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Wiens Problem mit Karl Lueger

(c) Dapd (Ronald Zak)
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Straßen umbenennen? Denkmal stürzen? Wien diskutiert, wie es mit der Erinnerung an Karl Lueger, einen der prägendsten Politiker, aber auch wüsten Antisemiten, umgehen soll.

Er war unbestritten einer der prägendsten Bürgermeister, die die Stadt Wien je hatte. In seine Regierungszeit zwischen 1897 und 1910 fielen Großprojekte wie der Bau der zweiten Wiener Hochquellwasserleitung, die Errichtung der Stadtbahn, des Altersheims in Lainz wie auch die Kommunalisierung von Gas- und Stromversorgung und der Straßenbahn. Kurz, Lueger legte die Grundlagen für Wien als moderne Metropole. Das gestehen ihm heute nicht nur ÖVP-Parteigänger zu, für die der Christlichsoziale nach wie vor eine wichtige Figur ist. Selbst unter ideologisch Andersdenkenden sind die kommunalpolitischen Leistungen Luegers weitgehend unbestritten. Nicht umsonst gibt es in Wien auch zahlreiche Orte, an denen Luegers gedacht wird.

Noch. Denn wie am Donnerstag bekannt gegeben wurde, wird der Dr.-Karl-Lueger-Ring schon ab Herbst 2012 einen anderen Namen tragen, wird der Abschnitt zwischen Burgtheater und Schottengasse in „Universitätsring“ umbenannt. Und auch das Lueger-Denkmal auf dem Lueger-Platz in der City steht seit Jahren in der Kritik, eine geplante Umgestaltung der Statue scheiterte bisher nur am Einspruch des Bundesdenkmalamts.

Das Rütteln an seinem Denkmal hat Lueger seiner politischen Agitation zu verdanken, für sein Streben nach Macht ganze Bevölkerungsgruppen auszugrenzen. Noch mehr, Lueger gilt als der erste systematische Populist, der den Antisemitismus als politisches Programm erfand. „Groß-Wien darf nicht Groß-Jerusalem werden“ ist einer der Slogans, mit denen er die Wiener gegen die Juden zusammenzuschweißen versuchte. Gegen das „Gottesmördervolk“, das in seinen Augen ganze Gesellschaftsschichten durchsetzte – die intellektuellen „Tintenjuden“, die „Pressejuden“ oder die „Betteljuden“ aus dem Osten. Und natürlich auch die „Geld- und Börsejuden“. Mit Begriffen wie diesen konnte er vor allem die Verlierer der industriellen Revolution begeistern, von den Handwerkern bis zu Gewerbetreibenden und Kleinbürgern.

„Der Einfluss auf die Massen ist bei uns in den Händen der Juden, der größte Teil der Presse ist in ihren Händen, der weitaus größte Teil des Kapitals und speziell des Großkapitals ist in Judenhänden, und die Juden üben hier einen Terrorismus aus, wie er ärger nicht gedacht werden kann.“ Es sind Sätze wie diese, die ihm zu Popularität verhalfen. Die aber auch nachhaltig dafür gesorgt haben, dass die Person Karl Lueger später vor allem mit Antisemitismus assoziiert werden sollte.

Ob der Antisemitismus bei Lueger aus Überzeugung verankert war, ist aber umstritten. So berichteten Zeitgenossen, dass Lueger den Antisemitismus nur aus dem Volk aufgesogen und gezielt politisch verwertet hat. Dass Luegers Antisemitismus lediglich ein „volkstümlicher“ war, wie ihn sein Biograf John W. Boyer bezeichnete. Eine These, die dadurch gestützt wird, dass er sich später sogar vom Antisemitismus distanzierte – als einem „Pöbelsport“, dem er sich nur gewidmet habe, „um in der Politik hinaufzukommen“.


Vorbild für Hitler. Doch ob es Überzeugung war oder nur das politische Kalkül, bestehende Vorurteile zu bedienen – die Folgen von Luegers Agitation waren enorm. Er bereitete im Volk eine feindselige Stimmung gegen Juden auf, auf der die Nationalsozialisten später aufbauen sollten. Und er beeinflusste mit seinen Reden sogar Adolf Hitler selbst. In „Mein Kampf“ schrieb er: „Heute sehe ich in dem Manne mehr noch als früher den gewaltigsten deutschen Bürgermeister aller Zeiten.“

Nicht nur Hitler war von Lueger begeistert. Auch die Stadt Wien würdigte ihn mit zahlreichen Gedenkorten. Vom Lueger-Ring, dem Lueger-Platz mit dem Lueger-Denkmal über die Lueger-Kirche auf dem Zentralfriedhof und die Lueger-Brücke, die als erste Spannbetonbrücke Wiens Auhof und Weidlingau über den Wien-Fluß verbindet, bis zu Denkmälern im Krankenhaus Lainz und auf dem Cobenzl, Gedenktafeln an seinem Geburtshaus am Karlsplatz 13 und an den Häusern Hamburgerstraße 9 und Penzinger Straße 72, und einer Büste in einem nach ihm benannten Hof. Nicht zu vergessen die Lueger-Eiche im Rathauspark und einen Brunnen auf dem Siebenbrunnenfeldplatz im 15.Bezirk, in den sein Porträt eingearbeitet ist. Und schließlich noch die zahllosen Erinnerungen an mehreren Gebäuden, dass sie unter Bürgermeister Karl Lueger errichtet wurden.


Teil des Stadtbildes. In Zeitungen, in der Politik, in der Öffentlichkeit wurde Lueger noch Jahrzehnte nach seinem Tod als „populärster Bürgermeister“ und „heimlicher Kaiser“ bezeichnet, wurde seine Rolle als Modernisierer der Kommunalpolitik weitgehend kritiklos gewürdigt. Es dauerte lange, bis die Begeisterung für den Volksbürgermeister zu kippen begann, bis seine Schattenseiten immer mehr Raum gegenüber seinen Leistungen gewannen. Mitte der 1980er-Jahre, als die Debatte um die Kriegsvergangenheit von Kurt Waldheim eine Welle der Aufarbeitung auslöste, begannen sich kritische Stimmen über Karl Lueger zu häufen.

Zaghaft zunächst, ehe es um die Jahrtausendwende und die Regierungsbeteiligung der Haider-FPÖ intensiver wurde. Schließlich tauchte immer häufiger die Forderung auf, den Lueger-Ring umzubenennen, die 2010 durch zwei kritische Lueger-Biografien neues Futter bekam. Bis es schließlich so weit war, bis in der Stadtregierung die Erkenntnis reifte, dass ein unkritisches Gedenken an historische Figuren mit einer modernen Großstadt nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Auch dann nicht, wenn es sich um einen der prägendsten Bürgermeister handeln sollte, den die Stadt Wien je hatte.

Bürgermeister

Karl Lueger wurde am 24.Oktober 1844 in Wien geboren. 1893 gründete er die Christlichsoziale Partei und setzte bei der Suche nach Wählern stark auf antisemitische Rhetorik. Von 1897 bis zu seinem Tod 1910 war er Wiener Bürgermeister und initiierte zahlreiche kommunale Großprojekte.

Der systematische Populist Lueger erfand Antisemitismus als politisches Programm.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2012)