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"Weiß der Osterhase, dass wir Christen sind?"

Die Kinder im Kindergarten Schönbrunn-Vorpark singen mit Leiterin Barbara Reichtomann ein Osterlied.
Die Kinder im Kindergarten Schönbrunn-Vorpark singen mit Leiterin Barbara Reichtomann ein Osterlied.Die Presse

Ist Jesus blond, braun- oder schwarzhaarig? Warum hilft Gott den Flüchtlingen nicht? Bereits in jungen Jahren setzen sich Kinder mit Plausibilität von Religion auseinander.

„Gott, der ist doch durchsichtig.“ Die fünfjährige Matilda zieht ihre kleine Stirn kurz kraus. „Der ist unsichtbar“, ergänzt ihre Freundin, die vierjährige Helena. „So wie das Christkind“, wirft Luis, ebenfalls fünf Jahre alt, ein. Nur ob Jesus jetzt blond, braun- oder doch schwarzhaarig war, darüber können sich die Kinder im Kindergarten Schönbrunn-Vorpark der St. Nikolausstiftung im 15. Bezirk auf die Schnelle nicht einigen.

Es ist auch egal. Sie sind in einem Alter, in dem unterschiedliche Haarfarben noch keine großen Zweifel nach sich ziehen. Für ältere Kinder gilt das nicht. Jedes Jahr sind christliche Feste wie Ostern eine kleine Herausforderung für Eltern. Nicht, weil Familien Verwandtenbesuche absolvieren müssen, sondern weil dann auch in den Mittelpunkt tritt, was sonst gern vergessen wird. Der christliche Glaube, das Leben und der Tod von Jesus und damit die vielen Zweifel, die es rund um die Geschichte von vor 2000 Jahren gibt. „Wie kann Gott die Welt erschaffen haben?“, „Wie sieht er aus?“, „Warum hilft er Flüchtlingen nicht?“ sind Fragen, die gerade dann aus den Kindern hervorbrechen. Und die Eltern oft ratlos zurücklassen. Wie geht man mit Kindern um, deren Gottesglaube von der Wirklichkeit erschüttert wird? Vor allem, wenn man manchmal gar nicht weiß, woran man selbst wirklich glaubt?


Geprägt von der Umwelt

„Jedes Kind hat seine ganz persönliche Vorstellung von Gott. Diese ist beeinflusst von der Persönlichkeit des Kindes, seinen Interessen, Vorlieben, Sehnsüchten, aber auch von dem, was das Kind im Lauf seines Lebens über Gott hört“, sagt Silvia Habringer-Hagleitner, Leiterin des Instituts Ausbildung für Religionslehrer an der Pädagogische Hochschule der Diözese Linz. Sie glaubt, dass Kinder meist eine große Sehnsucht nach dem Geheimnisvollen und Unsichtbaren in der Welt haben. „Es ist kein Zufall, dass Fantasy-Geschichten wie die von ,Harry Potter‘ boomen.“ Wobei manche Kinder eine größere Begabung für das Spirituelle hätten als andere.

Doch während man in der magischen Phase, rund um den Kindergarten, noch fasziniert von der Geschichte Noahs auf der Arche oder dem Mut Davids ist, und auch logisch Unvereinbares oft nebeneinander Platz hat, werden die Fragen mit zunehmendem Alter kritischer. Die realistische Phase hat ungefähr dann eingesetzt, wenn das Kind in die Volksschule kommt. „Diesen Gott, den möchte ich erst einmal sehen“, ließ eine Fünfjährige unlängst ihre Mutter wissen. Nur um später gleich zu fragen: „Und woher weiß der Osterhase, dass wir Christen sind?“, nachdem die Mutter davor erzählt hat, dass nur Christen Ostern feiern. Im Buch „Wird Gott nass, wenn es regnet?“ wird wiederum ein muslimischer Bub mit dem Satz zitiert: „Wenn ich ihn sehen könnte, würde ich ihn fragen, ob er wirklich die ganze Welt erschaffen hat, weil ich ihm nicht ganz glaube.“



Die Welt dazwischen

Aber woran glauben ältere Kinder dann? Oft noch lang an eine Welt, in der Unsichtbares und Sichtbares „leicht beieinander wohnen“, wie Schiller von den Gedanken sagte. Bilder (wie das vom Christkind oder Gott, der im Himmel wohnt) werden dabei immer wieder altersgerecht nachgebessert. Mythen um jeden Preis aufrechtzuerhalten hilft wenig, da sind sich Experten einig. „Irgendwann“, sagt Entwicklungspsychologin Claudia Rupp, „wird man dem Kind sagen, man weiß es auch nicht genau.“

Trotzdem ist auch die Volksschule eine Phase, in der für Kinder vieles möglich ist. Gott als Frau, Gott als Regenbogen. Diesseits und jenseits, wo Osterhase und Christkind zwischen den Welten hin- und herspringen, wie es eine Siebenjährige einmal ihrer Mutter erzählt hat. „Es ist eine wichtige Phase, in der man alles sagen und denken dürfen soll“, sagt Habringer-Hagleitner.



Alles ist möglich?

