Partnerschaft: Lass uns doch zusammenbleiben

Friederike und Karl Parisot sind seit 22 Jahren ein Paar, seit 17 Jahren verheiratet. Trotz Krisen entschieden sie sich für das Zusammenbleiben.
Friederike und Karl Parisot sind seit 22 Jahren ein Paar, seit 17 Jahren verheiratet.Die Presse

Die Ehe war immer ein wichtiges Thema in der Kunst. Doch heute geht es auf der Bühne und in Büchern auffallend oft darum, wie Paare trotz Krise zusammenbleiben können.

Das Wort Ehe (althochdeutsch) steht für Ewigkeit, Recht, Gesetz. Aber bei steigender Lebenserwartung und höherer Mobilität, den Versuchungen von Partys und Partnerbörsen, der wirtschaftlichen Selbstständigkeit von Mann und Frau wird es immer unwahrscheinlicher, dass man mit einem Partner das ganze Leben verbringt. Der Lebensabschnittspartner ist das Modell der Zeit, aber in der Praxis ist es nicht so einfach mit der Trennung. Es droht Krieg um die Kinder oder gar wirtschaftlicher Ruin. (Kleine) Kinder wollen Beständigkeit. Sie leiden, wenn die Eltern binnen Wochen oder Monaten, manchmal Jahren, von der Romantik- zur Hassorgie wechseln, vom „Ich dich auch“ zum „Du mich auch“, wie ein Witzbold einmal sagte.

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gab es gewaltige Umbrüche und Experimente mit Beziehungen. „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, lautete ein Sponti-Spruch aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Doch brauchte es nicht die menschlichen Katastrophen, die etwa im Gefolge sozialer Experimente wie der Mühl-Kommune bekannt wurden, um zu erkennen, dass mehrmaliger Partnerwechsel oder Promiskuität mit der Zeit eher strapaziös als aufregend sein können.

Neuer Wirtschaftszweig

Die hohen Trennungs- und Scheidungsraten brachten einen eigenen Wirtschaftszweig hervor: Eheberater und Coaches verdienen prächtig mit der Schieflage von Beziehungen. Gibt man heute bei Google „Paartherapie“ ein, erhält man 551.000 Ergebnisse. „Wer bin ich ohne dich?“, fragt etwa Ursula Nuber, Psychologin und stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift „Psychologie heute“, in einem Buch, in dem sie erklärt, „warum Frauen depressiv werden und wie sie zu sich selbst finden“.

Die Veränderung der Rolle der Frau seit dem 19. Jahrhundert ist vielleicht der wichtigste Anschub für die Erkenntnisse, die zum Thema Ehe, Beziehung gewonnen wurden: Heute leben die Nachkommen der 1968er-Revolte, die wie US-Autorin Lily Brett einmal sagte, einfach alles in der Gesellschaft verändert hätte. Diese Großmütter, Mütter und ihre Töchter haben viel erlebt: Aufstand gegen den Machomann, Trennungen, Scheidungen, Berufstätigkeit, das anstrengende Leben alleinerziehender Mütter, die sich im Spagat zwischen Beruf und Kindern aufreiben, sexuelle Befreiung dank der Pille, Aufstieg der Pornoindustrie, die Flut von Kontaktmöglichkeiten in sozialen Netzwerken im Internet.

Neokonservatismus

Dieser Overkill an nicht immer erfreulichen Erfahrungen hat womöglich einen gewissen Hang der heutigen Jugend zum Neokonservatismus, auch in Beziehungen, beflügelt. Wer jederzeit alles essen kann, isst unter Umständen weniger. Wer jederzeit jeden Partner und jede Partnerin haben kann, ist womöglich froh, wenn er oder sie eine oder einen findet, der oder die tatsächlich zu ihm oder zu ihr hält.

Die „Ewigkeit“ soll seit jeher ein Ritual, eine Zeremonie garantieren. Dementsprechend groß ist der Kult ums Heiraten. Auch dafür gibt es Berater zuhauf. Und die Filmindustrie freut sich. Ein Klassiker ist „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ mit Hugh Grant. Zuletzt waren häufig Polterabend und Hochzeit Thema für Komödien – von den US-Blockbustern „Brautalarm“ und „Die Hochzeitscrasher“ bis zur deutschen Sönke-Wortmann-Variante „Das Hochzeitsvideo“. Auch wenn es darum ging, das spießige Hochzeitsprozedere zu verblödeln, blieben die Paare hier glücklich. Inmitten all des eventuell nur scheinbaren Getriebes um Beziehungen erlebt zunehmend das gute alte „bürgerliche“ Ehemodell eine Renaissance. Nach all den Experimenten stellt sich ein gewisser Aha- oder Lerneffekt ein. Man kann eben nicht gleichzeitig frei und gebunden sein. Spaß haben und Geborgenheit. Dissens in manchem und Übereinstimmung im Großen und Ganzen gehen zusammen, irgendwie, wenigstens für eine Zeit.

