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Vom Wandel der journalistischen Praxis

Wandel journalistischen Praxis
(c) Die Presse (FABRY Clemens)
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Viel wird spekuliert über die Zukunft der Medien. Aber wohin entwickelt sich journalistisches Arbeiten? Ein Blick nach vorn – und in den Rückspiegel.

Tief gebeugt sitzen die Journalisten über ihren Schreibmaschinen, das Klappern der Typenhebel hallt durch den Raum und die fertigen Artikel werden mit der Rohrpost in die Setzerei geschickt, wo die Zeitung Zeile für Zeile in „Bleisatz“ gegossen wird. Ein Bild aus einer anderen Zeit? Eigentlich ist es noch gar nicht so lange her, dass der Alltag in Redaktionen so ausgesehen hat, die älteren unter den Kollegen können sich noch gut daran erinnern. Inzwischen regieren Bits und Bytes statt Papier und Druckerschwärze. Der Wandel, den der Journalismus durchgemacht hat und weiter durchmacht, ist enorm. Und ein Gutteil dieses Wandels ist durch das Internet bedingt. „Früher hat man das Telefon zum Recherchieren gehabt“, erzählt der ehemalige „Presse“-Chefredakteur Thomas Chorherr. „Man musste sich selbst auf die Beine machen.“ Heute wird gegoogelt.

Der Wandel in der Recherche ist eine der wesentlichsten Veränderungen der journalistischen Praxis. „Das persönliche Gespräch ist sicherlich weniger geworden“, sagt Chorherr. Stattdessen nutzen Redakteure Suchmaschinen und Online-Enzyklopädien wie Wikipedia. Und natürlich Nachrichtenagenturen. Gerade Online-Redakteuren wird heute gern vorgeworfen, lediglich Agenturmeldungen zu kopieren. Dass auch die Nachrichtenselektion eine journalistische Kernkompetenz ist, wird vergessen. „Der Copy-&-Paste-Verdacht besteht zu Recht – aber das ist kein Ergebnis der Digitalisierung“, sagt Andy Kaltenbrunner, Gesellschafter des Medienhauses Wien. „Da gibt es eine Verklärung des Journalismus von einst. Wer sich eine Zeitung aus den 1960er- Jahren zur Hand nimmt, wird feststellen, dass die nach unseren Maßstäben viel schlechteren Journalismus aus sehr viel weniger Agenturquellen gemacht haben.“

 

Print ist nicht ersetzbar

Der Journalismus habe nicht an Qualität verloren – im Gegenteil. „Junge Journalisten sind heute in vielerlei Hinsicht besser vorbereitet“, so Kaltenbrunner. Während man früher das Handwerk in Redaktionen – durchaus vor dem mitlesenden Publikum – gelernt hat, gibt es heute in Österreich so viele Ausbildungsstätten wie nie zuvor. Aber auch die Anforderungen haben sich verändert. „Die Qualitätsansprüche an den Einzelnen, eine breite Bildung und einen hohen Grad an Spezialisierung aufzuweisen, steigen“, resümiert Kaltenbrunner. „Journalisten brauchen ein breiteres Verständnis von Kommunikation, dem Mediensystem und ihrem Publikum als etwa noch vor 20, 30 Jahren. Der Job ist aufregender, vielfältiger und viel härter geworden.“

Das schlägt sich auch in den Arbeitszeiten nieder. Im Schnitt arbeiten angestellte Journalisten 48,7 Stunden pro Woche, ergab der „Journalisten Report II“ 2008. Nicht berücksichtigt wurde, dass Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen. „Morgenjournal“ hören, „ZiB“ schauen, Zeitung lesen: Job oder Vergnügen? Zu twittern gehört zum guten Ton – und zwar rund um die Uhr.

Redaktionen stoßen inzwischen an ihre Grenzen. Personalabbau ist nach den krisenbedingten „Entschlackungskuren“ kaum mehr möglich, jedenfalls nicht ohne Einbußen bei der Qualität. Glaubt man Kaltenbrunner, soll das Pendel künftig in die Gegenrichtung ausschlagen. „Punkten kann man nur mit massiven Investitionen in Qualität – in das Personal, in Weiterbildung und in die Strategiebildung“, so der Medienberater. Denn eines ist klar: Die Journalisten von morgen müssen mehrere Plattformen bespielen können. Zwar existieren Online- und Printredaktionen heute vielfach noch neben- und nicht miteinander, aber das wird sich ändern. „Die integrierte Redaktion ist auf lange Sicht gesehen unausweichlich.“

Fürchten müssen sich aber selbst die Apokalyptiker unter den Medienbeobachtern nicht. „Die Papierproduktion wird drastisch zurückgehen, aber nicht verschwinden“, sagt Kaltenbrunner. „Es gibt Bereiche, in denen Print nicht ersetzbar ist.“

Wie aber wirkt sich die onlinegetriebene Nachrichtenflut, die sich mit jeder Smartphone- und Tablet-Generation verstärkt, auf die Praxis aus? Verschiebt sich der Fokus von reinen Nachrichten hin zu Meinungsartikeln, wie manche Beobachter meinen? „Nein. Gute Nachrichtenselektion durch glaubwürdige Profis wird im Gegenteil wichtiger, eben weil es scheinbar immer und überall einen Schwall davon gibt“, sagt Kaltenbrunner. „Die häufige Annahme, dass Kommentare die wichtigste Perspektive des Journalismus sind, ist nur die halbe Wahrheit. Zuerst kommen solide Recherche, Wissenserwerb, Nachrichtenaufbereitung – und dann erst subjektiv Gescheites. Und das sollte sehr gescheit sein. Weil Meinungen gibt es im Web im Dutzend billiger.“

Gewandelt hat sich auch die Kultur des Journalismus. Während Printartikel irgendwann in Druck gehen, können und müssen Onlinetexte ständig aktualisiert werden. Fertig ist man in dieser neuen Ära des Nichtloslassens somit eigentlich nie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2011)