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EU-Schuldenkrise trifft die Schwächsten der Schwachen besonders hart

Symbolbild
EU-Schuldenkrise trifft die Schwächsten der Schwachen besonders hart(c) EPA (ALEXANDROS VLACHOS)
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Gesundheit. Obdachlose und Illegale leiden an Unterversorgung und psychischen Krankheiten.

Brüssel. Dass Finanzkrisen nicht nur materielle, sondern auch gesundheitliche Konsequenzen haben, ist spätestens seit der Großen Depression der 1930er-Jahre in den USA bekannt – damals gingen jene Aufnahmen, die Fotografen wie Walker Evans oder Dorothea Lange von verarmten, durch Hunger gezeichneten amerikanischen Farmern gemacht hatten, um die Welt. Insofern war es zu erwarten, dass auch die europäische Schuldenkrise negative Folgen haben wird. Während das britische Magazin „Lancet“ vor wenigen Wochen eine Studie publizierte, der zufolge die Bürger der überschuldeten Staaten Südeuropas seltener zum Arzt gehen („Die Presse“ berichtete am 28.März), hat sich nun das medizinische Netzwerk Ärzte der Welt mit der gesundheitlichen Lage der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft – der Obdachlosen und illegalen Migranten – beschäftigt. Das Fazit der soeben präsentierten Untersuchung: Die gesellschaftlichen Parias leiden in dieser Krise stark – und das nicht nur am Südrand der Union, sondern auch in ihrem wohlhabenden Zentrum.

Die Studie der NGO wurde 2012 in sieben EU-Mitgliedsländern – Belgien, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Spanien, Großbritannien und den Niederlanden – durchgeführt und basiert auf Interviews mit insgesamt 8412 Personen, die im Lauf des vergangenen Jahres eine Klinik der Ärzte der Welt, die gratis Notversorgung anbieten, aufgesucht haben. Insofern gibt sie keinen fundierten europaweiten Überblick, sondern ist eher als eine Momentaufnahme zu betrachten – nicht zuletzt da für die Zahlen auch keine Vergleichswerte aus früheren Perioden vorhanden sind. Nichtsdestoweniger sind die Ergebnisse der Untersuchung, auch wenn sie eher unter Stichprobe einzuordnen sind, aussagekräftig.

 

Jeder zweite Patient ohne Unterkunft

Im Schnitt hatte jeder zweite Patient der Ärzte der Welt im Vorjahr keine geregelten Wohnverhältnisse, sondern lebte in einer Notunterkunft beziehungsweise auf der Straße. 61 Prozent der befragten Personen hatten zudem keine Aufenthaltsgenehmigung. Allerdings war die Bandbreite in dieser Hinsicht besonders groß: Während in Griechenland nur 22 Prozent der Bedürftigen illegal im Land waren, waren es in der niederländischen Metropole Amsterdam neun von zehn Patienten.

 

Dramatische Lage in Griechenland

Auffallend ist auch der angeschlagene seelische Zustand der Befragten: 28 Prozent gaben an, in „schlechter“ bzw. „sehr schlechter“ psychischer Verfassung zu sein. Besonders häufig war diese Selbstdiagnose mit 50,8 Prozent in Griechenland, das seit dem Ausbruch der Krise in einer wirtschaftlichen Depression steckt – mit evident negativen Auswirkungen auf die staatliche Krankenversorgung: Knapp 50 Prozent der Patienten in den vier griechischen Kliniken der Ärzte der Welt waren Inländer – ein Rekordwert. Allerdings wurden nur knapp zwei Prozent der griechischen Krankheitsfälle vom medizinischen Personal als akut eingestuft, was damit zu tun haben dürfte, dass immer mehr Griechen die Notkliniken für ihre „normale“ Behandlung aufsuchen, da sie sich die Selbstbehalte in den staatlichen griechischen Einrichtungen finanziell nicht leisten können.

Das Geld ist nicht nur in Griechenland ein Problem. 81 Prozent der von den Ärzten der Welt behandelten Personen gaben an, sonst die vollen Kosten ihrer Behandlung tragen zu müssen. Jedem fünften Bedürftigen wurde die Behandlung im Lauf der vergangenen zwölf Monate durch die nationalen Gesundheitsbehörden überhaupt verweigert. Besonders ausgeprägt war dieses Phänomen in Spanien, wo 62 Prozent der Befragten nicht behandelt wurden. Die Folge: 36 Prozent der Patienten haben es aufgegeben, sich auf offiziellem Weg um ihre Gesundheitsversorgung zu bemühen.

Nach Ansicht der Studienautoren sind drastische Sparprogramme in den südeuropäischen Gesundheitssystemen kontraproduktiv, weil die Spätfolgen aufgeschobener Untersuchungen und unbehandelter Leiden höhere Kosten in der Akut- und Notfallmedizin bedeuten. „Nur zwei Tage Intensivbetreuung eines Frühgeborenen kosten beispielsweise genauso viel wie alle Vorsorgeuntersuchungen einer Schwangeren“, rechnet Michel Degueldre, Präsident der Ärzte der Welt in Belgien, vor.

Auf einen Blick

Die NGO Ärzte der Welt hat 2012 ihre Patienten in sieben EU-Ländern interviewt. Demnach waren 28 Prozent der Befragten in schlechter psychischer Verfassung. Der Höchstwert wurde mit 50,8 Prozent in Griechenland verzeichnet – wo auch jeder zweite Patient kein illegaler Asylant war, sondern Inländer. EU-weit wurde jedem fünften befragten Bedürftigen im Vorjahr die staatliche Krankenversorgung verweigert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2013)