Was die neue Matura gebracht hat

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Themenbild: Zentralmatura(c) APA/ROBERT JAEGER

Heute geht die Zentralmatura mit rund 45.000 Prüflingen ins fünfte Jahr. Hat sie sich bisher bewährt? Von mehr Transparenz über Niveau bis zur Lehrerleistung: Fünf Antworten.

Wien. Die Einführung der Zentralmatura war eine schwierige Prüfung für das österreichische Schulsystem: Die Lehrer mussten erstmals die Kontrolle über die letzte große Klausur abgeben, das Wissen ihrer Schüler wurde fortan vom Staat kontrolliert. Deshalb war in den Anfangsjahren der standardisierten Reifeprüfung, wie sie offiziell heißt, vor allem die Aufregung zentral.

Die Nervosität wird in den nächsten Tagen auch bei den rund 45.000 Kandidaten steigen, die heuer antreten. In den Schulen nimmt man die Zentralmatura, die am heutigen Montag ins fünfte Jahr geht – morgen folgt Deutsch, am Mittwoch Mathematik –, mittlerweile aber relativ gelassen. Sie ist zur Routine geworden. Doch hat sie sich bewährt? Was die neue Matura gebracht hat.

1 Die Reifeprüfung ist mit der Zentralmatura transparenter und vergleichbarer geworden– wenn auch nicht ganz.

Transparenz und Vergleichbarkeit waren die obersten Ziele. Beide sind (mit gewissen Einschränkungen) erreicht worden: Während früher überspitzt gesagt zum Teil Willkür geherrscht hat und sich die Anforderungen bereits zwischen Parallelklassen unterschieden haben, ist nun klar: Jeder hat die gleiche Prüfung. Wobei: Ganz so ist es auch wieder nicht. Letztlich gibt es für verschiedene Schultypen verschiedene Prüfungen, in den Fremdsprachen für verschiedene Lernjahre. Zweifel an der Objektivität gibt es bei den mündlichen Kompensationsprüfungen, mit denen Fünfer ausgebessert werden können. Ein weiterer Punkt: Auch schriftlich wird – nach Vorgaben – weiter vom Lehrer selbst benotet.

2 Der perfekte Schwierigkeitsgrad wurde in Mathematik bisher noch nicht gefunden – hier wurde auch heuer geschraubt.

Wie schwierig darf oder muss eine Reifeprüfung sein? Das war bzw. ist eine zentrale Frage. Zu einfach wäre eine Nivellierung der Anforderungen nach unten – und zu schwierig nicht fair für die Maturanten. Vor allem in Mathematik ist man da noch am Austarieren: Auf einen Jahrgang mit vielen Fünfern folgte in den ersten vier Zentralmaturajahren üblicherweise einer mit deutlich besseren Ergebnissen. Nach einem Mathematikdesaster im Vorjahr wurde auch heuer geschraubt – wenngleich man betont, dass die Prüfung dadurch nicht leichter, sondern lediglich verständlicher und fairer werde. Eine grundsätzliche Frage ist, ob das Prüfungsniveau der Matura wirklich dann optimal ist, wenn die Noten der Gauß'schen Normalverteilung entsprechen – inklusive Fünfer.

3 Vielfalt und Kreativität der Schulen wurden mit der Zentralisierung der Prüfungen teilweise der Vergleichbarkeit geopfert.

Da die Prüfungen bei der Matura nun (fast) die gleichen sind, können bzw. dürfen sich auch die Vorbereitung und der Unterricht in den Jahren zuvor nicht allzu sehr unterscheiden. Dieses Lehren und Lernen für den Test geht auf Kosten der Vielfalt und Kreativität. Projekte und Schwerpunkte sind die Kür. Viele Lehrer versuchen, ihre Schüler aber lieber gut auf die Pflicht, also auf die zentralen Maturafragen, vorzubereiten. Das hat sich auf den Deutschunterricht besonders ausgewirkt. Hier werden oft streng formalisierte Textsorten trainiert. Leserbriefe, Kommentare und Zusammenfassungen müssen detaillierten Vorgaben entsprechen. Neben dem kreativen Schreiben würde dabei vor allem die Literatur zu kurz kommen, lautet die nicht verstummen wollende Kritik.

4 Mit der Zentralmatura steht nicht nur die Leistung der Schüler, sondern auch die der Lehrer auf dem Prüfstand.

Nicht nur bei den Schülerleistungen hat die Zentralmatura mehr Transparenz gebracht. Auch die Leistungen der Lehrer stehen mit den Fragen, die sie erst erfahren, wenn am Morgen der Matura das entsprechende Kuvert geöffnet wird, auf dem Prüfstand. Obwohl für den Erfolg einer Klasse auch noch zahlreiche andere Faktoren mitspielen, stehen die Lehrer jetzt deutlich mehr unter Druck, als das früher der Fall war. Weichen ihre Ergebnisse stark von jenen anderer ab, haben sie zumindest Erklärungsbedarf. Parallel dazu hat sich ihre Rolle vor der schriftlichen Maturaklausur etwas gewandelt: Sie sind vom Prüfer sozusagen zum Coach der Maturanten geworden.

5 Bestnoten hat sich die Zentralmatura nach den ersten vier Jahren noch keine verdient. Sie hat noch zu lernen.

Eines ist im fünften Jahr klar: Das Schulsystem hat die schwierige Prüfung, die Zentralmatura einzuführen, bestanden. Das oft als schwerfällig bezeichnete System war zur Veränderung bereit. Diese Offenheit wird es aber auch künftig noch brauchen. Denn die Zentralmatura hat sich noch keine Bestnoten verdient. Es muss weiterhin über Inhalte, Niveau, Prüfungs- und Benotungssystem debattiert werden: Auch die Zentralmatura muss noch dazulernen.

AUF EINEN BLICK

Heute, Montag, startet die diesjährige Zentralmatura mit den schriftlichen Klausuren in Spanisch und den Minderheitensprachen Kroatisch, Slowenisch und Ungarisch.


Es folgen am Dienstag Deutsch und tags darauf (angewandte) Mathematik. Weiter geht es dann mit den Maturaklausuren in Französisch (9. Mai) und Englisch (10.Mai). Der 13. Mai steht im Zeichen von Latein und Griechisch. Den Abschluss der Zentralmatura macht Italienisch (14. Mai).

Wer scheitert, der hat am 28. und 29.Mai die Möglichkeit, den schriftlichen Fünfer bei der zentral vorgegebenen, aber mündlichen Kompensationsprüfung auszubessern. Die österreichweiten Ergebnisse der Matura werden Mitte Juni veröffentlicht.

An den AHS findet die Zentralmatura zum fünften Mal flächendeckend statt. An berufsbildenden höheren Schulen (BHS) ist es das vierte Mal. Seit 2017 maturieren auch die Kandidaten der Berufsreifeprüfung zentral.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2019)