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Indien: Boom-Nation mit Bevölkerungsklotz am Bein

(c) Illustration: Lillian Panholzer (Die Presse)
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Das ungebremste Bevölkerungswachstum könnte Indiens Aufschwung zum Verhängnis werden.

Lange sah es um Indien wenig rosig aus: Seit der Unabhängigkeit 1947 dümpelte der Riese, der damals 340 Millionen weitgehend arme Bürger hatte, über Jahrzehnte ökonomisch vor sich hin: Die Entwicklung war gehemmt von Planwirtschaft, Korruption, enormer Bürokratie.

Zwar fanden Millionen Auswanderer ihr Glück im Westen. Nur Indien kam nicht hoch; das „Hindu-Wirtschaftswachstum“ von drei Prozent wurde Schlagwort für die Misere, aus der das Land erst nach dem Kollaps des Ostblocks in den 90ern einen Weg fand: Da begann der Boom, der es vom Hungerleider zum globalen Wachstumsmotor mit Zuwächsen von zwölf Prozent im Jahr machte.

 

Schon 1,15 Milliarden Inder

Bei der Bevölkerung ging es auch stark aufwärts. In den 70ern lebten in Indien 600 Millionen Menschen, in den 90ern fast eine Milliarde. Heute hält es bei 1,15 Milliarden und ist nicht weit hinter China das bevölkerungsmäßig zweitgrößte Land. „Indien und China stellen 37 Prozent der Weltbevölkerung, also haben die demografischen Trends hier einen großen Einfluss auf die weltweite Bevölkerungsentwicklung“, sagt Daniel Goodkind vom „Census Bureau“ der UNO. Mehr als die Hälfte der Inder sind unter 25 – China dagegen droht wegen seiner Ein-Kind-Politik zu vergreisen wie andere Industrieländer. Daher werde das demokratische Indien wohl ein langfristigerer Wirtschaftsmotor in Asien sein als China.

 

Keine Söhne, keine Zukunft

Nur: Indien verdankt seine „Jugend“ der ungebremsten Bevölkerungsexplosion. Noch gibt es keine staatlichen Sicherungssysteme. Die Gesellschaft zerfällt in tausende konfessionelle, ethnische und Kastengruppen. Was aus Menschen wird, die im Alter nicht von mindestens zwei Söhnen unterstützt werden, sieht man in Indiens Megacitys an jeder großen Kreuzung: Dort gehen zerlumpte Alte von Auto zu Auto und betteln.

Zudem klingen zwar die Wirtschaftsdaten gut, kamen in Städten hunderte Millionen zu Wohlstand. Aber auf dem Land, wo zwei Drittel der Inder leben, kommt davon wenig an. Also wird sich Indiens Erfolg auch daran entscheiden, ob es seine armen Massen am Aufschwung beteiligen kann. Sonst könnte sein Hauptkapital, seine vielen jungen Menschen, ihm bald zum Verhängnis werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2010)