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Der katalanische 11. September

SPAIN CATALONIA REFERENDUM
Referendum in KatalonienAPA/EPA/ALFREDO AdLIA
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Vor 300 Jahren ging Kataloniens weitgehende Eigenständigkeit verloren. Eine Geschichte des Spanischen Erbfolgekriegs, in dem Katalanen und Österreicher Seite an Seite standen.

El Madrid de los Austrias nennt sich der historische Stadtkern der spanischen Hauptstadt. Benannt nach seinen Erbauern, den Habsburgern, die in Spanien „los Austrias“ genannt werden.

Seit Anfang des 16. Jahrhunderts hatten die Habsburger über Spanien geherrscht, den Anfang machte Philipp I. („der Schöne“), der die spanische Königstochter Johanna („die Wahnsinnige“) geheiratet hatte. Gefolgt von Karl I., dem späteren römisch-deutschen Kaiser Karl V., der dann über ein Reich herrschte, in dem – wegen der spanischen Kolonien in Amerika – „die Sonne niemals unterging“.

Als 1714 die Habsburger-Herrschaft in Spanien endgültig endete, waren es allerdings nicht die kastilischen Madrilenen, die darüber betrübt waren, sondern vielmehr die Bewohner Kataloniens. Und mehr als das: Der 11.September 1714 war ein Trauma für die Katalanen. Und ist es bis zum heutigen Tag. Bei Heimspielen des FC Barcelona, des katalanischen Nationalheiligtums, wird nach 17 Minuten und 14 Sekunden eine riesige Flagge Kataloniens entrollt und „Independencia!“ skandiert. Im Vorjahr demonstrierte am „L'Onze de Setembre“, dem „Elften September“, eine halbe Million Menschen in Barcelona für die Unabhängigkeit des Landes. Dieser 11. September 1714 war eine Zäsur für Katalonien: An diesem Tag verlor es seine Autonomie und kam ganz unter die verhasste kastilische Herrschaft.

Vorangegangen war diesem katalanischen 9/11 der Spanische Erbfolgekrieg. Die Ausgangslage: Spaniens König Karl II., ein Habsburger, war kinderlos geblieben. Wer sollte ihm im Falle seines Todes also nachfolgen? Der französische König Ludwig XIV. schickte Philipp von Anjou, seinen Enkel, ins Rennen. Der österreichische Kaiser Leopold I. hingegen seinen zweitgeborenen Sohn, Erzherzog Karl (dessen älterer Bruder, Joseph I., für die deutsch-römische Krone vorgesehen war). Dritter Thronprätendent war Josef Ferdinand von Bayern. Er wurde von England und den Niederlanden unterstützt.

Und Spaniens Karl II. bestimmte zu Lebzeiten dann auch den Bayern testamentarisch zu seinem Nachfolger. Allerdings: Josef Ferdinand starb noch vor Karl II. Danach hätte dann der Habsburger Erzherzog Karl das Rennen machen sollen, Philipp von Anjou wäre dafür mit großen Landstrichen in Italien entschädigt worden, was den Franzosen die Vorherrschaft ebendort eingebracht hätte. Der Kaiser in Wien widersetzte sich dem allerdings.

In der Folge trat der österreichisch-französische Konflikt noch stärker zu Tage. Karl II., um dessen Thron es ging, gab letztlich dem Drängen der Franzosen nach und setzte doch Philipp von Anjou als seinen Erben ein.

Als Karl II. starb, griff Philipp von Anjou sofort nach der Macht. Und die Habsburger, alliiert mit England, den Niederlanden und Preußen, griffen zu den Waffen. Von 1701 bis 1714 dauerte der Spanische Erbfolgekrieg. Katalonien stand dabei an der Seite der von den österreichischen Habsburgern angeführten „Großen Allianz“ und unterstützte diese mit einer Guerillatruppe.

Im Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) sollte sich später dann Ähnliches wiederholen: Sozialistisch und kommunistisch gesinnte junge Österreicher kämpften Seite an Seite mit den katalanischen Republikanern und Anarchisten gegen die Truppen Francisco Francos.

Krieg tobt hin und her. Der Spanische Erbfolgekrieg des frühen 18. Jahrhunderts tobte hin und her. Mit Schauplätzen in ganz Europa. Und auch in Nordamerika – als englisch-französischer Stellvertreterkrieg. Am 28. September 1710 gelang es Erzherzog Karl dann sogar, Madrid einzunehmen. Er musste aber bald wieder weichen, nachdem die Franzosen zusätzliche Truppen unter Marschall Vendôme entsendet hatten. In Katalonien stieß dieser aber auf erbitterte Gegenwehr. Ein Rückeroberungsversuch scheiterte.

Doch dann nahm die Geschichte eine unerwartete Wendung: Am 17. April 1711 starb der römisch-deutsche Kaiser Joseph I. völlig unerwartet. Als Nachfolger kam nur sein Bruder Karl infrage, der eigentlich König von Spanien hätte werden sollen. Nun fürchteten selbst die Verbündeten der Habsburger, dass diese zu mächtig werden könnten, wenn Karl beide Kronen trug. Die Briten begannen Geheimverhandlungen mit den Franzosen, an deren Ende der Friede von Utrecht (1713) und später jener von Rastatt (März 1714) stand.

Philipp von Anjou regierte fortan als Philipp V. (Felipe V.) am Hof zu Madrid. Er begründete die bis heute amtierende Dynastie der Bourbonen in Spanien. Bis zu Philipp VI. (Felipe VI.) dauerte es dann allerdings noch etwas länger – dies ist der Name des aktuellen spanischen Königs.

