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Die drei Leben des Johannes K.

(c) Clemens Fabry

Mit 14 rutschte er in die rechtsradikale Szene ab, mit 17 tötete er einen Mann. Nach seiner Haft begann er geläutert ein Theologiestudium. Jetzt will Johannes Kneifel Pastor werden.


Nie war er von der Freiheit weiter entfernt gewesen als im vierten Jahr seiner Haft. Da wurde Johannes Kneifel vom Gefängnispsychologen eine „hochgradige Gefährlichkeit“ attestiert, die eine baldige Freilassung in weite Ferne rückte. Während der Haft waren zwei neue Anzeigen gegen ihn eingelangt, weil er auch im Gefängnis gewalttätig wurde. Erst da habe er gedacht: „Das will ich alles nicht mehr.“

Einige Zeit lang hatte der damals 21-Jährige schon den Anstaltsgottesdienst besucht, und auch wenn es etwas konstruiert klingt, muss das etwas in ihm ausgelöst haben: „Ich hatte ein intensives Gebetserlebnis, bei dem ich gemerkt habe, dass Gott mich ganz persönlich anspricht. Er hat mir das Angebot gemacht, einen Neuanfang mit ihm zu machen.“ Also entschied sich Johannes Kneifel an diesem Punkt, ein Leben als Christ weiterzuleben. Das allein wäre nichts Besonderes – erst wenn man Kneifels Vorgeschichte kennt und den Grund für seine Haft, begreift man, warum dieser Entschluss mehr als der Gemütswandel eines 21-Jährigen war.


Die Geschichte eines Abstiegs. Kneifel war 14, als er in seinem Heimatort Eschede an eine Gruppe von älteren rechtsradikalen Skinheads geriet. Gemeinsam tranken sie Alkohol und suchten Streit mit Andersdenkenden. Die Lehrer am Gymnasium, das er besuchte, hatten seinen Wandel zwar bemerkt, wollten aber nicht helfen, sondern strafen. Irgendwann kam es zum Bruch mit den Eltern.

Er war 17, als er am 9.August 1999 mit einem Freund die Wohnung eines älteren Mannes aufsuchte, den sie „Hippie“ nannten und der zuvor ihre rechte Gesinnung kritisiert hatte. Sie traten dessen Wohnungstür ein, verprügelten ihn, ließen ihn blutend liegen. Am nächsten Tag erfuhren sie, dass der Mann im Krankenhaus seinen Verletzungen erlagen war. Das Urteil: fünf Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Im Gefängnis habe es nicht sofort „Klick“ gemacht, erzählt Kneifel, aber es wurde ihm sehr deutlich bewusst, dass er nicht nur einen Menschen getötet, sondern auch sein eigenes Leben zerstört hatte. Er leugnet heute weder seine Tat noch seine frühere Gesinnung. Er sei damals wirklich der Meinung gewesen, dass Deutschland Europa und die Welt beherrschen müsse. Auf der Suche nach Werten war er an „die Falschen“ geraten. Dennoch hätte er sich damals „nicht als Nazi bezeichnet. Als der galt ich für die anderen. Ich habe mich als Skinhead gefühlt. Heute würde ich sagen, dass ich ein ziemlich orientierungsloser Jugendlicher war.“ Ein ziemlich alkoholkranker Jugendlicher.

Nach der Entlassung absolvierte er ein Praxisjahr Jugendarbeit in einer Gemeinde – und weil er das Gefühl hatte, „Gott hat mit meinem beruflichen Leben doch noch etwas Besonderes vor“, begann er, Theologie zu studieren. Im Vorjahr schrieb er ein Buch über seine Geschichte mit dem etwas glatten Titel „Vom Saulus zum Paulus“. Er sagt, seine Schuld hat er vor Gott und vor dem Staat (durch die Haft) gesühnt.


Aufklärung. Heute ist Kneifel 30 und tritt an Schulen und bei Veranstaltungen gegen Rechtsradikalismus auf, um seine Geschichte zu erzählen. Nicht immer fällt ihm das leicht, über sein altes Leben, die erste Chance, die er verspielt hat, zu reden. „Aber ich merke, dass Interesse von außen da ist.“

Er lebt mit seiner Frau und ihren zwei Kindern nahe Berlin, arbeitet an seiner Abschlussarbeit. Thema: „Christliche Mission im Kontext des aktuellen Strafvollzugs“. Danach will er das Vikariat, eine dreijährige Ausbildung zum Pastor in der Freikirche, beginnen. Ob er sich einen Urlaub nach dem geschafften Studium gönnen wird? „Das kann ich mir nicht leisten“, sagt er. Er habe genug Zeit verloren, jetzt will er so bald wie möglich ins Berufsleben einsteigen. Seine zweite Chance will er nicht aufs Spiel setzen.

Steckbrief

Johannes Kneifel
wird im Juli 1982 als eines von drei Kindern im deutschen Celle geboren. Die Familie übersiedelt nach Eschede.

Mit 14 kommt Kneifel im Ort in Berührung mit einem Kreis Rechtsradikaler, die sich regelmäßig betrinken und Schlägereien anzetteln. Mit einem Freund verprügelt er im August 1999 einen 44-Jährigen, der daraufhin seinen Verletzungen erliegt.

Johannes Kneifel wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Haft verurteilt. Mit 22 wird er entlassen, sucht Halt im Glauben und beginnt ein Theologiestudium. 2012 erscheint sein Buch „Vom Saulus zum Paulus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)