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Deutschland: Europas künftige Rentnerrepublik

(c) Illustration: Lillian Panholzer (Die Presse)
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Im Jahr 2030 wird Deutschland den höchsten Pensionistenanteil in der EU aufweisen. Die Politik versucht verzweifelt, den Generationenvertrag zu erhalten.

Behindertengerechte Bungalows ohne Stiegen, ein überschaubarer Supermarkt mit übergroßen Beschriftungen und einem täglichen Mittagstisch, eine „Kümmerin“, die Pflegedienste und Geburtstagsfeiern organisiert: Bei Meppen im Emsland, nahe der niederländischen Grenze, entsteht derzeit das erste Seniorendorf Deutschlands, wie es sie in den USA oder Australien schon lange gibt. Die Siedlung soll über die Region hinaus Modellcharakter haben, wenngleich es auch vereinzelt Kritik gibt, dass das „Leben unter Gleichen“ der Idee der Mehrgenerationenhäuser zuwider laufe.

 

Staat vor großer Herausforderung

Deutschland wird im Jahr 2030 den höchsten Rentneranteil in der Europäischen Union haben, aber nur langsam rüstet man sich für die rasante Alterung der Gesellschaft. Die Altersstruktur und die Veränderungen der Einwohnerzahlen stellen den Staat vor große Herausforderungen, insbesondere bei der Pensionsversicherung und der Pflege der Alten. Durch die Bevölkerungsentwicklung und den damit verbundenen Rückgang der Erwerbstätigenzahlen geht ein wachsender Anteil des Volkseinkommens an die Senioren in Deutschland. In Chemnitz etwa, das in 20 Jahren mit einem Anteil von 37,7 Prozent über 65-Jähriger die älteste Stadt des Kontinents sein wird, werden dann laut einer Eurostat-Studie 100 arbeitende Personen durchschnittlich 70,2 Prozent Pensionisten finanzieren müssen. Zum Vergleich: In London werden auf 100 Arbeitnehmer nur 14,8 Prozent Pensionisten kommen.

Während die Städte größer und jünger werden, entvölkern und vergreisen die ländlichen Gebiete. Europaweit wohnen heuer erstmals in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. 2050 werden gemäß UN-Prognose 70 Prozent der Weltbevölkerung Städter sein. Zugleich scheint der Trend zur Schrumpfung der Bevölkerung nicht aufzuhalten zu sein. Derzeit hat Deutschland 82 Millionen Einwohner, für das Jahr 2030 prognostiziert das Bundesamt für Statistik 73,8 Millionen. Auch eine Erhöhung der Geburtenrate, die seit mehr als 30 Jahren bei 1,4 Kindern pro Frau liegt, kann die Entwicklung nach Einschätzung von Experten nicht stoppen, sondern allenfalls mildern.

Auch 20 Jahre nach der Wende gibt es in Deutschland Unterschiede zwischen West und Ost: Im Osten ist zuletzt sogar ein leichter Anstieg der Geburtenrate zu verzeichnen. Die Kinderlosigkeit ist gering, der Anteil an Ein-Kind-Familien hoch; im Westen bleibt die Geburtenrate konstant. Viele sind kinderlos, zugleich gibt es mehr Familien mit drei oder mehr Kindern.

 

Zuwanderung dringend nötig

Als Dämpfer für den Bevölkerungsrückgang kann Zuwanderung wirken: „Kurzfristig dürfte sich die ab 2011 geltende volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer aus den Staaten, die 2004 der EU beigetreten sind, auswirken“, erklärt Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamts.

Potenzial sieht er auch bei weltweiten Wanderungsbewegungen aufgrund des Klimawandels. 2030 werden 61,9 Millionen Deutschen 11,9 Millionen Ausländer gegenüberstehen. Damit erhöht sich der Anteil der ausländischen Bevölkerung auf rund 16 Prozent gegenüber sechs Prozent 1990.

Die Debatte über „Rentnerschwemme“, „Vergreisung“ oder „Überalterung“ schürt Angst. Die Politik hat noch keine Antwort gefunden, wie sie der Bevölkerungsentwicklung gerecht werden und den Generationenvertrag erhalten kann. Diskutiert wird eine Rentenreform ebenso wie mehr Investitionen in die Ausbildung der kommenden Generation, um eine hohe Produktivität der künftigen Erwerbstätigen zu gewährleisten und den Betrag, der für die Pensionen aufgebracht werden muss, auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Die Zeit drängt: In 50 Jahren wird bereits jeder siebte Bundesbürger 80 Jahre oder älter sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)