Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wer hat Angst vor der Quotenfrau?

Angst Quotenfrau
Frauen(c) Www.BilderBox.com
  • Drucken

Die Frauenquote soll per Gesetz Frauen an die Unternehmensspitzen hieven. Bis 2013 soll in Österreich ein Viertel der Aufsichtsräte börsenotierter Firmen weiblich sein, in acht bis zehn Jahren 40 Prozent.

Plötzlich geht alles sehr schnell: Am 1. März will Viviane Reding Klartext reden. Die Justiz- und Grundrechtskommissarin zitiert die Spitzenvertreter der 15 wichtigsten europäischen Unternehmen nach Brüssel und verlangt Rechenschaft - darüber, was sie getan haben, um mehr Frauen an die Firmenspitze zu bekommen. Und darüber, was sie künftig tun wollen. „Gedankenaustausch" heißt das. Tatsächlich ist es eine eiskalte Deadline. Laut EU-Kommission sind zwölf Prozent der Aufsichts- und Verwaltungsräte Frauen. Bis 2015 sollen es 30 Prozent sein. Falls die Vorschläge der Firmenchefs Reding nicht effektiv erscheinen, droht sie mit Gleichberechtigung per Gesetz: der Quote.

Das Q-Wort gewinnt derzeit in Europa alte Feinde als neue Freunde. Wie Reding - an sich kein Quotenfan - hat auch die konservative deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen das Thema entdeckt: Weil freiwillige Vereinbarungen nichts gebracht hätten, will sie eine geschlechtsneutral formulierte 30-Prozent-Quote für Vorstände und Aufsichtsräte staatsnaher und börsenotierter Unternehmen (siehe Lexikon) per Gesetz festsetzen. Vorbild ist immer Norwegen, wo - auf Betreiben der Konservativen - in den Verwaltungsräten großer Unternehmen nun 40 Prozent Frauen sitzen. Auch Frankreich hat seit heuer ein Quotengesetz, Spanien seit 2007, allerdings ohne Sanktion - genauso wie die Niederlande, wo Aufsichtsräte und Vorstände reguliert werden. In Belgien liegt ein Vorschlag im Parlament, in Schweden wird regelmäßig debattiert.

Und in Österreich? Gibt es seit vergangener Woche auch wieder eine Diskussion. Man will aber zunächst auf freiwillige Selbstverpflichtung setzen. Der Plan von SPÖ-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek: Bis 2013 soll ein Viertel der Aufsichtsräte börsenotierter Firmen weiblich sein, in acht bis zehn Jahren 40 Prozent. Klappt das nicht, soll ein Gesetz kommen. Heinisch-Hoseks Gegenüber, Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP), will die Quote aber erst als „Ultima Ratio", wenn alle anderen Maßnahmen nicht greifen. Aber, so Mitterlehner: „Wenn nichts passiert, wird nichts übrig bleiben, als eine gesetzliche Quote einzuführen, weil es hier auch bestimmte Bestrebungen seitens der EU gibt." Nicht ganz ernst gemeinter Zusatz: „Vielleicht führen wir später auch verpflichtende Männerquoten ein, wenn sich das Problem dreht."

Pönale für Kinder. Das dürfte freilich dauern. Obwohl der Corporate Governance Kodex börsenotierten Unternehmen eine Berichtspflicht über Frauenförderungsmaßnahmen vorschreibt und seit 2009 verlangt, dass sie „Aspekte der Diversität" des Aufsichtsrats berücksichtigen, sind weniger als acht Prozent der Aufsichtsräte in den 20 Unternehmen des Leitindex ATX Frauen. In den 200 größten heimischen Unternehmen sind es 9,7 Prozent, 141 von 1454 Mandaten. Noch dünner ist die Luft in der Geschäftsführung: Von 627 Geschäftsführern waren im Vorjahr 33 weiblich - etwa fünf Prozent.

