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China, das Land der 110 Millionen Einzelkinder

(c) Illustration: Lillian Panholzer (Die Presse)
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Geburtengesetz: Wie viel Nachwuchs darf sein? Nach 30 Jahren der „Ein-Kind-Politik“ droht China schon bald die Überalterung.

Anfang des Jahres wagte sich Peng Yuhua sehr weit vor. Der Funktionär, zuständig für die Familienplanung in Peking, machte sich laut Gedanken über die strenge Ein-Kind-Politik in der Hauptstadt. „Die alte Familienplanungspolitik sollte zeitgemäßer werden“, erklärte er vor Journalisten. Künftig, so kündigte er an, dürfte mehr Pekingern als bisher erlaubt werden, ein zweites Baby in die Welt zu setzen.

Die Ankündigung erregte Aufsehen, und bald schritt die Zensur ein: Die städtische Familienplanungsbehörde wies die Zeitungen an, nicht mehr über „interne Debatten“ zu schreiben.

Kein Zweifel: Gut 30 Jahre nach Einführung der Ein-Kind-Politik gehört die erzwungene Geburtenbeschränkung in China nach wie vor zu den politisch heiklen Themen. Nach dem Wunsch der Regierung soll sie nur unter Experten und Wissenschaftlern debattiert werden, allenfalls in Fachzeitschriften. Kritische Diskussionen in den Medien sind unerwünscht, weil sie Unruhe schaffen und die Stabilität der Gesellschaft bedrohen könnten, heißt es.

 

Ein demografisches Experiment

Offiziell stellen Chinas Politiker ihr umstrittenes demografisches Experiment bis heute als Riesenerfolg dar: „Bis zu 400 Millionen Chinesen“ seien in dieser Zeit weniger geboren worden, was eine wichtige Voraussetzung für den raschen wirtschaftlichen Aufschwung gewesen sei. 1978 bekamen Chinas Frauen im Schnitt noch 2,8 Kinder, heute liegt die Zahl in einigen Regionen bei 1,5. Und in großen Metropolen leben bereits deutlich mehr kinderlose Frauen als Mütter. Mittlerweile entscheiden sich immer mehr Paare gegen Nachwuchs, weil sie Karriere machen wollen oder sich vor den hohen Kosten fürchten.

 

Geldstrafen für zu viele Babys

Etwa 110 Millionen Chinesen wachsen als Einzelkinder auf. Allerdings macht der Staat viele Ausnahmen. Nationale Minderheiten wie etwa die Tibeter dürfen zwei Kinder bekommen. Dies gilt auch für Eltern, deren erstes Kind behindert ist. Bauern dürfen es noch einmal versuchen, wenn das erste Baby ein Mädchen ist. Städtern, die selbst Einzelkinder sind, ist es in manchen Gegenden ebenfalls erlaubt, zwei Kinder zu bekommen.

Ein ausgeklügeltes System von Kontrolleuren, das bis ins letzte Dorf Chinas reicht, sorgt dafür, dass die Regeln eingehalten werden: Wer sie missachtet, muss hohe Geldstrafen zahlen, Beamte und KP-Funktionäre werden nicht mehr befördert oder gar gefeuert. Die Zahl der Zwangsabtreibungen sei in den letzten Jahren geringer geworden, berichten Experten. Nun werden die Stimmen, die ein Ende der Ein-Kind-Politik fordern, immer lauter.

Im Jahr 2026 dürfte China den Höhepunkt seiner Bevölkerungszahl mit 1,4 Milliarden Menschen erreicht haben. Danach wird das Land vor einer neuen Krise stehen, an die früher niemand gedacht hatte, warnte jetzt Professor Wang Feng von der Shanghaier Fudan-Universität. China werde schrumpfen – mit „gewaltigen und fast unausweichlichen Konsequenzen“. Dazu gehören: immer weniger junge Leute und ein riesiges Heer von Alten. Schon heute sind rund 110 Millionen Chinesen über 65 Jahre alt. In 15 Jahren dürften es 280 Millionen sein, das wäre etwa ein Fünftel der Bevölkerung.

Niemand weiß, wer sie versorgen soll, denn die meisten von ihnen haben keinen Anspruch auf eine halbwegs ordentliche Pension oder Krankenversicherung. „Das bestehende Sozialversicherungssystem droht unter seinem eigenen Gewicht zusammenzubrechen“, prophezeit der US-Experte Nicholas Eberstadt.

 

Abtreibung weiblicher Föten

Das Geburtengesetz hat noch eine weitere schlimme Folge: Um sicherzustellen, dass sie einen Sohn bekommen, der sie im Alter versorgen kann, lassen schwangere Frauen häufig das Geschlecht des ungeborenen Kindes bestimmen. Unerwünschte Mädchen werden häufig abgetrieben.

Die Regierung verbietet die gezielte Tötung weiblicher Föten, aber sie ist dennoch Alltag: Mittlerweile kommen im ganzen Land rund ein Fünftel mehr männliche als weibliche Säuglinge zur Welt, in manchen Gegenden sind es sogar über 30 Prozent mehr Buben. Über 30 Millionen Männer dürften in den nächsten Jahren keine Frau finden.

Die Zeitung „New Century Weekly“ gehört zu den mutigen Publikationen, die ein Ende der Politik fordern, die so viel Leid gebracht hat. Vor wenigen Tagen fragte sie: „Wann wird das Grundrecht auf die eigene Entscheidung über die Zahl der Kinder endlich wieder an die Familien zurückgegeben werden?“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)