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Reportage: "Hoffentlich sind wir nicht alle verstrahlt"

Hoffentlich sind nicht schon
(c) AP (Gregory Bull)
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Wer kann, verlässt die Stadt nahe des havarierten Atomkraftwerks Fukushima. Vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Benzin und Heizöl wurden rationiert.

Mit Tränen in den Augen, aber einem Lächeln auf den Lippen steht Matsiu Omaya auf einem schmalen Gehsteig im Westen der Stadt Fukushima. „Bei mir ist es schon egal“, sagt der gebrechliche Mann. „78 Jahre bin ich alt, ich sehe dem Ende gelassen entgegen“, erklärt er. „Aber meine Enkelin ist schwanger. Was, wenn sie verstrahlt ist?“

In der rund 300.000 Einwohner zählenden Hauptstadt der gleichnamigen Präfektur Fukushima herrscht drei Tage nach dem katastrophalen Erdbeben der Ausnahmezustand. Spätestens seitdem Japans Regierung eingestanden hat, dass es im nur 40 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima an der Küste zu einer Kernschmelze gekommen sein könnte, fürchten die Menschen hier im Hinterland die unsichtbare Gefahr der Atomkraft. Dabei dominiert vor allem ein Gefühl: Unsicherheit. Unsicherheit darüber, wie gefährlich die Strahlung tatsächlich und darüber, wie schlimm die Lage im AKW Fukushima wirklich ist.

 

Heizöl gegen die Kälte der Nacht

Der gebrechliche Herr Omaya ist einer von mehr als tausend Menschen, die vor dem Kaufhaus „Cainz Home“ Schlange stehen. Beim Eingang verkauft ein Händler Heizöl, die meisten Menschen haben drei oder vier Kanister mitgebracht. In weiten Teilen Japans werden die Wohnungen nicht mit einer Zentralheizung gewärmt, sondern mittels Heizöl – ein Gut, das seit der Katastrophe von Freitag sehr knapp geworden ist.

„Meine Familie wartet zu Hause auf mich“, erklärt Omaya. In der Nacht kühlt es in Fukushima im März regelmäßig auf Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ab. „Da kann ich meine Kinder und Enkelkinder nicht frieren lassen.“ Auf die Straße gewagt hat sich der Pensionist, obwohl schon den ganzen Tag Einsatzwagen durch die Stadt rasen und vor der nuklearen Gefahr warnen. „Öffnen Sie keine Fenster! Hängen Sie keine Wäsche im Freien auf!“, schallt es aus den Lautsprechern.

 

Tausende nach wie vor vermisst

„Wie gesagt, bei mir ist es ohnehin schon egal“, meint der grauhaarige Omaya, dessen Kinn ein paar dunkle Bartstopeln zieren. Trotz seiner Angst setzt er ein optimistisches Lächeln auf. „Wir müssen positiv in die Zukunft blicken. Und außerdem sind die Leute in Sendai viel schlimmer dran.“

In der Region nördlich von Fukushima werden noch bis zu 10.000 Menschen vermisst. Der dem Erdbeben folgende Tsunami hat ganze Landstriche dem Erdboden gleichgemacht. Nachrichten dringen nur langsam in den Rest des Landes vor. Einige kleinere Küstenstädte sind nach wie vor von der Außenwelt abgeschnitten.

Und dennoch: Die Nachrichten von den vielen Toten und Verletzten werden in Japan von der Angst vor dem nuklearen Super-GAU überschattet. Mit Ausnahme der Wartenden vor dem einzigen Heizöl-Verkaufsstand sowie einer offenen Tankstelle herrscht in Fukushima gespenstische Stille. Die Menschen trauen sich nicht auf die Straße; sie fürchten die verstrahlte Luft. Die vierspurige Fahrspur im Zentrum der Stadt ist leergefegt. Nur ab und zu verirren sich Autos auf die Fahrbahn – wenn ihre Besitzer aus Angst die Stadt verlassen.

