Schnellauswahl

Eine Hungerkatastrophe als drastischer Weckruf

Die internationale Hilfe muss rasch anlaufen, um tausende Menschen in Ostafrika zu retten. Grundsätzliche Probleme wie den Krieg in Somalia löst sie aber nicht.

Frauen, die ausgemergelte Kinder in den Armen halten; überfüllte Flüchtlingslager, in die sich zahllose Menschen mit letzter Kraft geschleppt haben. Bilder wie diese sind in den vergangenen Jahrzehnten gleichsam zum Synonym für Afrika geworden. Afrika ist freilich weit mehr als Hunger und Elend. Afrika ist ein gewaltiger Kontinent – weitaus größer und vielfältiger als Europa: mit unterschiedlichen Völkern und Kulturen, mit Gegenden, die von Kriegen verwüstet werden, aber auch mit aufstrebenden Staaten, die zuletzt ein beachtliches Wirtschaftswachstum hingelegt haben.

Nun gehen wieder Aufnahmen verhungernder Menschen um die Welt. Auch sie sind ein Abbild der Realität – jener Realität, die derzeit am Horn von Afrika und in Teilen Kenias herrscht. Die Gegend wird von einer Dürre heimgesucht. Und als wäre das nicht genug, tobt in Somalia ein schier endloser Krieg – eine tödliche Kombination, die das Überleben Hunderttausender in Gefahr bringt.

Die Ernährungsorganisation der UNO versprach umfangreiche Hilfe. Per Luftbrücke sollen Lebensmittel in die vom Hunger gepeinigten Gebiete gebracht werden. Und die EU-Kommission teilte mit, weitere 28 Millionen Euro bereitzustellen. Doch die Hilfe läuft nur schleppend an. Wegen Zollproblemen verzögerten sich erste Lieferungen – ein haarsträubender Umstand, angesichts des Leids der Betroffenen.

Die internationalen Maßnahmen sind überlebenswichtig für die Menschen, denen der Hungertod droht. Sie sind eine Soforthilfe, die so rasch wie möglich erfolgen muss. Doch sie ändern nichts an den grundsätzlichen Problemen am Horn von Afrika – Probleme, die schon in der Vergangenheit Tausende ins Unglück gestürzt haben, nur angesichts fehlender Bilder von Massenelend nicht die nötige Aufmerksamkeit erzielt haben.

Das wäre zunächst das Problem Somalia: Dort tobt seit Jahrzehnten ein Bürgerkrieg unter zeitweiliger Beteiligung externe Mächte. 1992 versuchte eine UN-Truppe unter Führung der USA, Somalia zu stabilisieren. Doch die amerikanischen Soldaten wurden in die internen Wirren verstrickt, erlitten Verluste – und zogen ab. 2006 kehrten die USA gleichsam zurück – nicht direkt, aber über ihren Verbündeten Äthiopien. In Somalia hatten islamistische Milizen die Macht übernommen und Washington fürchtete, die al-Qaida könnte sich in dem strategisch wichtigen Land einnisten. Auch Äthiopien fühlte sich von den Milizen bedroht und erhielt von den USA grünes Licht zu intervenieren.

Heute sind Äthiopiens Truppen längst abgezogen, und große Teile Somalias werden von der islamistischen al-Shabaab-Miliz kontrolliert. Die Extremisten haben der internationalen Gemeinschaft verboten, die Hungernden in den von ihnen beherrschten Gebieten zu versorgen. Die ugandischen und ruandischen Soldaten der internationalen Friedenstruppe schaffen es gerade, den Sturz der somalischen Übergangsregierung durch al-Shabaab zu verhindern.

Weder die USA noch die europäischen Staaten verspüren große Lust, sich an einer internationalen Truppe in Somalia zu beteiligen. Doch eines ist klar: Solange in dem Land Krieg tobt, werden sich die Flüchtlingslager in der Region weiter füllen und tausende Menschen dem (Hunger-)Tod zum Opfer fallen.

Auch in Somalias Nachbarschaft sieht die politische Lage nicht gerade rosig aus. Eritrea ist eine Diktatur, aus der jedes Jahr unzählige Menschen nach Europa zu fliehen versuchen. Äthiopien ist demokratischer, dennoch nicht gerade ein Leuchtturm der Freiheit. Doch darüber wird in Europa und den USA immer wieder großzügig hinweggesehen, denn Äthiopiens Regierung zählt zu den Verbündeten. Und fast wirkt es zynisch, dass dieselbe EU, die jetzt zur Linderung der Hungerkatastrophe großzügig Finanzhilfe verteilt, sich nach wie vor gegen afrikanische Produkte abschottet und keinen echten freien Markt zulässt, von dem die Afrikaner langfristig profitieren könnten.

Die Katastrophe in Ostafrika sollte nicht zum Synonym für einen ganzen Kontinent werden. Sie ist aber ein Symptom für die Lage in einer bestimmten Region, ein drastischer Hinweis auf Probleme, die international zuletzt zu wenig Beachtung fanden.

E-Mails an: wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2011)