Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Marokko: König Mohammed lässt die Burka bannen

Burkas beziehungsweise Niqabs tragen in Marokko fast ausschließlich Touristinnen aus den Golfstaaten.
Burkas beziehungsweise Niqabs tragen in Marokko fast ausschließlich Touristinnen aus den Golfstaaten.(c) APA/AFP/EMILY IRVING-SWIFT
  • Drucken

Österreich und Deutschland überlegen noch, der islamische Staat in Nordafrika handelt: Marokkos Behörden verbieten den Verkauf, die Produktion und den Import des Vollschleiers.

Tanger. Es kam überraschend, ganz ohne Ankündigung und großen, offiziellen Trommelwirbel. Auf den ersten Blick wirkte die kurz gehaltene Verordnung so normal wie jede andere neue Regelung der Behörden. Aber die Verkäufer und Schneider auf den Märkten Marokkos dürften gestaunt haben, als ihnen das Papier mit Unterschrift und Stempel des Innenministeriums unter die Nase gehalten wurde. Denn von nun an sind Produktion und Handel der Burka, der Vollverschleierung, landesweit verboten. Darunter fällt auch der Niqab, bei dem als Einziges die Augen frei bleiben.

Ein offizielles Statement seitens der Regierung gibt es nicht. Aber die marokkanische Webseite Le360, die bekannt für gute Kontakte ist, zitierte einen hohen Beamten aus dem Innenministerium: „Wir haben den Import, die Herstellung und das Marketing dieser Kleidungsstücke in allen Städten Marokkos verboten.“ Damit soll verhindert werden, dass Kriminelle weiter die Vollverschleierung als Tarnung für Verbrechen benutzten.

Was wie ein Vorwand klingt, ist ein kluger Schachzug. De facto wurde kein Verbot des Tragens der Burka ausgesprochen. Aber natürlich läuft die neue Verordnung darauf hinaus. Burka und Niqab entsprechen der Kleiderordnung erzkonservativer Muslime, aber auch von Extremisten, wie al-Qaida und Islamischer Staat (IS).

 

Zeichen für moderaten Islam

Das Verbot der Burka hat in Frankreich, Belgien und auch in Deutschland, das darüber nachdenkt, endlose hitzige Debatten ausgelöst. Und nun kommt ausgerechnet ein muslimisches Land, wie Marokko, das mit einer Handbewegung, ohne viel Aufhebens gegen diese antiquierte weibliche Bekleidung vorgeht.

Die neue Verordnung ist ein einfacher, aber gleichzeitig mutiger Schritt, sollten sich die damit verbundenen Maßnahmen tatsächlich bestätigen. Das Königreich an der Nordspitze Afrikas setzt damit wieder einmal ein Zeichen für einen moderaten Islam. Seit Jahren versucht Marokko, den Diskurs über den politischen Islam zu entradikalisieren. Imame werden geschult, Bildung auch in ländlichen Gegenden vermittelt, und Vertreter des Staats, allen voran König Mohammed VI., werden nicht müde, immer wieder eine entschiedene Grenze zwischen Religion und Gewalt zu ziehen. In dieser Form ist das kaum in anderen arabischen Ländern anzutreffen.

Natürlich gibt es auch Kritik an der neuen Verordnung. „Unakzeptabel“ nannte sie Hammad Kabbadsch, ein Prediger, der, wegen seiner extremistischen Verbindungen, nicht als Kandidat an den Parlamentswahlen teilnehmen durfte. Er mokierte sich über „Marokkos Freiheit und Menschenrechte“, die „das Tragen eines westlichen Badeanzugs am Strand als unantastbares Recht“ ansähen. Konservative wie Kabbadsch würden am liebsten Bikinis von marokkanischen Stränden verbannen und haben das auch schon mehrfach, jedoch vergeblich, versucht. Ein anderer bekannter Imam, Hassan al-Kattani, schlug in eine ähnliche Kerbe. Die Burka sei zwar ein „Import aus Afghanistan“, aber das Verbot käme einer „rassistischen Unterscheidung“ gleich. Denn „Frauen könnten moderne Kleidung aus dem Westen tragen, aber die aus dem Osten wird verbannt“.

 

Über „Ninjas“ belustigt

Für die Mehrheit der Marokkaner werden diese Einwände nicht von Belang sein. Burka und Niqab sieht man selten auf den Straßen. Vielfach werden die voll verschleierten Frauen, die gewöhnlich auch noch Handschuhe tragen, müde belächelt. „Was soll das?“, hört man von Cafébesuchern oder Taxifahrern. „Mit Islam hat das nichts zu tun.“ Einige sprechen sogar belustigt von Ninjas – also jenen verkleideten Kung-Fu-Kämpferinnen aus Kinofilmen. „Meine Frau trägt Kopftuch“, ergänzt ein Kellner. „Das ist genug. Und entspricht marokkanischer Tradition.“

AUF EINEN BLICK

Burka-Verbot. In einer kurz gehaltenen Verordnung ließ das marokkanische Innenministerium den Verkauf, den Handel und Import von Burkas landesweit verbieten. Die Begründung hatte sicherheitspolitischen Charakter: Kriminellen solle künftig die Möglichkeit genommen werden, den Vollschleier als Tarnung zu verwenden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2017)