In Spanien hatten die Kämpfe im Erbfolgekrieg noch über die Friedensschlüsse von Utrecht und Rastatt hinaus gedauert. Vor allem Katalonien gab noch nicht auf. Am 11. September 1714 musste Barcelona allerdings vor der spanisch-französischen Streitmacht kapitulieren und sich dem neuen bourbonischen Herrscher in Madrid unterwerfen. Die katalanischen Institutionen wurden aufgelöst, die Selbstverwaltung untersagt. Und die katalanische Sprache, diese „einzigartige Mischung fränkischer, iberischer und gotischer Kultur“ (so der Historiker Norman Davis) verboten. Nun herrschte Kastilien.

Historische Pointe am Rande: Zwar gewann auch Österreich als Entschädigung die Österreichischen Niederlande (also Belgien) sowie Gebiete in Italien (Neapel, Sizilien, Mailand) hinzu, der große Gewinner des Spanischen Erbfolgekriegs neben Frankreich war aber Großbritannien. So gelang es Königin Anne unter anderem, England und Schottland dauerhaft unter einer Krone zu vereinen. Der Spanische Erbfolgekrieg kostete also nicht nur Katalonien seine (weitgehende) Unabhängigkeit, sondern auch Schottland.

Volksbefragung. Heute kämpfen sie beide wieder darum. In Schottland ist diese Frage allerdings seit dem 18. September 2014 – vorläufig – entschieden: 55,3 Prozent stimmten gegen die Unabhängigkeit. Die Katalanen woll(t)en am heutigen Sonntag darüber befinden. Die geplante Volksabstimmung in Katalonien wurde vom spanischen Verfassungsgericht allerdings untersagt. Danach setzte die katalanische Regierung unter dem Nationalliberalen Artur Mas eine Volksbefragung an, offiziell eine „Konsultation“. Aber auch diese wurde von Madrid nicht gestattet. Befragt werden soll heute trotzdem.

Wie England und Schottland war auch Katalonien über Jahrhunderte in einer Union gewesen – und zwar mit dem benachbarten Aragón. Einer aus Sicht der Katalanen überaus erfolgreichen. 1137 wurde die einjährige Petronila von Aragon mit dem vierundzwanzigjährigen Grafen von Barcelona, Ramon Berenguer IV., verlobt. 14 Jahre später heirateten sie, fünf Kinder gingen aus der Ehe hervor. Aragón und Katalonien waren somit vereinigt, behielten aber eigenständige Institutionen und Vorrechte. Aragón-Barcelona wurde jedenfalls ein gewichtiger Gegenspieler Kastiliens.

Fortschrittlich in Rechtsfragen, es gab sogar ein Parlament, das eigene Gesetze verabschieden konnte, gewann das katalanisch-aragonesische Reich auch zahlreiche neue Gebiete hinzu. Es dehnte sich bis nach Südfrankreich aus, die Balearen und Valencia gehörten dazu, Sardinien, Sizilien, Malta und das Königreich Neapel. Barcelona beherrschte im späten Mittelalter den westlichen Mittelmeerraum. Es war ein „goldenes Zeitalter“ für die Hafenstadt. In seinem Bestseller „Die Kathedrale des Meeres“ setzte der Autor Ildefonso Falcones dieser Epoche vor einigen Jahren ein belletristisches Denkmal. Und noch heute atmet das „Barri gòtic“, das mittelalterliche Zentrum von Barcelona, ein wenig den Geist jener Zeit.

Allerdings findet der Anteil Aragóns daran kaum noch Erwähnung. „Viele Katalanen bringen das Wort Aragón kaum über die Lippen. Und die derzeitige Politik torpediert praktisch jeden Versuch, sich intensiver und mit Wohlwollen der Krone Aragón zu erinnern“, schreibt Norman Davis in seinem Buch „Verschwundene Reiche“. Dieses multinationale Konzept sei heute ganz eindeutig nicht gefragt.

Katholische Könige. 1469 heiratete Ferdinand von Aragón dann seine Cousine Isabella von Kastilien – sie gingen als „Los Reyes Católicos“ in die Geschichte ein. Die beiden wichtigsten Reiche Iberiens näherten sich einander an, es blieb aber zuerst auf eine Personalunion beschränkt. Die Eigenständigkeit Kataloniens blieb davon weitgehend unberührt. Im Lauf der Zeit wurde diese aber mehr und mehr reduziert – was auch Aufstände zur Folge hatte. Endgültig verloren ging sie dann im Spanischen Erbfolgekrieg. An jenem 11. September des Jahres 1714.

Katalonien

Geschichte. Wilfried der Haarige (Guifre el Pilos) vereinigte im späten 9. Jahrhundert mehrere Provinzen zur Grafschaft Barcelona. Im frühen 12. Jahrhundert ging diese eine Staatsgemeinschaft mit dem Königreich Aragón ein. Dieser katalanisch-aragonesische Staat sollte im späten Mittelalter das gesamte westliche Mittelmeer beherrschen. Für die Hafenstadt Barcelona war es ein goldenes Zeitalter.

Nach dem Spanischen Erbfolgekrieg war es mit der Autonomie Kataloniens allerdings vorbei. Von nun an dominierte Kastilien. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936 bis 1939) stand Katalonien aufseiten der Republikaner. Nach dem Sieg Francos wurde das Katalanische unterdrückt.

Heute ist Katalonien eine von 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens. Die katalanische Regionalregierung unter dem nationalliberalen Artur Mas setzt hingegen auf eine völlige Unabhängigkeit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.11.2014)

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