das nicht. Sie kamen in der Hoffnung auf ein besseres Leben, aus Afghanistan, Pakistan, Somalia, Eritrea, sie flohen vor islamistischem Terror, Krieg und Armut, schlugen sich monatelang über Land durch und dann mit dem Boot übers Meer. „Ich will nur eines: so schnell wie möglich weg hier“, sagt Kaled N. und lacht dabei. Er hat als Koch in den Touristengebieten Tunesiens gearbeitet, doch jetzt will er nach Frankreich, lieber heute als morgen. Schon einmal hat er versucht, in Europa ein neues Leben anzufangen, hat in Deutschland Asyl beantragt und wurde schließlich abgeschoben.

Walid M. hat das „Dorf der Solidarität“ schon weit hinter sich. Müde ruht er sich am Straßenrand aus und wartet mit seinem Freund, ob nicht doch einmal ein Auto anhält und sie mitnimmt. Hunderte sind wie sie bereits aus den Lagern geflohen. Bis nach Sigonella hat es Walid schon geschafft, 30 Kilometer zu Fuß. Nach Catania ist es fast noch einmal so weit, von dort will er nach Messina, dann aufs Festland und weiter nach Frankreich. Es sind nur noch 1000 Kilometer.

Auf einen Blick

Silvio Berlusconi war am Montag in Tunesien, um mit der Regierung über eine Rücknahme tunesischer Flüchtlinge zu verhandeln. Italien brachte Flüchtlinge aus Lampedusa nach Sizilien, Kalabrien und Apulien. Doch aus den neuen Lagern haben sich Hunderte davongemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2011)