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Abschied von Atomkraft wird lang und teuer

Symbolbild
(c) EPA (ARMIN�WEIGEL)
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Deutschland und die Schweiz wollen nach Fukushima auf Kernenergie verzichten. Doch aus welchen Quellen soll Europas Energiehunger künftig gestillt werden? Was können Wasserkraft, Wind- und Sonnenenergie leisten?

Wien. Auf einmal ging es Schlag auf Schlag. 25.Mai: Die Schweiz beschließt, den letzten ihrer fünf Atomreaktoren bis 2034 vom Netz zu nehmen. 30.Mai: Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel tritt vor die Presse und verkündet: „Wir wollen bis 2022 vollständig auf Kernenergie verzichten.“

Die Atomkatastrophe im fernen Fukushima – nach einem Erdbeben und einem folgenden Tsunami kam es dort im März zur Kernschmelze in drei Reaktoren – hat damit erste konkrete Auswirkungen auf die Energiepolitik in Europa. Weitere Länder könnten folgen: In Belgien wurde der Atomausstieg schon 2003 beschlossen, der Beginn ist 2015 vorgesehen. Spanien will zumindest keine neuen AKW bauen. Und Italiens Premier Silvio Berlusconi hat plötzlich Angst vor dem Volkswillen bekommen: Noch vor Kurzem plante er den Wiedereinstieg in die Atomkraft, nach Fukushima ist aber ein großer Teil der Italiener dagegen. Die geplante Volksabstimmung würde Berlusconi also verlieren.

Schlagartig gewinnt mit diesen Entscheidungen eine Frage an Brisanz: Welche alternativen Energieträger können in Zukunft einen Teil von Europas 143 Kernkraftwerken ersetzen? Und vor allem: Wie schnell kann das geschehen?

 

Zunächst mehr Gaskraftwerke

Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel hat ihre Antwort bereits gegeben: Bis 2030 sollen in der Nord- und Ostsee um geschätzte 75 Milliarden Euro hunderte Windkraftanlagen mit einer Leistung von 25 Gigawatt entstehen. Um die Leistung eines AKW-Reaktorblocks zu ersetzen, braucht es derzeit rund 300Windräder. Bis heute hat Deutschland aber erst zwei kleinere Testanlagen im Meer stehen.

Vorerst wird man also wohl nicht um den Bau zusätzlicher Gaskraftwerke herumkommen. Das erhöht freilich die Abhängigkeit von russischem Erdgas und stellt die Klimaschutzziele der EU infrage. Erst am Montag meldete die Internationale Energieagentur (IEA), dass der weltweite Kohlendioxidausstoß 2010 so rasch gestiegen ist wie nie zuvor. Im Vorjahr wurden demnach 30,6 Gigatonnen CO2 emittiert, 1,6Gigatonnen mehr als 2009.

Damit also auch das Klima den Atomausstieg in weiten Teilen Europas verkraften kann, müssen die stillgelegten AKW auf dem Kontinent am ehesten durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden.

 

Windboom im Norden

Europa hofft für die Zukunft der Energieversorgung vor allem auf kräftigen Rückenwind aus dem Norden: Derzeit liefert Windenergie gerade einmal fünf Prozent des europäischen Stroms. Bis 2030 soll es ein Drittel sein, fordert die EU-Kommission, bis 2050 sogar die Hälfte. Vor allem vor den Küsten Großbritanniens, Dänemarks und Deutschlands ist das Potenzial groß. Windenergie kostet derzeit je nach Standort sechs bis neun Cent pro kWh. Auf hoher See sind die Kosten mit zehn bis 16 Cent höher.

 

Wasserkraft ist günstig

Gewaltiges Potenzial hat auch die Wasserkraft, vor allem, wenn etwa Frankreich den Ausstieg aus der Atomkraft beschließen würde. Denn die natürlichen Gegebenheiten dort sind dank der vielen Gebirge und Wasserläufe geradezu ideal. Die Technik gilt zudem als ausgereift und im Gegensatz zu den meisten anderen alternativen Energieträgern als günstig genug, um mit Gas- und Kohlekraftwerken konkurrieren zu können.

Sonnenenergie wird seit Jahren vor allem im Süden Europas eine große Zukunft vorausgesagt. Doch obwohl die Preise für Solarenergie schneller fallen als die jeder anderen alternativen Energiequelle, zählt Solarenergie heute immer noch zu den teuersten Varianten, Strom zu erzeugen.

Der Einsatz von Biogas kann regional sinnvoll sein, das Potenzial von Wellen- und Strömungsenergie kann heute nur schwer abgeschätzt werden.

Auf mittlere Sicht, da sind sich die meisten Forscher einig, ist es möglich, nicht nur die Kernenergie, sondern auch fossile Energieträger durch erneuerbare zu ersetzen.

Den europäischen Netzbetreibern bereitet das jedoch heftige Sorgen: In Deutschland warnten die vier Branchengrößen bereits vor Wochen davor, dass ein zu rasches Abschalten der AKW zu Stromausfällen führen könne. Europas Netze seien nicht auf die erwarteten Mengen an Alternativenergie ausgelegt, die eben nicht gleichmäßig angeliefert kommt, sondern nur dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Wichtig ist daher auch der Ausbau der Übertragungsnetze und die Entwicklung von Stromspeichern.

Energie sparen

Die einfachste Variante, Atomkraftwerke zu ersetzen, ist freilich, weniger Energie zu verbrauchen. Die EU wünscht sich etwa, den Energieverbrauch in Europa bis ins Jahr 2020 um ein Fünftel zu reduzieren. Derzeit sieht es nicht so aus, als würde der Wunsch in Erfüllung gehen. Nach heutigem Stand würde die EU 2020 nur bei neun Prozent weniger Energieverbrauch landen.

Kritiker monieren, dass am Ende ein ganz anderes Szenario stehen könnte – und Länder, die nun vollmundig aussteigen, künftig eben Atomstrom importieren. Denn andere denken gar nicht daran, die Kernenergie aufzugeben, allen voran AKW-Großmacht Frankreich. Tschechien und die Slowakei planen den Ausbau ihrer AKW, Russland will bis 2030 überhaupt 26 neue Reaktoren bauen. So rasch schlägt der Atomenergie in Europa also nicht die letzte Stunde.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2011)