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Festwochen: Geschichten aus dem Berliner Wald

(c) APA/GEORG SOULEK/BURGTHEATER (GEORG SOULEK/BURGTHEATER)
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Michael Thalheimer inszeniert Horváth krass und fremd - wie eine finstere, griechische Tragödie. Katrin Wichmann bezaubert als seelenvolle, widerspenstige Marianne.

Dialekt hat sich der altösterreichische Diplomatensohn Ödön von Horváth (1901–1938) bei seinen „Geschichten aus dem Wiener Wald“ verbeten. Doch spielt das Stück „in Wien und im Wiener Wald und draußen in der Wachau“. Die Uraufführung dieses Schlagers der Moderne fand 1931 am Berliner Deutschen Theater statt. Von dort kommt auch Michael Thalheimers Inszenierung zu den Wiener Festwochen.

Bei der Premiere Samstag im Volkstheater gab es kräftige Buhs, die aber vom Applaus überstimmt wurden. Statt des Strauß-Walzers, der dem Stück den Namen gab, dröhnt zum Auftakt minutenlang der Donauwalzer durch den Raum, auch später vibrieren immer wieder die Geigen. Alle warten aufs Glück. Was tatsächlich geschieht, erinnert an den Spruch: „Leben ist, was stattfindet, während du auf die Erfüllung deiner Träume wartest“.

Der Bühnenraum ist schwarz, das Ensemble sitzt auf Stühlen, schaut den jeweils Agierenden zu, die teilweise Kartonmasken tragen. Wie oft hat man das schon gesehen? Thalheimer belädt Horváths Volksstück mit den Erfahrungen aus seinen zuletzt inszenierten griechischen Tragödien wie „Elektra“ (am 28.5. wieder im Burgtheater zu sehen). Mit solch wuchtigen Katastrophen-Repräsentanten hat Horváths böses Typen-Panoptikum freilich wenig zu tun.

Horváths Sprache mag ein Kunstdialekt sein, aber wenn einer mit deutlichem Zungenschlag von der Spree „Mein Mutterl war eine Wienerin“ singt, wirkt das doch eher unbeholfen bzw. unfreiwillig komisch. So ist dieser Abend, der auf Berliner Asphalt- und Metropolis-Brutalität zugeschnitten ist, in dem die Verhältnisse im Österreich der Zwischenkriegszeit nur schwach und von fern wie ein verzerrtes Echo anklingen, reich an Irritationen. Es wäre aber allzu einfach, diese Produktion unter deutschem Kulturimperialismus abzuhaken. Die Aufführung bietet auch allerhand interessante Eindrücke und bewegt, trotz oder gerade wegen der Verzeichnung der Figuren. Andreas Döhlers Alfred hat nichts von den irgendwie letztlich doch sympathischen Strizzi-Falotten, die man sonst in dieser Rolle sieht, sondern dieser Verführer mit Schwabbelbauchansatz ist ein Neurotiker, dessen Bindungsscheu keinen Moment übersehen kann, wer halbwegs bei Verstand ist.

 

Kolossal: Oskar, der Fleischer

Marianne hat diesen über den Verhältnissen, die ihr einen Borderliner als Bräutigam aufdringen, weil der ein wohl bestallter Fleischhauer ist, verloren. Katrin Wichmann füllt ihre Rolle als Lichtblick in dieser disparaten Kreation vollständig aus: Ihre Marianne, von allen Seiten im Bühnenlicht überirdisch bestrahlt, glitzernd im Konfettiregen als Nummerngirl im Maxim, bezaubert in jeder Phase, wie sie mal süßlich lächelnd, mal wie ein Trampeltier gegen die Männerherrschaft anstürmt, sich Kopf und Herz blutig schlägt. „Was hast du mit mir vor, lieber Gott?“, fragt Horváths Gretchen des 20. Jahrhunderts, doch Gott schweigt – und die „Fäuste“ sind keine lebenshungrigen Ex-Gelehrten, sondern Versehrte von Krieg und Krise, die mechanisch Kalendersprüche repetieren. Ein weiteres Wunderwerk des Abends ist Oskar, der Metzger: Peter Moltzen gewinnt dieser zum argen Klischee-Zelebrieren einladenden Figur ungeahnte Facetten ab: „Herr“ Oskar will ebenso wie Marianne alles anders und neu und besser machen, aber es gelingt ihm einfach nicht: Die Bonbonniere verheddert sich in seiner Anzugtasche, was für etwas überlangen, aber doch sehr komischen Slapstick sorgt; der Schwiegervater in spe ermahnt Oskar, er solle nur ja seine Zukünftige nicht verwöhnen; diese dankt es ihm auch prompt, indem sie ihn mit dem windigen Alfred („Die Arbeit im alten Sinne rentiert sich nicht mehr.“) betrügt und verlässt. Aber Oskar, diese kolossale Cherchez-la-femme-Witzfigur („Das Weib ist ein Rätsel.“) gibt nicht auf.

Harald Baumgartners Rittmeister zittern die Hände, er scheint ständig imaginäre Zügel von seiner früheren Profession in der Hand zu halten, vielleicht ist er aber auch bloß schon ein wenig dement. Die hübsche Ida (Georgia Lautner), die mit dem Fleischergesellen Havlitschek (blutig: Henning Vogt) flirtet, wirkt wie aus einem Film: Eine böse Elfe und „M“, der Mörder aus dem berühmten Fritz-Lang-Film. Köstlich, markig und authentisch: Erich, der Jusstudent, Preuße und Nationalsozialist (Moritz Grove).

Völlig schief gegangen sind Thalheimers Verfremdungen bei der Oma (Simone von Zglinicki), bei der Trafikantin Valerie (Almut Zilcher), die eher in einen Swinger-Club passen würde; und beim starren Zauberkönig (Michael Gerber). Wenn man denkt: Inge Conradi, Sunnyi Melles als Valerie, Helmut Qualtinger, Hans Moser als Zauberkönig, Adrienne Gessner als Großmutter. Erinnerung tut weh. Die Ottakringer-Bier-Werbung mit Nicholas Ofczarek fällt einem ein: Lieber original als originell.

Eins ist Thalheimer nicht zu nehmen: Er inszenierte das Stück von seinen derben Verbalinjurien her („Altes 50-jähriges Stück Scheiße“, sagt Erich über Valerie), die Teil dieser rasant zwischen Brutalität und Sentimentalität schwankenden Milieuschilderung sind. Das Lokalkolorit wurde dabei aber doch allzu stark beschädigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2014)