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Elektra: Vom "ungeheuren Ozean begraben"

(c) APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Das war kein Erfolg. Die Salzburger Festspiele erweisen sich mit Nikolaus Lehnhoffs Neuinszenierung der Strauss-Oper, dirigiert von Daniele Gatti, ihrer Gründer von Hofmannsthal und Strauss nicht als würdig.

Das war kein Erfolg. Zwar, heftige Buhrufe bekam nur der Dirigent ab. Ihm allein die Schuld daran zuzuschieben, dass „Elektra“, die erste gemeinsame Oper der Festspielgründer Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, in Salzburg diesmal nicht auf dem nötigen Niveau zu erleben ist, das greift aber doch ein wenig zu kurz.

Der Reihe nach. Daniele Gatti hat seine Vorstellungen von den Partituren, die er dirigiert. Er hat ganz offenkundig auch an „Elektra“ sehr detailverliebt gearbeitet. Auftakt und Schlusskadenz mögen uns als Beispiel dienen: Wann je hat man hören können, dass auf das gewaltig auffahrende Motiv, mit dem das Werk anstelle einer Ouvertüre anhebt, noch ein Pizzicato-Ton der Streicher folgt, dass der dieserart vom Orchester skandierte Name „Agamemnon“ also tatsächlich aus vier Silben, nicht aus dreien besteht?

Bei Gatti kann man es hören.

Wann halten die Holzbläser überdies nach geschlagener Schlacht den letzten Akkord vor der abschließenden es-Moll-C-Dur-Kadenz, wie es in der Partitur steht, ein wenig länger aus als Blech und Streicher?

 

Es „scharrt, heult und glitschert“

Solche Details hat der Salzburger „Elektra“-Dirigent 2010 mit den Wiener Philharmonikern herausgearbeitet. In der einleitenden Mägde-Szene gelang es ihm, die buchstäblich unzähligen kleinen und kleinsten Figuren und Akzente plastisch werden zu lassen, mit denen Strauss jedes Wort Hofmannsthals akustisch illustriert. Das „scharrt“, „heult“ und „glitschert“, wie die Sprache es suggeriert.

Allein: Die Details zu einem auch über die Taktstriche, ja über die formalen Nahtstellen hinweg stimmigen Gesamtwerk zu bündeln, den unausweichlichen Strom der Tragödie fließen zu lassen, das gelingt Gatti so wenig, wie er eine Hand für Stimmungsmalerei en gros zu haben scheint.

Von der unheilschwanger dräuenden Atmosphäre des Klytämnestra-Auftritts ist so wenig zu spüren wie von den sanft schillernden „Salome“-Klängen, in denen sich die Titelheldin nach der Erkennungsszene an sinnliche Selbstbespiegelungen aus fernen Tagen erinnert. Was im Einzelnen klug gearbeitet klingt, wirkt im großen Zusammenhang undifferenziert; auch – und das ist die herbste Kritik, die sich Gatti und die Philharmoniker gefallen lassen müssen – weil es an rhythmischer Prägnanz mangelt. Wo scharfe Artikulation gefordert ist, verschleifen sich die Töne ins Vage: Punktierte erklingen wie Triolen, es herrscht ein Ungefähr anstelle messerscharfer Schnitte.

 

Unzureichende Sängerbesetzung

Aber nicht nur das macht diese Aufführung akustisch zur Enttäuschung. Wieder einmal erweist sich die Besetzungspolitik der Salzburger Festspiele als vollkommen unzureichend. Man muss an diesem Abend bis zum Auftritt des Orest warten, um eine wirklich adäquate Stimme zu hören – deren Besitzer auch perfekt artikulierend jedes Wort verständlich macht: René Pape ist seinen Kolleginnen turmhoch überlegen und macht deutlich, was festspielreifer Gesang ist.

