Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Ukraine: „Wir müssen wieder bei null anfangen“

(c) imago/ITAR-TASS (imago stock&people)
  • Drucken

Das ostukrainische Städtchen Ilowajsk wurde bei Kämpfen zwischen Separatisten und ukrainischen Militärs schwer getroffen. Hilfe für den Wiederaufbau gibt es kaum, die Menschen sind sich selbst überlassen.

Unbeschadet haben auf Andrej Andrejewitschs Grundstück nur zwei Bäume den tagelangen Kampf überstanden. Hinten im Garten, zwischen leeren Flaschen, stehen ein Nussbaum und ein Marillenbaum. Von seinem Haus sind nur die Außenwände übrig geblieben, Umrisse seines früheren Besitzes in einer Siedlung am Rand der ostukrainischen Kleinstadt Ilowajsk. Wo einmal Gras gewachsen ist, stapeln sich nun Haufen aus Bauschutt, Ziegeln und Metallteilen.

Andrejewitsch, ein rundlicher junger Mann in schweren Winterstiefeln, dunkelblauer Steppjacke und dickem Fellhut, drückt mit seinen Fingern gegen eine Hausmauer. Sie wackelt. „Einsturzgefährdet“, sagt er. An Wiederaufbau ist hier sowieso nicht mehr zu denken: „Abreißen und bei null anfangen“, Andrejewitsch weiß, dass ihm nichts anderes übrig bleiben wird. Doch wann der 25-jährige Familienvater die Kraft und das Geld haben wird, das zu tun, steht in den Sternen. Als eine Granate sein Haus zerriss, war es August. Der Herbst kam schnell. Die Unterlagen für Kompensationszahlungen hat er im 50 Kilometer entfernten Donezk eingereicht. Seitdem hat er nichts mehr gehört.

 

Schützengräben im Garten

Andrejewitschs Haus steht in einem Ortsteil der 16.000 Einwohner zählenden Stadt, der für ein paar Tage zum Zentrum der Gefechte zwischen ukrainischen Freiwilligenbataillonen und prorussischen Milizen wurde. In seinem Garten stapft der junge Mann an Schützengräben vorbei, die die ukrainischen Soldaten in jenen Tagen ausgehoben haben, als sie sein Haus als Deckung gegen die prorussischen Kämpfer verwendet haben, die auf der anderen Seiten des Viertels gestanden sind. Als die Soldaten später geflohen sind, haben sie ihren Müll dagelassen: Flaschen und grüne Essenspakete aus Plastik.

Offiziell ist Ilowajsk eine „Heldenstadt der Donezker Volksrepublik“, so steht es nun auf dem Ortsschild. Der Name der Stadt ist in den Farben des Siegers – der russischen Trikolore – eingefärbt. Ilowajsk, eine früher 16.000 Einwohner zählende Ansiedlung östlich von Donezk, abseits der Haupttrasse, war als ein Eisenbahnknotenpunkt bekannt, mehr nicht. Hier fand in der zweiten Augusthälfte ein erbitterter Kampf statt, an dessen Ende die Donzeker Kämpfer triumphierten.

 

Tödlicher „Kessel von Ilowajsk“

Für die Ukrainer, vor allem für die Freiwilligen des Bataillons Donbass, wurde die Stadt zum Symbol für ihre Niederlage, für manche steht sie gar für Verrat durch die Militärführung.

Was genau in der zweiten Augusthälfte hier passiert ist, ist noch immer Anlass für Spekulationen. Ukrainische Truppen, vor allem Freiwilligenbataillone, die Teile von Ilowajsk erobert hatten, wurden von prorussischen Kämpfern eingekesselt.

Trotz verzweifelter Rufe erhielten die Soldaten keine Verstärkung. Ein mit den Separatisten verhandelter Abzug über einen „humanitären“ Korridor am 29.August erwies sich als tödliche Falle: Etwa 70ukrainische Militärfahrzeuge gerieten unter Beschuss, viele Soldaten wurden getötet, Überlebende wurden als Kriegsgefangene genommen. Im „Kessel von Ilowajsk“ starben offiziell 214 Menschen auf ukrainischer Seite.

Doch Semen Sementschenko, Kommandant des Donbass-Bataillons, der auch bei den Kämpfen in Ilowajsk verwundet wurde, spricht von 1000 Toten. Das ukrainische Parlament hat eine Untersuchungskommission eingerichtet, die Ereignisse aufklären soll. In einem vorläufigen Bericht ortete die Rada die fehlende Koordination der Militärführung als Mitgrund für die Tragödie von Ilowajsk.

In der Kleinstadt sind die Spuren des Kampfes noch immer allgegenwärtig: Häuser ohne Dächer, Blechzäune sind von Einschlägen durchlöchert, in Wohnblöcken klaffen riesige Löcher. Im Bahnhof stehen zerborstene Eisenbahnwaggons. Der Wiederaufbau wird Jahre dauern.

Im Zentrum von Ilowajsk gibt der Fonds des Donezker Oligarchen Rinat Achmetow Essenspakete für bedürftige Familien aus. Keine internationalen Organisationen, keine Hilfstransporte aus Russland haben es bisher in die kleine Stadt geschafft. Die Bewohner von Ilowajsk sind sich selbst überlassen. Manche von ihnen haben neue Fenster eingebaut, andere, die weniger Geld haben, haben Plastik über die Rahmen gespannt. „Jeder versucht, sich selbst zu helfen“, sagt eine Bewohnerin.

 

Bewohner sind sich selbst überlassen

Andrejewitsch hat aufgehört, sich Fragen zu stellen. Waren es die Separatisten, die sein Haus beschossen haben? Er weiß es nicht, er saß in einem Bunker. Wann wurde es getroffen? Es muss irgendwann zwischen dem 26. und 28.August gewesen sein, glaubt er. „Denn danach wurden wir befreit.“ Befreit von den Kämpfern der Donezker Volksrepublik.

Da stand sein Haus schon nicht mehr. Die Suche nach dem Schuldigen hat er aufgegeben. „Was nützt mir das?“ Jetzt wohnt der Schweißer mit seiner Frau und dem zweijährigen Kind, seinen Eltern und seiner Großmutter zur Miete in einem anderen Haus. Einem, das die Kämpfe um Ilowajsk überstanden hat. Jeden Morgen geht er an seinen Arbeitsplatz, das zerstörte Eisenbahndepot, und setzt es mit seinen Kollegen instand, damit sie dort wieder arbeiten können. „Auch Moskau wurde nicht auf einmal erbaut“, sagt er.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2014)