Ein Vorteil ist, dass man anders als früher zusammenziehen und ausprobieren kann, ob man im Alltag zusammenpasst. Das hilft den Frauen, für die es auch, aber nicht nur aus finanziellen Gründen vorteilhaft ist, einen halbwegs verlässlichen Partner für die Kinder zu haben. Historisch gesehen war die Ehe aber die längste Zeit vor allem günstig für den Mann, er kassierte die Mitgift der Frau, die von ihm völlig abhängig war, und konnte machen, was er wollte. Und wenn Frauen einen Seitensprung wagten, wurden sie oft vernichtet, wie man aus Flauberts „Madame Bovary“, Tolstois „Anna Karenina“ oder Fontanes „Effi Briest“ lernt.

Sanfte Rache

In Hermann Bahrs Stück „Konzert“ (1909), derzeit im Akademietheater zu sehen, nimmt eine kluge Frau sanft Rache an ihrem untreuen Gatten, bleibt aber letztlich bei ihm. In Arno Geigers Roman „Alles über Sally“ blieb das Ehepaar trotz der Affäre der Frau beisammen. Noch weiter geht Sibylle Berg: Auch sie lässt in ihrem neuen Roman, „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“, eine Frau aus ihrer eintönig gewordenen Ehe ausbrechen – und der Ehemann sieht beim Liebesspiel seiner Frau mit ihrem viel jüngeren Loveboy sogar anstandslos zu. Autorin Berg erzählte, dass es auch ihr Umfeld war, das sie auf die Romanidee brachte. Plötzlich hätten sich viele Paare im Freundeskreis aus Sehnsucht nach neuen Abenteuern getrennt.

Was auffällt: Derzeit geht es auch auf der Bühne, im Film (etwa in der französischen Komödie „Ein Augenblick Liebe“ oder in der britischen „Le Weekend“) und in Büchern oft ums Zusammenbleiben von langjährigen Paaren. In Stewart O'Nans Roman „Die Chance“ reist ein Ehepaar kurz vor der Scheidung noch einmal an den Ort ihrer Hochzeitsreise – und erkennt dort, dass es sich lohnen könnte, beisammen zu bleiben. Und in Daniel Glattauers Stück „Wunderübung“, derzeit in den Kammerspielen, findet ein Paar beim Therapeuten wieder zueinander.

Das sind Geschichten, die es auch im realen Leben gibt. Friederike und Karl Parisot zum Beispiel ging es ähnlich wie dem Paar in Glattauers „Wunderübung“. Sie lernten sich Anfang der Neunzigerjahre kennen, waren beide bereits in einer Ehe mit je einem Kind und entschieden sich dennoch, gemeinsam neu anzufangen. Die Hochzeit folgte 1998, sie bekamen zusammen zwei weitere Kinder. Die erste größere Krise kam 2005, als Friederike Parisot einen anderen Mann kennenlernte und heimlich eine „erotische E-Mail-Geschichte“ mit ihm begann. Ehemann Karl entdeckte die Liebelei, das Paar beschloss aber, sich noch eine Chance zu geben, und begann eine Imago-Therapie beim Ehepaar Sabine und Roland Bösel. Bei den Bösels fühlten sie sich gut aufgehoben, denn auch das Therapeutenpaar hatte nach einer Trennung wieder zusammengefunden.

Imago ist eine spezielle Form der Gesprächstherapie, die das US-amerikanische Paar Harville Hendrix und Helen Hunt entwickelte. Dabei sollen Paare lernen, dem Gegenüber zuzuhören, Rückmeldung zu geben, dass man die Sicht des anderen „hört“ – und erst dann die eigene Perspektive zu erläutern. Was die Parisots kaum für möglich hielten: Durch die Imagostunden gelang es ihnen, das Gefühl der Verliebtheit, das man sonst mit jemand anderem erlebt, zurückzuholen. „Es hilft, den Schmutz, der durch den Alltag in eine Beziehung gespült wird, wegzuräumen“, so Parisot.

