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Jugendarbeitslosigkeit: Aufstehen für Weg aus der Hölle

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Österreichs Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit ist in der EU Vorbild - etwa mit »Spacelab«.

An einem Wuzler spielen zwei Jugendliche beim Eingang Tischfußball. Eine legere Sitzecke verstärkt den Eindruck eines Jugendtreffs. Es sind auch junge Mädchen und Burschen, die in der Knöllgasse 2 im Wiener Arbeiterbezirk Favoriten ebenerdig ein und aus gehen können. Aber es sind Menschen zwischen 15 und 25 ohne Beruf und damit ohne Perspektive für ihr Leben. Das Projekt Spacelab soll ihnen zumindest eine solche Aussicht eröffnen. „Pimp your future“, lautet der altersgerechte Slogan für Interessierte.

Es sind Aktivitäten wie diese, mit denen Österreich die Jugendarbeitslosenrate niedrig zu halten versucht. 40.891 der 15- bis 24-Jährigen wurden Ende April offiziell ohne Job gezählt. Junge weg von der Straße: Österreichs Regierung und auch die Sozialpartner stoßen damit in der EU auf viel Gehör. Das kostet aber auch Geld: 640 Millionen Euro pumpt Österreich heuer in alle Spezialprogramme. Rund 1,2 Millionen Euro sind es für Spacelab.

Das Projekt, das vom Verein Wiener Jugendzentren, WUK und Volkshilfe getragen, vom Arbeitsmarktservice (AMS) gefördert wird und nun sogar für einen EU-Preis nominiert ist, stellt eine niedrige Schwelle für ein Herantasten an das Berufsleben dar. Für Schulabbrecher, für Mädchen und Burschen mit Schwellenangst vor Behörden, die teils gesundheitliche und drogenbedingte Probleme oder Schwierigkeiten mit den Eltern haben, ist schon ein regelmäßiger Morgenrhythmus ein erster – für sie großer – Schritt zurück.

„Für mich ist es schon schwer, in der Früh aufzustehen und rechtzeitig herzukommen“, gibt ein Mädchen freimütig zu. Vor drei Jahren hat sie die Schule abgebrochen, weil damals allein das Aufstehen zur „Hölle“ geworden ist. Jetzt sitzt sie mit einem halben Dutzend anderer Jugendlicher in einem der Spacelab-Räume um einen Tisch beim Modellieren und Töpfern. Für dieses „Tagestraining“ erhält sie zehn Euro Taschengeld. Jeden Tag kann sie entscheiden, ob sie mitmacht. Das Mädchen hat inzwischen eine neue Perspektive: Einzelhandelskauffrau im Sportartikelbereich wäre sie gern. Vielleicht aber auch etwas Handwerkliches, weil sie beim Tagestraining Gefallen daran gefunden hat.

Mundpropaganda. Im anderen Zimmer werden beim Medientraining Flyer und der Prototyp eines Magazins produziert. „Es war viel leichter, als ich gedacht hatte, jeden Tag aufzustehen“, erzählt ein Bursch aus dem zehnten Bezirk, der nun von Mediendesign schwärmt. Ein Freund hat ihm das Spacelab empfohlen: „Er hat gesagt, das ist eine gute Chance, ins Arbeitsleben einzusteigen.“ Koordinator Christoph Trauner bestätigt, dass man von dieser Mundpropaganda lebt: 40 Prozent der Jugendlichen kämen deswegen her. Andere, wie Adem Setzer aus Hernals, sind vom Jugendarbeiter in einem Jugendzentrum angesprochen worden.

Familienersatz.Oft ist es so, dass Jugendliche nur unregelmäßig im Spacelab vorbeischauen. Trauner und seine 30 Mitarbeiter in Wien bieten Geborgenheit. Sie sind mitunter Familienersatz und Therapeuten. Das Tagestraining ist schon ein größerer Schritt. Der nächste sind Module zur Vorbereitung auf eine (Lehr-)Ausbildung oder eine Beschäftigung. Da gibt es bis zum Alter von 18 Jahren 11,86 Euro pro Tag, bis 25 Jahre schließlich 21,86 Euro zur Deckung der Lebenshaltungskosten.

Der Leiter ist sich der Grenzen bewusst: „Wenn Arbeit kein Thema ist, kann man auch hundertmal den Vorschlag machen.“ 2400 Jugendliche wurden 2012 angesprochen. 40 bis 45 Prozent finden eine weitere Ausbildung oder eine Beschäftigung. Aber Trauners Erfolgserlebnisse beginnen früher: „Für viele ist es ganz wichtig, einfach wieder etwas tun zu können.“

EU-Vorbild

Die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich betrug laut Eurostat Ende April 7,6 Prozent. Damit war in Österreich die Rate EU-weit, gleichauf mit Deutschland, am niedrigsten.

640 Millionen Euro sind in Österreich heuer für Programme gegen Jugendarbeitslosigkeit budgetiert – laut Sozialminister Rudolf Hundstorfer ein Rekordwert.Verglichen mit April 2012 ist die Zahl der Arbeitslosen unter 19 zwar gesunken, bis 25 aber gestiegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)