 

Auf zur Westküste

Eine von ihnen ist die 38-jährige Haruka. Sie steht mit ihrem kleinen Mazda vor der Tankstelle der Firma Eneos und will zu Verwandten an die Westküste Japans fahren. Ob sie so weit kommen wird, ist noch ungewiss. Im ganzen Land herrscht Benzinknappheit. Viele Tankstellen im Zentrum der Hauptinsel sind bereits geschlossen. Die wenigen, die noch geöffnet sind, dürfen maximal zehn Liter pro Fahrzeug verkaufen.

„Ich hätte mir gewünscht, dass die Regierung diese Information früher im Radio ankündigt“, sagt Haruka. Sie ist über den langsamen Informationsfluss verärgert. Es wird zwar in allen TV-Stationen und Radiosendern über nichts anderes als über das Erdbeben, den Tsunami und die Kernschmelze gesprochen.

Doch vor allem über das wahre Ausmaß des Atomunfalls herrscht nach wie vor Rätselraten. Mitarbeiter des Krisenmanagements versuchen jedoch, die Menschen zu beruhigen. „Außerhalb des evakuierten Gebiets ist die Lage im Moment sicher“, erklärt der Sprecher der Einsatzleitung, Masato Abe, im Gespräch mit der „Presse“ (siehe Interview S. 4).

Die an der Tankstelle wartende Haruka will dem Beamten das alles nicht so recht glauben. „Zuerst sagten sie, alles ist in bester Ordnung. Dann haben sie Probleme in einem Reaktor zugegeben, dann in zwei, dann in drei.“ Die ausgebildete Juristin befürchtet nun das Schlimmste, deshalb verlässt sie Fukushima. „Irgendwie werde ich es schon schaffen“, hofft die 38-jährige Frau, ehe sie schließlich die Weiterreise antritt. Dabei lächelt Haruka tapfer.

 

Geduldig in der Warteschlange

Ihre Freundlichkeit haben die Japaner auch nach dem bislang schwersten Erdbeben ihrer Geschichte nicht verloren. Ob in den Hotels, in den langen Warteschlangen, in den Evakuierungszentren in Fukushima oder den zerstörten Küstenabschnitten von Sendai: Ein Lächeln kommt den Menschen stets über die Lippen, gefolgt von der üblichen Verbeugung zur Begrüßung und zum Abschied.

Auch der Pensionist Matsiu Omaya lächelt nach wie vor freundlich, als er nach über einer Stunde Wartezeit endlich am Anfang der Warteschlange angekommen ist. Alle drei mitgebrachten Kanister kann Omaya nicht mit Heizöl auffüllen lassen.

Der Händler will, dass für alle etwas übrig bleibt: „Maximal zwei pro Person“, erklärt er. „Besser als gar nichts“, sagt Omaya. Zum Abschied verbeugt er sich und hat nur einen Wunsch: „Hoffentlich sind wir nicht alle schon verstrahlt. Ich will, dass mein Urgroßenkel gesund und glücklich wird.“

 

Keine Wäsche im Freien

Während Omaya mit gesenktem Haupt von dannen zieht, rauscht im Hintergrund ein Streifenwagen vorbei. „Hängen Sie keine Wäsche im Freien auf! Öffnen Sie keine Fenster!“, schallt es immer wieder aus den Lautsprechern, während die Sonne langsam hinter den Bergen rund um Fukushima verschwindet.

Auf einen Blick

Die Stadt Fukushima liegt etwa 40 Kilometer westlich des Atomkraftwerks Fukushima. Die Stadt liegt außerhalb der Evakuierungszone. In ihr werden Heizöl und Benzin derzeit rationiert, da sie zu knappen Gütern geworden sind. An Verkaufspunkten bilden sich lange Schlangen. In Fukushima wächst die Angst vor Verstrahlung. Wer kann, verlässt die Stadt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14. März 2011)