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Salzburger Festspiele: Die Kunst ist der Chef

Salzburger Festspiele Kunst Chef
Daniel Richter and Jonathan Meese(c) EPA (Ulrich Perrey)
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Gleich zwei berühmte Künstler hat Jürgen Flimm heuer eingeladen, Bühnenbilder für die Salzburger Festspiele zu gestalten. Die Ergebnisse könnten unterschiedlicher nicht sein.

Übergroß prangen die Namen auf den beiden Plakaten, nur die Titel „Lulu“ und „Dionysos“ sind noch größer geschrieben: Daniel Richter, dessen Bilder ein Vermögen kosten, und der für seine exzessiven Performances und chaotischen Werke bekannte Jonathan Meese. Diese Saison gehören sie zu den Stars der Salzburger Festspiele.

Sie zeigen allerdings keine Malerei, sondern gestalten Bühnenbilder. Wie kam es zu dem Auftrag? „Wie durch Zauberhand“, erklärt es sich Meese. Richter dagegen findet einige Gründe: „Vielleicht war der Wunsch, dass ich Bilder finde, die Bühnenbildner nicht finden – die Hoffnung, dass Bild und Musik zu einem Gesamteindruck fusionieren. Vielleicht auch Multiplikatoreneffekte“, erklärt er. „Aber eigentlich stelle ich mir die Frage nicht.“

Beauftragt wurden beide von Intendant Jürgen Flimm, zum einen aufgrund früherer Bühnenbilder, aber „der Hauptgrund war selbstverständlich, dass beide zu den besten Malern und Performancekünstlern Europas zu zählen sind“.

Vor gut einem Jahr starteten sie mit den Vorarbeiten. Für Richter begann es mit einem gewaltigen Durcheinander, da die Regie zu Alban Bergs Oper „Lulu“ sehr spät bestimmt wurde und die Oper extrem kurzfristig von zwei auf drei Akte verlängert werden musste. „Ich habe vier Bühnenbilder entworfen, und auf einmal brauchten wir fünf. Dabei war der Platz schon für drei zu eng!“ Überhaupt scheinen die Bedingungen eine Herausforderung zu sein: „Wir haben große Probleme mit dem Licht, können kaum etwas ausmodellieren, denn der Raum ist flach und wahnsinnig breit. Der Raum ist eine Schuhkarton-Situation, wie eine Bühne im 19. Jahrhundert, man kann nichts herunternehmen, nichts erscheinen lassen – alles, was auf der Bühne ist, muss auch dort bleiben.“

Richters Collagen. 48 Meter breit sind seine Bilder. Dafür „kramte“ Richter in seinen Beständen. „Die beiden großen Bilder im 2. und 3. Akt sind Collagen aus Werken, die es schon gibt. Nur anhand der schon gemalten, großen Bilder kann ich erkennen, ob die Bühnengröße funktioniert. Der Qualitätssprung, der durch die Quantität entsteht, ist schwer einzuschätzen. Was in 40Zentimetern gut wirkt, kann in 4Metern bescheuert aussehen.“

Jetzt hängen sie also hintereinander, angefangen mit dem „heitersten, buntesten Bild“, einem Vorhang wie eine „Mischung aus Sol LeWitt und Anselm Reyle“, und einem Bild von Lulu, „ein süßliches Pin-up, eine modern tuende Malerei, die ganz dünn und noch relativ heiter ist am Beginn des Spiels.“ Es folgen eine „traditionelle Malerei, eine Art HeinzMack/GruppeZero-Spiegel-Element und dann abstrahierende Objekte. Da kommt die Pyramide dazu, die auch an ein Klavier erinnert, mit Assoziationen zum großbürgerlichen Salon, eine Form abstrakter Eleganz und moderner Kunst.“

Richter sah sich vorher frühere Aufführungen der Oper an. Jonathan Meese dagegen brauchte nur den ungefähren Verweis auf Nietzsche, Berge, Pferde und Bart, um für Wolfgang Rihms Nietzsche-Oper „Dionysos“ loszulegen. „Ich habe viele viele Skizzen gemacht. Die hängen gerade im Rupertinum. Da sieht man auch, wie einfach und geometrisch und simpel das Bühnenbild ist. Scherenschnittartig, ganz kindisch, wie Bauklötze auf der Bühne“, erklärt Meese. „Ich könnte die ganzen kleinen Sachen von mir, die ich jemals gebaut habe – ich habe ja Bühnenbilder in klein schon vor 20 Jahren gemacht –, das könnte ich immer hochziehen, weil es so spielerisch ist. Spielzeug vergrößert sieht geil aus.“

Meeses Mythologie-Pop. Spitze Dreiecke gliedern die Bühne, zwei Schlitzaugen wachen anfangs über der Szene, später hängt eine bühnenbreite Tom-Turbo-Brille von der Decke, ein gelber Blitz fährt herunter, kleine und große Kugeln rollen herum – wer das übliche Meese-Chaos der übereinanderliegenden Schichten von Material, Sprache, Video und Zeichnungen erwartet, wird irritiert sein. „Das Bühnenbild ist absolut hinreißend, überhaupt nicht das, was man auch als Freund befürchtet, womöglich wieder dieses ganze Volksbühnen-Erzschwere, Deutschtümelnde ... Es sieht ganz modern aus, eine seltsame Mischung aus Pop und Mythologie“, schwärmt Daniel Richter.

Richtig aufgeräumt ist die Bühne. „Es ist eine Entrümpelung oder Reduzierung dessen, was ich eh schon gemacht habe. Es ist nicht überbordend, es ist präzise. Aber es war immer präzise, weil es Schichtungen waren.“ Die Oper basiert auf Nietzsches späten Dionysos-Dithyramben, die zu seinen schwierigsten Texten zählen. Aber Meese lässt sich nicht beirren. „Ich habe Nietzsches Zarathustra mit zwölf Jahren gelesen – das war für mich eine Tierfabel, lustig – wir nehmen alles so bitterernst.“ Nietzsche, findet Meese, ist nicht zähmbar. „Ich habe mit Nietzsche immer schon gespielt, und die wollten was Spielerisches, nicht so schwerblütig, keine Vergöttlichung.“

Ähnlich „liebevoll“, wie er es nennt, sieht Meese auch die Oper. „Oper ist eine körperliche Angelegenheit, kein Gedankenspiel, kein kreativer Prozess, sondern ein metabolischer, instinktiver Vorgang, wo wir alle miteinander tanzen – und der Tanz ist das Entscheidende, nicht, dass ich heraussteche. Die Mischung macht's, aber demokratisch ist das nicht – der Chef ist die Kunst.“

 

 

Rupertinum zeigt Entwürfe von Richter und Meese
Daniel Richter zeigt eine Auswahl seiner Bilder im Rupertinum (bis 24.10.; Wiener-Philharmoniker-Gasse 9) und in der Galerie Ropac (bis 28.8.; Mirabellplatz 2). Entwürfe zu Jonathan Meeses Bühnenbild sind (bis 17.10.) im Rupertinum zu sehen.

»Lulu« und »Dionysos« in Salzburg
Alban Bergs Oper „Lulu“ wird in der Felsenreitschule aufgeführt (Dirigent Marc Albrecht, Regie Vera Nemirova), Wolfgang Rihms Oper „Dionysos“ im Haus für Mozart (Dirigent Ingo Metzmacher, Regie Pierre Audi).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2010)