Der moderne Religionsunterricht sieht diese Freiheit auch vor. Zumindest theoretisch. „Religionspädagogen sollten mit Kindern auf Augenhöhe theologisieren und philosophieren und dabei auch einmal zugeben können: ,Ich weiß es nicht.‘ Es ist gefährlich, wenn einer sagt: ,Das weiß man.‘ Das Nicht-Wissen ist letztlich größer als das Wissen“, sagt Habringer-Hagleitner. Kinder sollen schlussendlich ihr eigenes Gottesbild entwickeln. „Dazu brauchten sie Anregungen durch religiöse Geschichten, Rituale und religiöse Sprachbilder.“

Auch wenn Erwachsene mit dem Ergebnis selbst wenig anfangen können. „Mein Sohn hat mir einmal erzählt, dass er an Wiedergeburt glaubt. Er hat sich die Seelen wie Luftballons vorgestellt, die aufsteigen. Manche zerplatzen und fallen wieder auf die Erde. Ich brauche das Konzept der Wiedergeburt ja ehrlich nicht. Aber für ihn war das ein wunderbares Bild.“

Doch ein offener Umgang mit Religion ist nicht immer der Fall. Noch heute gibt es Religionslehrer, die den alles sehenden Gott betonen, im schlimmsten Fall verbunden mit der Mahnung, dass er die Kinder jederzeit strafen kann. „Das ist ein fürchterliches Bild für Kinder“, sagt Psychologin Rupp. Und auch im Kindergarten Schönbrunn-Vorpark sagt Leiterin Barbara Reichtomann: „Es gibt keinen strafenden Gott, nur einen liebenden und helfenden.“

Grundsätzlich ortet Habringer-Hagleitner in Österreich einen „Analphabetismus in religiösen Fragen. Das kommt davon, dass man in früheren Zeiten mit fixen Bildern abgespeist wurde“. Zu fixe Bilder würden den Glauben töten. „Wir sind keine Gotteswisser, sondern Gottessucher.“

Doch manchmal kommt der Stress ohnehin von außen. Im Herbst, erzählt Kindergartenleiterin Reichtomann, sei der Krieg in Syrien im Kindergarten ein großes Thema gewesen. Vor allem für die Eltern, die gefragt hätten, wie sie das den Kindern erklären sollten. Im Endeffekt arbeiteten die Pädagoginnen das Thema mit den Kindern anhand eines Bilderbuchs („Der rote Mantel“) auf. Die Kinder selbst seien damit aber sehr pragmatisch umgegangen. Nämlich mit der Frage: Wie könne man den Flüchtlingskindern helfen, damit es ihnen besser gehe?


Leid, von Menschen gemacht

Ähnliches berichtet Amina Baghajati, Mediensprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft und selbst als Religionslehrerin tätig. „Die Kinder spüren ganz deutlich: Dieses Leid wurde von Menschen gemacht.“ Die Frage, warum Gott das zulasse, komme eher bei Naturkatastrophen auf. Und im Alltag, wenn Eltern wegen ihrer Religion angefeindet werden. „Es kommt oft die Frage: ,Warum hassen sie uns so?‘“, sagt Baghajati.

Als Lehrerin versuche sie, den Kindern zu zeigen, dass sie auch Teil der Gesellschaft seien und andere aufklären können. Dass muslimische Werte die gleichen wie bei anderen Religionen seien: Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe. Das Bild von einem gütigen Gott mit weißem Rauschebart gibt es im Islam übrigens nicht. Denn Gott darf im Islam nicht dargestellt werden. „Wir haben eine abstrakte Vorstellung: Gott, der Barmherzige, der Liebende.“

Schwierig zu verarbeiten ist für Kinder freilich der Tod im nahen Umfeld. Gerade das weckt aber auch die Sehnsucht nach einem Leben im Jenseits. Im Kindergarten im 15. Bezirk arbeitet man mit Bilderbüchern das Thema auf. „Sobald etwas Konkretes da ist, mildert es die Angst“, sagt Barbara Reichtomann. Auch das Bild vom Himmel sei für viele Kinder tröstlich. Wenn das freilich nicht bereits durch ein anderes abgelöst ist. Denn das Hinterfragen – etwa ob es denn den Himmel tatsächlich gibt – wird mit der Zeit nicht weniger, sondern mehr. Und das ist laut Habringer-Hagleitner auch gut so: „Ein religiös entwickelter Mensch ist immer auch ein kritischer Mensch im Hinblick auf Tradition. Er hinterfragt ein Leben lang.“

Eine entscheidende Zäsur kann dabei die Pubertät bedeuten. Dann werden politische, soziale und religiöse Werte hinterfragt. „Je massiver Eltern etwas vermitteln, desto mehr hinterfragen die Jugendlichen“, sagt Rupp. Danach folgen wenig allgemeingültige Regeln. Manche Kinder wenden sich vom Glauben ab, andere nicht. Habringer-Hagleitner ist überzeugt, dass der Abfall vom Glauben auch damit zu hat, dass das Denken und Empfinden im Kindesalter von Erwachsenen nicht ernst genommen wurde. Schlussendlich bleibt jedem das Bild, das man sich selbst vom Glauben gemacht hat. Ganz egal, ob Jesus in der Kindheit blond, schwarz- oder braunhaarig war und Gott noch immer durchsichtig ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2016)