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Jeff George: "Muss nicht immer die billigste Pille sein"

Jeff George Muss nicht
symbolbild generika(c) Www.BilderBox.com
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Der Chef des Generika-Herstellers Sandoz will in Asien expandieren - aber auch am Traditionsstandort in Kundl in Tirol festhalten. Statt auf weiße Chemiepillen will er verstärkt auf "bioähnliche" Medikamente setzen.

Herr George, Sie leben als Generika-Produzent vom billigsten Preis. Wie können da Produktionsstandorte in Hochlohnländern, wie jener im Tiroler Kundl, bestehen?

Jeff George: Als ich zu Sandoz gekommen bin, habe ich mich das auch gefragt: Warum stehen von unseren 38 Fabriken mehr in Europa als überall sonst? Die Realität ist aber, dass unser Standort in Ostdeutschland kosteneffizienter ist als unsere Fabriken in Indien, China oder der Türkei. Arbeitskosten sind nicht entscheidend, sondern Volumen und Effizienz. Kundl ist eine der größten Antibiotikafabriken weltweit mit überragender Produktivität, bietet kontinuierlich Innovationen und produziert dabei große Stückzahlen. Wir haben sogar überlegt, ob wir gewisse Vorprodukte für Antibiotika in Indien oder China produzieren sollen. Aber solange man dort verlässliche Lieferanten hat, muss man nicht dort produzieren. Damit ersparen wir uns auch die Tests, um die Tabletten wieder nach Europa zu reimportieren. Für China produzieren wir in China.

 

Rechnen Sie auch für Ihre Branche dort mit dem größten Wachstum?

Ja, China besitzt enormes Wachstumspotenzial. Im Moment konzentrieren sich natürlich alle auf die Schwellenländer. Aber ich glaube, dass es auch abseits von China, Indien und Lateinamerika große Chancen gibt. Nehmen Sie Japan: Das ist der zweitgrößte Pharmamarkt der Welt, aber nur ein Viertel der Verschreibungen sind Generika.

 

Sind Generika, die billigen „No-Name-Tabletten“, bei westlichen Kunden einfach nicht akzeptiert?

Das kommt darauf an, in welchem Land man ist. In Großbritannien sind bereits 83 Prozent aller Medikamente, die verschrieben werden, Generika, in den USA sind es 78 Prozent. In Frankreich hingegen gerade einmal 36 und in Italien 14 Prozent.

 

Erleben Sie TCM (traditionelle chinesische Medizin, Anm.) in Asien als Konkurrenz?

Ich sehe das eher als Ergänzung. Ich selbst nehme mehrere westliche Medikamente gegen Allergien. Ich habe aber auch in China gelebt und dort Anfang der Neunziger Akupunktur kennengelernt. Ich meditiere täglich, nehme auch Kräuter. Das geht Hand in Hand. Vor mehreren Jahren hat Novartis bereits angefangen zu untersuchen, wie wir TCM zur Entwicklung innovativer Medizin einsetzen können. Gleichzeitig investiert Novartis eine Milliarde Dollar über einen Zeitraum von fünf Jahren in die Gründung und Erstellung eines Entwicklungszentrums in Shanghai. Dort wird erforscht, wie wir das Wissen aus der chinesischen Medizin für unsere Produkte nutzen können. Eines unserer besten Produkte gegen Malaria basiert auf einer natürlichen Substanz, die in China angebaut wird und auch in der TCM eine Rolle spielt.

Im Moment setzt die Pharmawelt stark auf Biosimilars, Nachahmermedikamente von biotechnologisch hergestellten Produkten. Welche Wachstumschancen geben Sie diesen neuartigen Generika?

Es stimmt, viele Firmen haben in den vergangenen zwei Jahren angekündigt, dass sie Biosimilars entwickeln wollen. Das hat einen einfachen Grund: Bis zum Jahr 2016 werden Patente für biopharmazeutische Medikamente im Wert von 63 Milliarden Dollar auslaufen. Wenn wir fünf Jahre nach vorn blicken, werden sieben der zehn beliebtesten Medikamente bereits biologisch sein. Das werden nicht die kleinen weißen Pillen sein, die wir heute erzeugen. Der größte Unterschied liegt in den Kosten. Ein Generikum für weiße Pillen zu entwickeln kostet heute vielleicht ein oder fünf Millionen Dollar. Biosimilars spielen in einer anderen Liga – die Entwicklungskosten bewegen sich dort zwischen 75 und 250 Millionen Dollar. Es ist eine andere Wissenschaft: leine Chemie, sondern Biologie.

 

Wird es bald keine weißen Pillen mehr geben?