Warum das so ist? Darüber lässt sich endlos streiten - weil jede Seite recht hat und nur die Schwerpunkte unterschiedlich setzt. Während Wirtschaft und Industriellenvereinigung am liebsten auf außerbetriebliche Mängel (zu wenig Kinderbetreuung, zu wenige Frauen in technischen Berufen) hinweisen, betonen Wissenschaftlerinnen wie Gudrun Biffl von der Donau-Uni Krems oder die Soziologin Ulrike Papouschek vom Forba-Institut, die beide am letzten Frauenbericht mitgearbeitet haben, die Verantwortung der Unternehmen. So werde Elternschaft noch immer mit Karriereeinbußen für die Frauen „pönalisiert". Mit Spätfolgen: „Die doppelte Perfidie ist, dass Frauen nicht nur später höher aufrücken, sondern auch noch früher in Pension gehen, weshalb man sie für manche Jobs gar nicht in Betracht zieht", sagt Biffl.

Und weiter: Während sich Frauen beim direkten Leistungswettbewerb auf dem Markt behaupten könnten, schauten sie beim internen Recruiting öfter durch die Finger: „Deshalb findet man Frauen an den Spitzen von Klein- und Mittelbetrieben öfter als in großen Unternehmen." Aber es liegt nicht nur an den Strukturen. Bascha Mika, Autorin des Buches „Die Feigheit der Frauen", bringt derzeit eine weitere These ins Spiel: Frauen seien auch selbst für ihr Dilemma verantwortlich - weil oft zu bequem, zu feig.

Angesichts der Bandbreite an Argumenten ist es schön, dass es in einem Punkt Einigkeit gibt: Der Status quo soll sich ändern, mehr Frauen sollen an die Spitze. Und das, sagen Quotenbefürworter, funktioniere nicht freiwillig. Als Beispiel verweisen sie auf Deutschland, wo sich trotz Vereinbarungen in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert habe. Oder auf Norwegen, wo erst die Drohung mit Zwangsauflösung des Unternehmens den Frauenanteil massiv erhöhte. Wobei man Skandinavien auch als Gegenbeispiel anführen könnte: In Dänemark beträgt der Frauenanteil - ohne Zwang - in den obersten Gremien der größten Unternehmen 18, in Schweden und Finnland 26 Prozent. Rückschlüsse auf Österreich lasse das nicht zu, so Papouschek: „Freiwilligkeit kann funktionieren, wenn die Kultur es zulässt. In Skandinavien wurde Gleichstellungspolitik früher und offensiver praktiziert. Mich würde es wundern, wenn es mit der Selbstverpflichtung in Österreich klappen würde."s


Gegen »Gleichmacherei«. Auch Biffl, ein Quotenfan, glaubt nicht an Freiwilligkeit: „Aber wenn man einen langen Atem hat, kann man damit dokumentieren, dass man dadurch nicht weiterkommt." Auch Heinisch-Hosek macht kein Hehl daraus, dass sie eine verpflichtende Quote für wirkungsvoller hält. Aus Fairnessgründen wolle man der Wirtschaft aber die zwei, drei Jahre Zeit geben, selbst aktiv zu werden. Mitterlehner spricht lieber von drei bis fünf Jahren. Und er setzt auf Freiwilligkeit: „Deutschland muss nicht in allen Bereichen unser großes Vorbild sein, wir haben einen funktionierenden Corporate Governance Kodex und eine andere sozialpartnerschaftliche Tradition, daher mehr Verbindlichkeiten in diesen Bereichen."

Mitterlehner ist wie die Industrie gegen die Pflichtquote, sie sei eine „Beeinträchtigung eines qualitativen Entscheidungsprozesses". Man wolle keine Gleichmacherei, sagt Anna Bohrn von der Industriellenvereinigung und verweist auf ein seit 2010 laufendes Weiterbildungsprogramm, das Frauen in Spitzenpositionen bringen soll. Abseits offizieller Statements lässt sich die Kritik vieler Firmen auch so zusammenfassen: Wie komme man dazu, sich vom Staat bei der Zusammenstellung des Aufsichtsrates (von Vorständen will Heinisch-Hosek im ersten Schritt noch nicht sprechen) dreinreden zu lassen? Man könnte aber auch fragen: Warum nicht? Im Aufsichtsrat müssen immerhin auch Betriebsräte sitzen, und rechtlich sei der Eingriff in die Eigentümerrechte durch eine Frauenquote gedeckt, sagt Michaela Windischgrätz vom Institut für Arbeits-und Sozialrecht der Uni Wien.

