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Neuordnung: Europa inmitten von Adler, Bär und Drachen

(c) APA/EPA/DIEGO AZUBEL (DIEGO AZUBEL)
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Wie wird das globale System 2048 organisiert sein? Die Entscheidung liegt bei China. Die Alternativen: eine multipolare Weltordnung oder eine bipolare Konfrontation mit den USA.

Wien/Moskau. Die Zukunft? Die findet schon in der kommenden Woche statt, wenn in Peking die Vertreter von mehr als 57 Staaten (darunter Deutschland, Österreich und weitere EU-Staaten) die Gründungsdokumente der Asiatischen Infrastrukturbank AIIB unterschreiben. Gastgeber wird Präsident Xi Jinping persönlich sein. Gleichzeitig findet die Zukunft in Brüssel statt, wo Chinas Premier Li Keqian am Montag zu Gast sein wird, um mit EU-Vertretern über Milliardeninvestitionen Chinas in Europa zu verhandeln. Nur eine Woche später der nächste Schritt: In Russland werden die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) ihre Entwicklungsbank und wohl auch einen Reservefonds gründen. Das wird die ganze globale Finanzarchitektur ändern. Nach 70 Jahren gibt es plötzlich Alternativen zu den westlich dominierten Institutionen Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF).

Aber wo führt dieser Weg hin? Wo steht das Weltsystem im Jahr 2048? Asien wird eine wichtige Rolle spielen, das ist klar. Aber schlicht das „asiatische Jahrhundert“ auszurufen, wäre zu einfach. Wie könnte der Weg in die Zukunft konkret aussehen – und welches Ziel steuert er genau an?

 

„Die unipolare Phase ist vorbei“

Auch wenn es abgedroschen klingt: Wer die Zukunft sehen will, muss die Vergangenheit verstehen. Im Kalten Krieg gab es ein bipolares System: USA gegen Sowjetunion. Dem folgte eine Phase unipolarer amerikanischer Dominanz. „Diese unipolare Phase ist aber vorbei“, sagt Velina Tchakarova, Forscherin am Österreichischen Institut für Europa- und Sicherheitspolitik. Was wir derzeit sehen, sei als multipolare Weltordnung zu verstehen – in der sich Blöcke, Wirtschaftsräume, Allianzen und Interessen überlappen. Die entscheidende Frage ist aber: Bleibt es bei diesem multipolaren System – oder bevorzugt China eine Rückkehr zur Bipolarität?

Tchakarova kann sich eine solche Entwicklung bis 2048 gut vorstellen: „Nichts ist entschieden, aber es gibt Tendenzen. Es entstehen derzeit Konstellationen ungeahnter Art, die man sich vor zehn Jahren nicht hätte vorstellen können.“ Während der Westen unter US-Führung an seinen Institutionen festhält, ohne sie für die Asiaten zu öffnen, entwirft der Osten unter Chinas Führung überall Alternativen. „Wir haben G7 und BRICS, Weltbank und BRICS-Bank, Nato und SCO“, so Tchakarova. SCO, das ist die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, der heuer noch Pakistan und Indien beitreten werden. „Diese militärische Komponente ist derzeit freilich noch unterentwickelt“, so Tchakarova. „Ich glaube nicht unbedingt an ein System der Bipolarität, ich ziehe bloß Schlüsse aus den Entwicklungen.“

 

Russland bis 2013 eurozentrisch

Noch ist die Welt nicht schwarzwWeiß, bzw. blau-rot – wie im kalten Krieg. Für Europa ein Vorteil: „Wir profitieren von einer multipolaren Welt. In einer bipolaren Weltordnung würde Europa die Rolle eines untergeordneten Partners in der transatlantischen Gemeinschaft spielen.“ Auch in diese Richtung wird bereits geplant, etwa in Form des umstrittenen Handelsabkommens TTIP.

Die Alternative dazu wäre eine Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok gewesen, die sogar bis China hätte ausgebaut werden können. Aber derartige Pläne liegen seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts auf Eis. „Derzeit sind die Beziehungen erstarrt“, sagt Dmitry Suslov von der russischen Higher School of Economics im Gespräch mit der „Presse“ in Moskau. „Bis 2013 war Russland im Prinzip eurozentrisch ausgerichtet. Das ist jetzt vorbei. Russland adaptiert sich an die Realität und wendet sich nach Asien. Der Besuch des chinesischen Präsidenten im Mai war da ein großer Schritt.“

Für China eine bittersüße Situation: Einerseits stärkt die prekäre Lage Moskaus Peking bei den Verhandlungen. Andererseits ist das Infrastruktur-Jahrhundertprojekt „Neue Seidenstraße“ eigentlich als Verbindung Asiens mit Europa gedacht. „Aber wie soll diese Verbindung zwischen Europa und China zustande kommen ohne Russland?“, fragt Tchakarova. Der Westen wird seine Institutionen eher nicht im Sinn Chinas reformieren – also bleibt der Weg in Richtung Bipolarität: West gegen Ost. USA gegen China. Adler gegen Drachen.

Und der Bär? Der steht wie Europa ein bisschen dazwischen. Die verkrachten Beziehungen verhindern eine Kooperation, die eigentlich im Sinn beider Seiten wäre. „Unser Schwenk Richtung Asien ist jetzt unumkehrbar“, so Dmitry Suslov: „Aber Russland wird auch dem Westen nicht den Rücken zuwenden.“ Es müsse weiterhin Bemühungen geben, das Verhältnis zwischen Russland und Europa wieder zu stabilisieren. „Wir sollten die gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit ausbauen, nicht verringern. Die Sanktionen sind natürlich enorm kontraproduktiv. Und die menschlichen Beziehungen müssen aufrechterhalten werden“, so Suslov. Aber er hat keine Illusionen: „Wenn sich nichts ändert, steuern wir auf eine bipolare Welt zu: Atlantik einerseits, Pazifik andererseits.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2015)