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Proteste: Der "Abschaum Europas" verwüstete Rom

Proteste Abschaum Europas verwuestete
(c) Reuters
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Rund um den Globus gingen am Wochenende Menschen auf die Straße, um gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus zu demonstrieren: Zumeist gestalten sich die Proteste friedlich - Italien ausgenommen.

Rom. Zwölf Verhaftungen, 70 verletzte Demonstranten und Polizisten, beschädigte Banken, Geschäfte und Hotels: Das ist die Bilanz der schweren Ausschreitungen, in die die anfangs friedliche Großdemonstration gegen die Macht der Finanzwelt am Samstag in der italienischen Hauptstadt Rom umgeschlagen ist.

In rund 900 Städten weltweit hatten Kundgebungen gegen die Vorherrschaft der Banken stattgefunden – die meisten davon friedlich. Rom bildet in diesem globalen Demonstrationsreigen die unrühmliche Ausnahme.

„Der Abschaum Europas ist nach Rom gekommen“, schimpfte Roms konservativer Bürgermeister Gianni Alemanno, der sich am späten Samstagabend ein Bild vom Ausmaß der Zerstörungen gemacht hatte. Es waren die schwersten Ausschreitungen in Italien seit dem G8-Gipfel in Genua vor zehn Jahren.

Ratlosigkeit am Tag danach

Am Tag danach herrschte in Italien Ratlosigkeit, wie es so weit kommen konnte. Die Veranstalter waren schockiert, auf Foren im Netz wurde diskutiert, und ein dunkler Verdacht machte die Runde: Dass bezahlte „agents provocateurs“ aus den Reihen der Polizei am Werk waren. Bereits im Vorfeld hatte es aber auch Hinweise gegeben, dass militante Mitglieder der sogenannten „Sozialzentren“ aus allen Teilen des Landes anreisen und Wirbel schlagen wollten.

Unisono verurteilte die Politik die Ausschreitungen. Gleichzeitig begann die Diskussion um den Polizeieinsatz. „Die Verantwortlichen werden hart bestraft werden“, kündigt Ministerpräsident Silvio Berlusconi an. Doch selbst er hielt sich mit Scharfmacherei gegen seine politischen Gegner vorerst zurück. Auch Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord zeigte sich überzeugt, dass die Randalierer nicht ausschließlich aus dem linken Spektrum stammen.

Zu den Krawallmachern gehörten offenbar nicht nur Mitglieder der autonomen Szene, die vor allem in Genua und Mailand stark ist, sondern auch rechtsextreme militante Ultras und andere „kriminelle Elemente“, wie es Roms Polizeichef Antonio Manganelli formulierte. Im Innenministerium jedenfalls befürchtet man Schlimmes für die nächsten Monate, eine „neue Form von Gewalt, die noch eskalieren könnte“.

70 Verhaftungen in New York

In New York, wo die Protestwelle gegen die Auswüchse des Finanzkapitalismus und Neoliberalismus Mitte September ihren Ausgang genommen hatte, demonstrierten in der Nacht zum Sonntag schätzungsweise 50.000 Menschen. Die Polizei nahm mehr als 70 Menschen fest. Die meisten Festnahmen gab es nahe des Times Square. Beamte mit Helmen und Schlagstöcken und berittene Polizisten drängten die Menschen zurück. Bis auf wenige Ausnahmen verlief die Demo auf New Yorks berühmter Vergnügungsmeile aber friedlich.

Die Polizei nahm auch 24 Wall-Street-Demonstranten in Gewahrsam, nachdem diese in eine Filiale der Citibank geströmt waren, um ihre Konten in einer gemeinsamen Aktion aufzulösen. Die Bewegung „Besetzt die Wall Street“ („Occupy“) hält seit vier Wochen New York in Atem. In anderen Städten der USA gab es ebenfalls Proteste.

Die Proteste in Österreich blieben überschaubar und friedlich. In anderen europäischen Städten war das Echo auf den im Internet verbreiteten Aufruf größer. In Deutschland demonstrierten nach Angaben des globalisierungskritischen Netzwerks Attac 40.000 Menschen. Zehntausende skandierten im Herzen Madrids gegen die Macht der Banken. In Frankreich verliefen die Proteste ähnlich wie in Österreich „gemütlich“. Aktionen gab es auch in Australien, Ozeanien, Ostasien, Südamerika.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2011)