Eher moralischer Natur ist ein anderer Vorwurf: Er manifestiert sich im abfälligen Gebrauch des Wortes „Quotenfrau", der insinuiert, dass die Frauen den Job nicht verdienen, weshalb viele den Stempel Quotenfrau fürchten - „dabei", sagt Biffl, „ist das ein Unsinn. Die Frauen müssen natürlich qualifiziert sein." Qualifiziert schon, aber genau gleich?

Heinisch-Hosek würde das nicht festschreiben wollen. Bei Topjobs seien Qualifikationen schwer vergleichbar. „Können Sie eindeutig sagen, was mehr zählt: 20 Jahre Führungserfahrung oder eine finanzwissenschaftliche Professur?" Die Erfahrung habe gezeigt, dass diese Schwammigkeit bei sogenannten relativen Quoten - die Formel lautet hier: Bevorzugung bei gleicher Qualifikation, bis eine bestimmte Quote erfüllt ist - oft zu Ungunsten der Frauen ausgelegt worden sei. Deshalb, so Heinisch-Hosek, seien fixe Quoten sinnvoller.

Aber was hilft die Quote, wenn es zu wenige qualifizierte Frauen gibt? In Norwegen spricht man schon von „goldenen Röcken" - Frauen, die dank Gesetz Aufsichtsratsmandate horten. Na und, entgegen Quotenbefürworter, das machen manche Männer auch. Wahr aber ist: Eine Quote kann, etwa in technischen Branchen, zu „Engpässen" führen. Zumindest vorübergehend. Denn, sagt Anne Wenders, Pressesprecherin der Deutschen Telekom: „Das ist eine Frage des Müssens." Der Konzern hat sich eine Frauenquote verordnet: Bis 2015 sollen 30 Prozent der oberen und mittleren Führungsposten weiblich sein. „Schwierig ist es vor allem, wenn es um Absolventinnen technischer Studienrichtungen geht", sagt Wenders. Doch es funktioniert. „Manche Headhunter haben vorher gesagt, sie finden nicht genügend Frauen. Und auf einmal geht es." An der Qualität der Bewerber mangle es nicht. „Es gibt wahnsinnig talentierte Frauen, die vorher einfach nicht gesehen wurden."s

Nebenwirkungen. Außer mehr Sichtbarkeit haben Pflichtquoten auch andere „Nebenwirkungen": Studien belegen, dass Firmen mit gemischter Führung ökonomisch erfolgreicher sind. Norwegen zeigt auch, dass die Quote aufs mittlere Management und nicht betroffene Firmen ausstrahlt. Quotenfans hoffen weiters, dass die Quote die Unternehmenskultur familienfreundlicher macht - auch für Väter. „Unternehmen müssten sich der Idee öffnen, dass Führungspositionen auch mit weniger Arbeitszeit ausgeübt werden können. Zum Beispiel, indem man prüft, ob mehr Aufgaben delegierbar sind", sagt die Soziologin Papouschek.

Aber sind Topjob und Familienidyll vereinbar? Die Unternehmen seien gewillt, kreative Lösungen zu finden, sagt Bohrn. Aber: „Es ist halt kein 38,5-Stunden-Job". Ulrike Baumgartner-Gabitzer, einzige Frau im Vorstand eines ATX-Unternehmens, sagt: „Wenn man eine Topkarriere anstrebt, muss man vor Augen haben, dass wirklich viel von einem gefordert wird, auch emotional. Man muss mit sich im Reinen sein und wissen, dass man das wirklich will." Baumgartner-Gabitzer ist, wie viele Karrierefrauen, Quoten-Skeptikerin.

Auch weil eine Quote nicht reiche: „In Norwegen waren auch die Rahmenbedingungen andere. Dort ist es üblich, dass sich Männer mehr um die Kinder kümmern." Edith Hlawati, hauptberufliche Wirtschaftsanwältin und Aufsichtsrat bei Post und Telekom Austria, legt sich nicht auf ein Ja oder Nein zur Quote fest. Aber sie glaubt, dass „die Unternehmen auf jeden Fall reagieren werden, ob die Quote kommt oder nicht. Das ist eine Frage der Positionierung, des Rufs und der Aufgeschlossenheit. Vor allem für Unternehmen, die sich auf dem internationalen Parkett bewegen und für Investoren sichtbar sind, wird das ein Thema werden."

(c) Die Presse / GK Illustration: Pannholzer

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2011)