Nicht einmal Waltraud Meier kann da mithalten. Sie absolviert freilich einen Auftritt mit dem gewohnten Aplomb: Eine veritable Atriden-Fricka erscheint da im Tor inmitten des alptraumhaft verzerrten Hinterhofbildes (Raimund Bauer), gehüllt in einen beeindruckenden roten Pelz, ganz bühnenbeherrschende Heroine.

Die vokale Realität bleibt hinter diesem optischen Furioso allerdings zurück. Vielleicht liegt der großen Gestalterin Meier die Klytämnestra einfach zu tief. Jedenfalls bleibt sie allzu dezent und beinah so undeutlich wie Iréne Theorins Elektra. Von dieser versteht man einen Abend lang wirklich nichts – und kann sie auch über weite Strecken kaum vernehmen. Das liegt für mein Gefühl gar nicht so sehr an der immensen Lautstärke, die Daniele Gatti philharmonisch entfesselt, als an mangelnder Klarheit der Diktion und an der Tatsache, dass es Theorins Stimme an Durchschlagskraft mangelt. Seltsam genug, bleibt diese Elektra aber nicht nur den Ausbrüchen die nötige Wucht schuldig, sondern auch den lyrischen Momenten die gesangliche Linie.

Von dieser hat Schwester Chrysothemis, Eva-Maria Westbroek, deutlich mehr zu bieten, doch machen schrille Höhen auch bei ihr die Grenzen der Belastbarkeit deutlich.

Bei so geringem akustischem Dramen-Potenzial – der Aegisth Robert Gambills wirkt nicht wie ein Diktator, vor dem sich irgendjemand fürchten müsste – droht auch die solide Inszenierungsarbeit Nikolaus Lehnhoffs zu versagen. Zwar, man sieht behutsam aus Text und Musik entwickelte szenische Bilder – etwa das Spiel mit Agamemnons Mantel, der die Damen jeweils im entscheidenden Moment wie eine fixe Idee umkleidet, und den Elektra im Sterben dem wiedergefundenen (schon von den Eumeniden umringten) Bruder noch um die Schultern hängen kann. Doch die angedeutete Annäherung von Mutter und Tochter in der Klytämnestra-Szene schießt gedanklich übers Ziel hinaus: Die Königin erniedrigt sich nicht vor der Tochter. Streicheleinheiten vor und nach dem entscheidenden „Lässt du den Bruder nicht nach Haus“ sind fehl am Platz.

 

Dramaturgie für den Sozialbau

Aber das sind zeitgeistige Fehlleistungen, wie sie heutzutage wohl unvermeidlich sind. Sophokles spielt – auch in Hofmannsthals moderner Psychologisierung – im Hinterhof eines Palastes, nicht in dem eines Sozialbaus. Wird die Fallhöhe nicht gewahrt, droht der Verlust von Überzeitlichkeit, Allgemeingültigkeit.

So sieht denn diese Salzburger Produktion im ersten Moment (auch wegen der stimmigen Kostüme Andrea Schmidt-Futterers) aus wie eine veritable „Elektra“, sie klingt für kurze Frist auch so; ehe sie sich Schritt für Schritt doch als halbe Sache enttarnt, also als das Gegenteil dessen, was eine Festspielpremiere sein sollte.

Darüber herrschte zuletzt begreiflicher Unmut, recht einmütig, aber nicht ganz gerecht verteilt, wie mir scheint.

„Elektra“ in Salzburg

Aufführungen der Produktion in der Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff: 12. August (20.30Uhr), 16., 20., 23. und 28. August (20Uhr) im Großen Festspielhaus.
Besetzung: Daniele Gatti (Dirigent). Elektra: Iréne Theorin, Klytämnestra: Waltraud Meier, Chrysothemis: Eva-Maria Westbroek, Aegisth: Robert Gambill, Orest: René Pape.
Übertragung: Der ORF sendet auf Ö1 die Aufzeichnung der Premiere vom 8.August am 21.August (19.30Uhr).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2010)