Nein, aber es gibt eine starke Verschiebung. Im Vorjahr waren nur fünf bis zehn Prozent aller Medikamente, die ihren Patentschutz verloren haben, biologisch. Innerhalb von fünf Jahren werden es fast die Hälfte sein. Es wird auch Zeit, dort leistbare Alternativen zu entwickeln. Heute kostet die klassische chemische Pille im Schnitt einen Dollar pro Patient und Tag. Biologische Medikamente kosten noch 22 Dollar am Tag.

 

Sie haben die neuen Mitbewerber am Markt für Biosimilars erwähnt, scheinen sich in Ihrer Position aber ziemlich wohlzufühlen.

Wir fühlen uns nie wohl. Der frühere Intel-Chef Andrew Grove hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Nur die Paranoiden überleben“. Natürlich sehen wir die Konkurrenz, aber ich glaube, dass viele Mitbewerber einfach zu spät kommen. Sandoz hat 1996 mit Biosimilars begonnen, heute halten wir 50 Prozent der Anteile auf den streng regulierten westlichen Märkten. Die ersten drei in einem Produktsegment werden auch dann noch gut verdienen, wenn die Preise erwartungsgemäß sinken, für alle anderen wird es eher schwierig, dann eine positive Rentabilität zu erreichen.

 

Haben Sie als Generika-Hersteller weniger mit Fälschungen zu kämpfen als die alte Pharmaindustrie?

Normalerweise ist das ein größeres Problem für teure Markenprodukte, aber auch wir erleben das. Typischerweise in ärmeren Ländern. Was da passiert, ist letztlich wirklich gefährlich und oft teuflisch. Ich kenne Beispiele, in denen unsere Produkte offiziell eingekauft und auch eingesetzt werden. Sobald sie beginnen zu wirken, werden sie durch wirkungslose Fälschungen ersetzt, und die Patienten kommen in größte Schwierigkeiten. Wir bekommen die Reklamation und können nicht mehr sagen als: Das ist nicht unser Produkt. Das ist vielleicht ein Grund, warum es in den Schwellenländern mehr Markentreue gibt als im Westen, wo die Namen eher austauschbar sind.

Viele Ärzte klagen darüber, dass die Pharmafirmen zu keinem Risiko mehr bereit seien. Statt echte Innovationen zu suchen, schlagen sie daraus Profit, dass sie bekannte Medikamente für immer neue Indikationen vermarkten. Werden Sie da zu Unrecht attackiert?

Wenn man die Branche als Ganzes sieht, ist sicherlich ein Stück Wahrheit dabei. Die Kritik ist oft gerechtfertigt. Viele suchen nur die Multimilliarden-Blockbuster und produzieren doch nur mehr vom Gleichen. Gerade Novartis (der Mutterkonzern, Anm.) ist allerdings anders. Ein Beispiel ist Glivec, unser Medikament gegen chronische myeloische Leukämie. Obwohl unsere Marktforscher Bedenken hatten, dass der Markt zu klein sei, hat sich Novartis am Patientenbedarf orientiert. Im Vorjahr haben wir mit diesem Medikament schon vier Milliarden Dollar Umsatz gemacht.

 

In Österreich wird debattiert, ob öffentliche Krankenkassen den Ärzten vorschreiben sollen, nur noch die billigsten Pillen zu verschreiben. Was halten Sie davon?

In Österreich sind die Ärzte zwar frei in der Wahl der Therapie, müssen aber dabei auch auf die Kosten schauen. Sandoz unterstützt die Forderung der Krankenkassen, wirtschaftliche Verschreibungen voranzutreiben. Allerdings sind wir nicht der Meinung, dass es immer die absolut billigste der möglichen Therapien sein muss. Wenn ein Patient mit einem leistbaren Generikum zufrieden ist, sollte er es nicht alle drei Monate gegen die jeweils ein wenig billigere Pille tauschen müssen. Das würde nur Verwirrung schaffen und die Bereitschaft des Patienten, das Medikament auch zu nehmen, untergraben.

Nachahmermedikamente sind allgemein alsGenerika bekannt. Die Novartis-Tochterfirma Sandoz ist auf Generika spezialisiert und produziert am Traditionsstandort in Kundl in Tirol, wo seit 1946 Medikamente hergestellt werden. Sandoz gilt als Vorreiter bei sogenannten Biosimilars – neuartigen Generika, die als „bioähnlich“ bezeichnet werden. In Europa sind erst 13 dieser Biosimilars zugelassen. Sandoz hat auch bei der Entwicklung des Zulassungsverfahrens geholfen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2011)