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Margareten: Im Westen viel Neues

Das inoffizielle Wahrzeichen des fünften Bezirks: der imposante Margaretenhof am Margaretenplatz.
Das inoffizielle Wahrzeichen des fünften Bezirks: der imposante Margaretenhof am Margaretenplatz.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Lange Zeit stand der fünfte Bezirk im Schatten von Mariahilf und Neubau. Heute hat er längst aufgeholt, die Kreativen sind da, die netten Läden ebenso. Aber auch die hohen Mieten.

Wien. Wir in Margareten trinken gern Fritz Kola, sitzen auf abgewetzten Vintage-Sofas im Werkzeug H. Wir haben einen kleinen Boom an Gemeinschaftsgärten (oder eher: Blumentrögen am Gehsteig) erlebt und sind stolz auf die Geschäfte und Lokale, die rund um die Margaretenstraße eröffnet haben. Auf die Kreativen, Start-ups und Werber, die in ihren Co-Working-Spaces arbeiten. Auf unseren eigenen Veganista-Eisladen. Was wir in Margareten aber gar nicht gern hören, ist der Vergleich mit Neubau. Nein, über den Boboverdacht sind wir in Margareten erhaben.

Das glauben wir zumindest. Tatsächlich hat der Fünfte – rund um den Margaretenplatz – einen ähnlichen Aufschwung erlebt wie der siebente Bezirk. Nur eben viele Jahre später. Lange waren die Mieten hier deutlich günstiger als anderswo innerhalb des Gürtels. Investoren haben den Fünften relativ spät entdeckt, was auch mit seinem Image als Arbeiterbezirk zu tun hat, sagt Markus Brandstätter, Geschäftsführer der Rustler Immobilienentwicklung GmbH. Heute ist das Preisniveau rund um den Margaretenplatz „annähernd so hoch wie in Mariahilf oder Neubau“. (Dass die Mietpreise im Schnitt immer noch niedriger sind, liegt an den vielen Gemeindebauten am anderen Ende des Bezirks.)

Weil es aber im schicken Teil so teuer geworden ist, zieht es viele in den etwas weniger attraktiven westlichen Bezirksteil. Auch hier wird aufgewertet, saniert und (teuer) neu vermietet. In drei bis fünf Jahren, schätzt Brandstätter, wird man westlich der Reinprechtsdorfer Straße etwa so viel zahlen wie heute in Mariahilf. Ob und inwieweit die derzeitige Bevölkerung dadurch verdrängt werden wird, wird sich weisen. Ronald Braunsteiner, der mit seinem Club U5 die Unternehmer des Bezirks vernetzt, glaubt nicht an Verdrängung, vielmehr an eine Durchmischung. Die würde Margareten gar nicht schlecht stehen: Bisher ist es eher ein Nebeneinander-Herleben, ein sehr friedliches zwar, keine Frage. Aber bis auf Begegnungen bei den Türkenbäckern mit den großzügigen Öffnungszeiten bleibt jede Gruppe eher unter sich.

Als eine zentrale Trennlinie fungiert bisher die Reinprechtsdorfer Straße, die es mit ihren vielen Automaten- und Wettlokalen zu zweifelhafter Bekanntheit gebracht hat. Seit dem Verbot des kleinen Glücksspiels hat sich die Lage nur unwesentlich gebessert. Von einem „Sorgenkind“ will Bezirksvorsteherin Susanne Schaefer-Wiery (SPÖ) trotzdem nicht sprechen. Besserung ist aber in Sicht: In einem aufwendigen Bürgerbeteiligungsverfahren arbeiten die Bewohner bis 2016 daran, die Problemstraße attraktiver zu machen. Immobilienentwickler Brandstätter bescheinigt der Reinprechtsdorfer Straße gar das Potenzial der Margaretenstraße. „Es wird nicht so schnell passieren wie in Berlin, wo eine derartige Aufwertung innerhalb von kurzer Zeit stattfindet. Aber da auch der politische Wille vorhanden ist, die Straße positiv zu verändern, wird sich hier viel tun.“

Überhaupt kann man dem Fünften keinen Stillstand vorwerfen. Das fängt im Kleinen an: Der Mangel an Grünraum wird durch Initiativen wie den „Krongarten“ etwas gelindert: Zwei Parkplätze wurden zum Mini-Freiraum umgestaltet. An der Wienzeile laufen die Arbeiten für die Wientalterrasse, einem öffentlichen Raum über dem Wienfluss. 2017 will die Bezirkschefin im Einsiedlerpark ein Kinderfreibad eröffnen. Schaefer-Wiery, die das Amt 2012 von Kurt Wimmer übernommen hat, geht mit einer komfortablen Mehrheit in die Wahlen. Obwohl der Fünfte einen hohen Migrantenanteil hat – in keinem anderen Bezirk ist der Anteil der Pflichtschüler mit nicht-deutscher Muttersprache so hoch, nämlich 89 Prozent – gilt er nicht als „Ausländerbezirk“. Auf Bezirksebene ist die FPÖ nur drittstärkste Kraft.

U-Bahn durch den Fünften

Die ganz große Veränderung kommt aber erst: Ab 2018 beginnen die Arbeiten für die Verlängerung der U2, die über die Pilgramgasse und die neue Station Bacherplatz Richtung Wienerberg führen wird. Für das schon jetzt nicht gerade schlecht erschlossene Margareten (U4, 13A usw.) wird die U2 zweifellos einen weiteren Aufschwung bedeuten. Neue Leute werden kommen, die Wohnungspreise weiter steigen. Aber Bobos sind wir dann immer noch nicht.

Die Presse

Serie: Wiens Bezirke

Bis zur Wien-Wahl am 11. Oktober porträtiert die ''Presse'' nach und nach alle 23 Wiener Bezirke. Die bisherigen Porträts finden sie unter diepresse.com/bezirke

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2015)