Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wie die Welt Österreich jetzt sieht

Der Österreicher als Punschkrapferl? Das unter anderem Thomas Bernhard zugeschriebene Zitat geht auf den Psychiater Erwin Ringel zurück, der 1985 in einem Vortrag über die „Kärntner Seele“ ein Bonmot wiedergab: „Was ist Kärnten? Ein Punschkrapferl, außen rosa, innen braun und immer unter Alkohol.“
Der Österreicher als Punschkrapferl? Das unter anderem Thomas Bernhard zugeschriebene Zitat geht auf den Psychiater Erwin Ringel zurück, der 1985 in einem Vortrag über die „Kärntner Seele“ ein Bonmot wiedergab: „Was ist Kärnten? Ein Punschkrapferl, außen rosa, innen braun und immer unter Alkohol.“Cathrine Stukhard / laif / picturedesk.com
  • Drucken

Norbert Hofers Wahlsieg hat international zum Teil alte Reflexe und braune Gespenster geweckt. Die Erregungsmaschinerie läuft allmählich an.

Noch sind es drei Wochen bis zur Stichwahl am 22. Mai, doch der Triumph des FPÖ-Kandidaten, Norbert Hofer, im ersten Wahlgang hat vor allem im nahen Ausland zum Teil bereits ein Echo ausgelöst, das Reminiszenzen weckt an den Winter 2000 und den Frühsommer 1986 – an die Entrüstung über die schwarz-blaue Koalition und den Sieg Kurt Waldheims bei der Bundespräsidentschaftswahl vor 30 Jahren.

Noch manifestiert sich die Kritik überwiegend in Kommentaren der Medien, doch sie geben eine Vorahnung von der Erregungsmaschinerie, von den Reflexen, den Stereotypen und braunen Gespenstern, die im Fall der Wahl eines ersten FPÖ-Staatsoberhaupts aus der Mottenkiste hervorgeholt werden würden. Je weiter die Länder von Österreich entfernt sind, desto unaufgeregter und differenzierter fielen edie Reaktionen aus, zumal der Rechtspopulismus mittlerweile ein verbreitetes Phänomen in Europa ist - von Frankreich über Belgien, die Niederlande und Deutschland bis nach Skandinavien, vvon den Länder Mittel- und Osteuropas ganz zu schweigen. Am Abend des 22. Mai könnte sich das alles schlagartig ändern.


Deutschland. Nicht ohne Häme betrachtet Berlin die Misere der Koalition in Wien. Für CDU-Fraktionschef Volker Kauder, einen Intimus Angela Merkels, hat sich die Abkehr von der Flüchtlingspolitik unter der Federführung der Kanzlerin bitter gerächt. Er hat daraus die Lektion gezogen: „Mit Populisten zu wetteifern ist also nicht das Rezept. Das sollte uns auch in Deutschland eine Lehre sein.“ Es waren nur wenige Stunden nach dem offiziellen Wahlresultat in Wien verstrichen, als Vizekanzler Sigmar Gabriel, Chef der maroden SPD, schon via „Bild“-Zeitung zu einer nationalen Allianz in Österreich gegen Norbert Hofer aufrief. Neben der rechtspopulistischen AfD - und dem französischen Front National - stellte sich auch ie NPd mit Gratulationen bei der FPÖ ein: "Europa wacht auf!"

Zugleich postete die „Heute-Show“, die ZDF-Satiresendung, auf ihrer Homepage eine nicht eben subtile Fotomontage – ein Wiener Schnitzel in Form eines Hakenkreuzes. Darunter platzierten die Witzbolde aus Mainz den Text: „Österreicher wählen eben so, wie sie es vom Schnitzel kennen: möglichst flach und schön braun.“ Was dem ZDF prompt die Klage eines Tiroler Jusstudenten, eines Ex-FPÖ-Mitglieds, einhandelte. „Bild“ titelte daraufhin: „Machen die Ösis jetzt auf Erdoğan?“

„Rechts, aber nicht extrem“, so sah es die „FAZ“ in ihrem Leitartikel. „Fesch, froh, rechts“, titelte die „Süddeutsche Zeitung“, die Konkurrenz aus München. Korrespondentin Cathrin Kahlweit streute in ihren Text ein Thomas-Bernhard-Zitat ein, das eigentlich auf den Psychiater Erwin Ringel zurückgeht und das auf Kärnten anno 1985 gemünzt war, auf die Prä-Haider-Ära in Klagenfurt. Ringel, der Seelendoktor der Nation, griff ein Bonmot auf: „Was ist Kärnten? Ein Punschkrapferl, außen rosa, innen braun und immer unter Alkohol.“ In den linksliberalen Leitmedien, im „Spiegel“, in der „Zeit“ und der „Süddeutschen“ erklären derweil Autoren der alternativen Wiener Stadtzeitung „Falter“, des Zentralorgans der Hauptstadt-Hipster, den Deutschen die Alpenrepublik jenseits von Inn und Karwendel bis hin zum verschiedenen, mit Jörg Haider zu Grabe getragenen "Feschismus".


