Leitartikel

Warum „Jedermann“ aus Salzburg nicht verschwinden darf

Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes., heuer mit Valerie Pachner als Buhlschaft und Michael Maertens als Jedermann (rechts).
Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes., heuer mit Valerie Pachner als Buhlschaft und Michael Maertens als Jedermann (rechts).Susi Berger
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Die heurige Bilanz der Festspiele kann sich sehen lassen. Doch das ist nicht der wichtigste Grund dafür, dass sie ihrer Substanz treu bleiben sollten.

Jedes Jahr, wie die Rufe auf dem Domplatz, erschallen auch Rufe von feuilletonistischen Kanzeln: Hofmannsthals „Jedermann“ sei anachronistisch, müsse „revidiert“, wenn nicht gar abgesetzt werden. Dagegen nur mit der Beliebtheit des angeblich „hölzernen“ Stücks – die, wie man in den letzten Jahren gesehen hat, offenbar auch durch die hölzernsten Regieideen nicht vergeht – zu argumentieren griffe zu kurz. Ein Canceln des „Jedermann“ wäre ein sinnloser Angriff auf die Substanz der Festspiele. Und vergleichbar mit dem Entfernen von Klimts „Kuss“ aus dem Belvedere oder der Venus von Willendorf aus dem Naturhistorischen Museum. Oder einer Umwidmung der Bayreuther Festspiele auf, sagen wir, Verdi.

Der Vergleich mit Bayreuth ist naheliegend und aufschlussreich. Die beiden Festspiele spielen, was Glanz und – kulturelle wie ökonomische – Bedeutung anlangt, in einer eigenen Liga, in die aufgenommen zu werden kein anderes Festival im deutschen Sprachraum erträumen kann. Das liegt auch daran, dass sie ihrer Substanz treu bleiben. Die in Bayreuth radikal eingeschränkt ist: zehn Werke eines einzigen Komponisten, das kann man wohl Kanon nennen. Der Begriff mag in Verruf geraten sein, er hat aber seine Berechtigung: Kultur ist – auch – Festhalten am Bewährten, am Erprobten.

Neue Opern vor großem Publikum

Wobei der Kanon der Werke in Salzburg sehr wohl laufend geprüft und erweitert wird, nicht erst, seitdem Markus Hinterhäuser Intendant ist. Doch er pflegt diese Tradition der Erneuerung sehr erfolgreich. Einmal ehrlich, welcher nicht auf neuere E-Musik spezialisierte Mensch kannte vor dem Sommer 2021 Luigi Nonos „Intolleranza“? Und wer vor 2023 Bohuslav Martinůs „Griechische Passion“? Diese Opern liefen nicht in Nebenschienen, sondern vor Tausenden Menschen in der Felsenreitschule, gleichberechtigt mit längst kanonischen Werken der Klassik und Romantik.

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