Management nach Yin und Yang

(c) Andreas Kolarik/ Miele

Porträt. Nach 23 Jahren bei Xerox wechselte Sandra Kolleth Ende vergangenen Jahres an die Spitze von Miele Österreich. Ihre Wurzeln im Personalwesen merkt man ihr an.

Mit dem so erfreulich gesteigerten Vorjahresumsatz hat sie noch nichts zu tun. Sandra Kolleth (48) ist erst seit November Geschäftsführerin von Miele Österreich, Slowenien und Kroatien. Die 5,5 Prozent Umsatzsteigerung – deutlich über dem Markt – verdankt sie noch ihrem Vorgänger.

In Kolleths Vita fällt zuerst die Beständigkeit auf. 23 Jahre, seit ihrem WU-Abschluss, kletterte sie bei Xerox nach oben: von Qualitätsmanagement über Vertrieb, Marketing und der Leitung einer Dienstleistungstochter bis zur General Managerin seit 2013. Eine stetige Karriere, wie man sie heute nicht mehr oft sieht. Trotzdem liebt sie die Abwechslung. „Wann immer mir nach etwas Neuem war, hat das Unternehmen das gut gespürt“, sagt sie. Dann bekam sie eine neue Aufgabe, wechselte intern und blieb.

2013 wurde ihr die lokale Spitze angeboten, das General Management. Ein Satz ihres Mentors fiel ihr ein, als sie noch eine junge Anfängerin war: „Wenn du einmal Chefin von Xerox Österreich bist, lädst du mich zur Einstandsfeier ein.“ Im Rückblick war er wohl ein Prophet: „Unbewusst hat er bei mir einen neuen Rahmen aufgemacht.“

Ihr Mentor – den sie selbstverständlich zum Einstand einlud – beeinflusste sie auch bei anderen Gelegenheiten. Zur Einführung einer jungen Mitarbeiterin riet er ihr, „sie ins kalte Wasser zu werfen, so wie wir dich geworfen haben“. Das kalte Wasser sei ihr nicht bewusst gewesen, sagt sie, aber es sei eine gute Schule gewesen. Seinen Rat befolgt sie bis heute, Neulinge lässt sie etwa gern vor dem Vorstand präsentieren. Konnten alle im kalten Wasser schwimmen? – „Manche haben Schwimmflügerln gebraucht.“

Nach fünf Jahren General Manager war sie wieder da, die Lust auf etwas Neues. Bei Xerox hätte sie nur mehr ins Headquarter aufsteigen können. „Dort kommt man und geht wieder. Mir liegen kontinuierliche Beziehungen mehr. Zu Mitarbeitern, Kunden und Partnern.“ Die Wortwahl erinnert an die Codes in Arbeitszeugnissen (siehe Seite K1): Das zuerst Genannte ist das Wichtigste. Gelernt ist gelernt – ihr Wahlfach an der WU war Personalwirtschaft.

Vertrautes und Neues

Kolleth blieb dem lokalen Markt treu. Da ließ sich auch ihr Yin-und Yang-Grundprinzip besser verwirklichen: Bestand und Wechsel, Vertrautes und Neues.

Ihre neue Rolle bei Miele bietet ihr beides. Das Vertraute sind Technik und Markt. Das Neue sind ein eigentümergeführtes Familienunternehmen in vierter Generation statt einem börsenotierten US-Konzern, B2C statt B2B und wieder jede Menge Transformation. Auch Miele verdankt seine Umsatzsteigerungen neuen Technologien. Die Haushaltsgeräte sind nun vernetzt: Kochfelder mit denkenden Dunstabzügen oder remote ansteuerbare Waschmaschinen und Geschirrspüler.

Technische Transformationen sind Kolleth vertraut. Auch Xerox erfand sich mehr als einmal neu. Nie kostete es so viele Arbeitsplätze, wie man befürchtet hatte. Das kann sie sich auch jetzt von der Digitalisierung nicht vorstellen: „Man hat das noch von jeder industriellen Revolution behauptet. Gestimmt hat es nie.“

Allerdings, gesteht sie ein, auf jeden Umbruch folgt eine Phase großer sozialer Unsicherheit. Bei dieser bleiben all jene auf der Strecke, die sich nicht um ihren Anschluss gekümmert haben. „Das haben die Menschen jetzt auch noch nicht verstanden: dass sie die Digitalisierung erst lernen müssen.“

Jedem die Hand schütteln

Eines ihrer ersten Miele-Projekte war daher eine Erhebung der Digitalkenntnisse der Mitarbeiter, auch der privaten. Das wird auch Thema ihrer Führungsklausur kommende Woche sein: „Wir schauen uns systematisch die Rollen im Unternehmen an, priorisieren sie und schulen die Mitarbeiter in dem, was sie künftig brauchen werden.“ Die Techniker also in Netzwerken, den Vertrieb in der Präsentation von Smart Homes, das Marketing im Omni-Channel-Bereich.

421 Mitarbeiter in Österreich, das ist noch überschaubar, dazu 40 weitere in Slowenien und Kroatien: „Ich hoffe, dass ich eines Tages jedem die Hand geschüttelt habe.“ Und dass eines Tags alle fit für die Digitalisierung sind. Wenn sie denn wollen.

 

Zur Person

Die Wienerin Sandra Kolleth (48) startete ihre Laufbahn 1995 bei Xerox Austria, wo sie zahlreiche Positionen in Vertrieb und Marketing bekleidete. 2004 wurde sie Mitglied der Geschäftsleitung, 2013 stieg sie zur General Managerin auf. Vergangenen Herbst wechselte sie zu Miele, wo sie seit November die Geschäftsführung für Österreich, Slowenien und Kroatien innehat und die Digitalisierung vorantreibt. Sie pendelt nun zwischen Wien und der Firmenzentrale in Wals/Salzburg.Faktbox (2cecc0ba)


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2019)