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Ostafrika: Die lang angekündigte Katastrophe

Ostafrika lang angekuendigte Katastrophe
Hungersnot(c) AP (Schalk van Zuydam)
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Klimawandel, Kriege, Landraub und hohe Lebensmittelpreise: Am Horn von Afrika sind viele der Worst-Case-Szenarien eingetreten. Millionen Somali müssen sich auf den Weg ins benachbarte Kenia und Äthiopien machen.

Was derzeit am Horn von Afrika passiert, hat sich nicht über Nacht zusammengebraut. Dass aufgrund der ausbleibenden Ernten die Nahrungsmittel knapp werden würden, zeichnete sich schon seit Längerem ab. Darin sind sich alle großen Organisationen einig, die im Osten Afrikas tätig sind. Und Experten sind sich auch darin einig, dass bei der derzeitigen Hungerkrise alle nur erdenklichen Faktoren zusammenkamen, die aus einer Krise eine große Katastrophe machen.

„Hier spielt wirklich eine Vielzahl an Faktoren zusammen“, sagt Challiss McDonough vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). „Die Dürre dauert bereits lange an, die Lebensmittelpreise sind ins Astronomische gestiegen, und die politische Situation in Somalia verschärft die Lage noch zusätzlich“, erklärt die WFP-Sprecherin von ihrem Büro in Kenias Hauptstadt Nairobi aus.

Regen haben viele der Bewohner der ohnehin kargen Region schon lange nicht mehr gesehen, der Anbau von Grundnahrungsmitteln ist vielerorts unmöglich geworden. Besonders dürftig seien die vergangenen zwei Regenzeiten ausgefallen, sagt Thomas Mölg, Klimaforscher an der Universität Innsbruck, die Messstellen in Ostafrika betreibt. Fiel schon in der Regenzeit von Oktober bis Dezember 2010 wenig Niederschlag (nur 40–80 Prozent der erwarteten Menge), war es in der darauffolgenden Periode von März bis Mai 2011 „dramatisch“: „Es waren nur zehn bis 50 Prozent des Mittels“, so Mölg zur „Presse“. „Das erzeugt enormen Druck auf die Bevölkerung.“

Auch der globale Klimawandel spielt eine Rolle, zu dessen ostafrikanischen Hotspots könnten Äthiopien und Somalia werden: Die feuchten Gebiete am Äquator werden laut Prognosen noch feuchter, das geht auf Kosten der benachbarten Zonen – etwa Somalias und Äthiopiens –, wo es trockener wird und sich die Wüsten ausbreiten. „Zudem ist die Verschiebung von Niederschlagszonen ein Haupteffekt der globalen Erwärmung“, sagt Mölg. „Kürzere Regenzeiten mit weniger Niederschlag könnten häufiger auftreten.“

 

Landraub und Getreideexporte

Obwohl heute weltweit mehr Nahrungsmittel produziert als konsumiert werden, hungern so viele Menschen wie nie. „Das Problem ergibt sich auch aus der Nutzungskonkurrenz“, sagt Lioba Weingärtner, die vor Kurzem ein Handbuch zum Thema Welternährung veröffentlicht hat. Immer mehr Agrarprodukte werden für die Herstellung von Biosprit oder Tierfuttermittel verwendet, hält die deutsche Ernährungswissenschaftlerin fest. Nur noch 47 Prozent des weltweit produzierten Getreides dienten der unmittelbaren Ernährung.

Spenden

Ärzte ohne Grenzen: Konto-Nr. 930.40.950, BLZ 60.000, Kennwort: "Somalia-Krise"

Diakonie: Konto-Nr. 231.33.00, BLZ 60.000, Kennwort "Dürre in Afrika"; Diakonie online spenden

Caritas: Konto-Nr. 7.700.004, BLZ 60.000, Kennwort "Hungerhilfe"; Caritas online spenden

CARE: 1.236.000, BLZ 60.000; CARE online spenden

Unicef: PSK 15 16 500, BLZ 60.000, Stichwort: "Kinder Horn von Afrika"; Unicef online spenden

Kindernothilfe: Konto-Nr. 92.144.077, BLZ 60.000, Kennwort "Dürre Afrika"; KNH online spenden

Menschen für Menschen:Konto-Nr. 7.199.000, BLZ 60 000, Kennwort Äthiopien Nothilfe

World Vision 90.890.000, BLZ 60.000, Kennwort: ''Hunger Afrika''; online spenden: www.worldvision.at

SOS-Kinderdorf 1.566.000, BLZ 60.000, Kennwort "Ostafrika"; online spenden: www.sos-kinderdorf.at

Immer öfter sichern sich große Konzerne in Afrika Land, um dort Pflanzen zur Biosprit-Erzeugung anzubauen oder um Getreide für den Export zu produzieren. In Äthiopien wurden in den vergangenen Jahren etwa 16 solcher Verträge abgeschlossen. Die Käufer erwarben tausende Hektar an fruchtbarem Land. Nicht immer laufen diese Geschäfte ordnungsgemäß ab: Oft werden die früheren Landbesitzer über den Tisch gezogen und sehen nie das versprochene Geld. Landwirtschaftliche Flächen sind für die Bevölkerung dann meist verloren. Kommt dann noch eine Dürre hinzu, kann es rasch zu großen Engpässen bei Lebensmitteln kommen.

Den nationalen Regierungen wirft Weingärtner die „Vernachlässigung der ländlichen Entwicklung“ vor. Verbesserungsbedarf sieht sie bei der Schulung von Kleinbauern: In Afrika würden zwischen 15 und gar 50% der Ernte verderben, weil die Menschen das Getreide nicht richtig lagern oder zum richtigen Zeitpunkt ernten würden. Da könne man leicht Abhilfe schaffen, so Weingärtner.

 

Astronomisch hohe Preise

In den nun von der Hungerkatastrophe betroffenen Ländern sind die Preise für Lebensmittel im Vorjahr so drastisch angestiegen, dass sich viele Menschen den Einkauf nicht mehr leisten konnten. In Kenia etwa ist der Preis für Mais um 160% geklettert. In Somalia ist der Preis für Sorghum, eine Getreideart, unerschwinglich geworden (Anstieg gar um 240 Prozent).

Was die Bekämpfung der Hungerkrise noch viel schwieriger macht, ist die politische Situation in Somalia: Die Übergangsregierung hat keine Macht im Land, es gibt keine politischen Strukturen, die entgegenwirken könnten. Und die islamistische al-Shabbab-Miliz, die weite Teile Somalias terrorisiert, kanzelt die Hungerkrise als „fremde Propaganda“ ab.

Und so müssen sich Millionen Somali auf den Weg ins benachbarte Kenia und Äthiopien machen. Der Hunger treibt sie dorthin.

(c) Die Presse / JO

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2011)