In der Zwischenzeit haben die Parisots gemeinsam eine Psychotherapieausbildung gemacht, gerade lassen sie sich selbst zu Imago-Therapeuten ausbilden. Sie erzählen, dass sie sich nie das etwas abgedroschene Ehegelübde „Bis dass der Tod uns scheidet“ gegeben, sondern einander stattdessen etwas anderes versprochen haben: „Wenn einer nicht mehr will, dann geben wir uns immerhin noch ein Jahr Zeit. Der andere soll die Chance bekommen, um die Beziehung zu kämpfen.“

Fester Grundsockel

Es ist ein gängiges Muster in Partnerschaften. Erreicht ein Partner oder beide ein bestimmtes Alter oder einen Wendepunkt in seinem Leben (Auszug der Kinder, neuer Job, neuer Wohnort), stellen sich plötzlich existenzielle Fragen: Was will ich in der zweiten Lebenshälfte erleben? Versäume ich etwas, wenn ich hier bleibe? Was reizt mich im Außen? „Wenn der Grundsockel passt, dann kann man auch solche Phasen überstehen“, glaubt Friederike Parisot. Sie und ihr Mann sehen, dass es heute viele Paare gibt, die schwere Krisen überwinden wollen und können. Das kann wie in Sibylle Bergs Roman sogar so weit gehen, dass man Affären des anderen akzeptiert. Auch die steigende Zahl an Paaren die polyamor leben – also in einer fixen Partnerschaft, aber mit einer Person oder mehreren Personen im Außen –, zeigt eigentlich, dass Paare lieber weiter zusammen bleiben wollen, sich aber eingestehen und erlauben, Emotionen und Erlebnisse mit anderen zu teilen.

Die Parisots begleiten auch Paare beim Auseinandergehen. Hier begegnen ihnen oft Menschen, „bei denen man spürt, die wollen eigentlich noch zusammen bleiben, aber sie wissen einfach nicht, wie“. Nicht jeder schafft die Kehrtwende vor der Trennung, manchmal wollen beide wirklich nicht mehr. Doch für viele ist das Zusammenbleiben oberstes Ziel.

Stücke und Bücher

„Die Wunderübung“. Ein Ehepaar geht zum Therapeuten. Nach der Vorlage von Daniel Glattauer, derzeit mit Bernhard Schir und Aglaia Szyszkowitz in den Kammerspielen. (Termine: 22., 23., 24.3. etc.)

„Gift. Eine Ehegeschichte“.Abrechnung eines Ehepaares, das sich zehn Jahre nach der Trennung begegnet. Mit Andrea Eckert und Günter Franzmeier im Volkstheater(16., 24., 26.3. etc.)

„Konzert“. Hermann Bahr lässt in seinem Stück einen Ehemann beim notorischen Betrügen auflaufen, u.a. mit Peter Simonischek und Regina Fritsch im Akademietheater. (30., 31.3., 5.4.)

Bücher: Auffallend viele Romane beschäftigen sich gerade mit langen Ehen, darunter Ian McEwans „Kindeswohl“, in dem Geschichtsprofessor Jack von seiner Frau Fiona nach 30 Ehejahren den Segen für eine außereheliche Affäre will.

Gillian Flinn beschreibt in „Gone Girl“, wie sich ein Ehepaar böse bekriegt, am Ende aber doch zusammenbleibt. Der Thriller wurde 2014 u.a. mit Ben Affleck verfilmt.

Stewart O'Nan lässt in „Die Chance“ ein Ehepaar, das sich vor allem wegen finanzieller Probleme scheiden lassen will, noch eine letzte Reise– ausgerechnet an den Ort ihrer Hochzeitsreise – antreten. Während der Reise findet das Paar wieder zueinander.

In Sibylle Bergs neuem Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ ist es Ehefrau Chloe, der es in der Ehe mit Rasmus langweilig wird und die einen anderen Mann findet. Die Affäre endet nicht in der Katastrophe, sondern in einer Groteske. Am Ende steht fest, dass auch eine heiße Liebesgeschichte mit der Zeit ihren Reiz verliert.

Termin: Sibylle Berg liest heute, Sonntag, gemeinsam mit Dirk Sterman aus ihrem Roman. Sängerin Gustav ist auch dabei. Rabenhof, 20 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2015)