Italien. Jenseits des Brenners dominiert indessen die Thematik um die bevorstehende Grenzschließung des wichtigsten Alpenpasses. In Italien gilt das Hauptaugenmerk der österreichischen Flüchtlingspolitik, die Medien rezipierten das Wahlergebnis in Wien vorerst eher differenziert und meist, ohne in Klischees zu verfallen. „Die Österreicher wählten das Original und nicht die Kopie“, lautete der Tenor. „Jörg Haider würde grinsen, wenn er noch am Leben wäre“, kommentierte die „Repubblica“. Einzig der Linksintellektuelle Claudio Magris, Autor des Standardwerks "Die Donau" und Experte ffür die Habsburger-Monarchie, tat sich als Kassandra hervor. Er warnte vor der Gefahr eines barbarischen Europa und der Wiederauferstehung der 1920er-Jahre. „Das Wien dieser Wahlen könnte – wie Karl Kraus vor vielen Jahrzehnten sagte – wieder zur Wetterbeobachtungsstelle für das Ende der Welt werden.“

Frankreich. In den Blättern war umgehend die Rede vom Sieg der „extrème droite“ – so bezeichnen sie auch den Front National von Marine Le Pen. Und sie erinnerten reflexartig an Haider und die schwarz-blaue Regierung, als viele Franzosen von der Machtergreifung der „neuen“ Nazis raunten. Heute ist der Ton jedoch viel unaufgeregter. „Le Monde“ ortet Österreich nicht nur geografisch, sondern politisch bald „östlich von Prag“, gemeinsam mit Ungarn und Polen.

Großbritannien. Die Verbindung „far right“ und „Austria“ bleibt unwiderstehlich. Die „Financial Times“ schlug einen Bogen von der Kapuzinergruft zum Nationalsozialismus und fragte: „Wir wissen nicht, was Joseph Roth über den Aufstieg der extrem rechten Freiheitlichen Partei gesagt hätte.“ Unerwähnt blieb, dass „Österreich an einem Tag mehr für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten getan hat als Großbritannien in einem ganzen Jahr“, wie es der schottische Abgeordnete Angus Robertson kürzlich formulierte.

Russland. Weniger mit Sorge als mit Wohlwollen blickt Russland auf den möglichen Präsidenten Hofer. Mit dem Kreml-freundlichen Kandidaten der „rechtskonservativen“ Freiheitlichen (Kreml-Nachrichtenagentur Sputnik) verbindet man nicht nur die Hoffnung, die sowieso guten bilateralen Beziehungen zu Österreich weiter zu vertiefen. Auch auf europäischer Ebene wäre ein Präsident Hofer ein klares Zeichen – ein „Knockdown für Brüssel und Washington“, wie es ein Kommentator des Internetjournals „Politisches Russland“ ausdrückt. Antisystemische Parteien sind für den Kreml traditionell Bündnispartner, besonders jene aus dem rechten Spektrum wie die FPÖ. Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs würden in Russland "mit dem Versagen gemeinsamer EU-Politik bei der Flüchtlings- und Migrationskrise gebracht", sagt Österreichs Botschafter in Moskau, Emil Brix. "Aber natürlich verfolgt die russische Führung in der derzeitigen frostigen Situation der EU-Russland-Beziehungen politische Wahlen in EU-Staaten auch immer unter dem Gesichtspunkt eines möglichen Einflusses auf die europäische Sanktionspolitik." Hofers Gutheißen der russischen Annexion der Krim und seine Unterstützung eines "Selbstbestimmungsrechts" der Menschen im abtrünnigen ukrainischen Donbass liegen ebenfalls auf Kreml-Linie.

Ungarn. Im rechten Lager herrscht unverhohlene Zufriedenheit. Istvàn Lovas schreibt im „Magyar Hirlap“, kurzfristig würden die Mainstream-Medien auf Österreichs „dunkle Vergangenheit“ hinweisen und es als Nazi-Land karikieren. Langfristig werde sich die „Emanzipation“ der Bürger von den Eliten auf ganz Europa ausbreiten.

Keine Wellen schlug das politische Beben in Wien einstweilen in Skandinavien, in den USA und vor allen in Israel, wo FPÖ-Chef Strache kürzlich seine Aufwartung gemacht hatte. In drei Wochen könnte die Stimmung jedoch über Nacht umschlagen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.04.2016)