Die guten Menschen von Lavamünd

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Ende 2012 überschwemmte die Drau Lavamünd. Was folgte, war eine nie gekannte Hilfsbereitschaft,die weit über die Gemeinde hinausging.

Manchmal bedarf es einer Katastrophe, um das Beste aus den Menschen herauszuholen. Oder, wie Herbert Hantinger sagt: „Not schweißt, Wohlstand zerreißt.“ Er weiß es, er hat es als Bürgermeister von Lavamünd erlebt. „So viel Solidarität, so viel Hilfe, so viel...“, Hantinger pausiert kurz, vielleicht, weil er das richtige Wort sucht, vielleicht aber auch, weil das Wort in unserer Zeit so altmodisch klingt, „ . . . so viel Nächstenliebe habe ich noch nie erlebt.“

Die Herausforderung an das Gute im Menschen begann Anfang November vergangenen Jahres mit heftigen Regenfällen in Kärnten. Nach mehreren Tagen, am 5. November, passierte in Lavamünd die Katastrophe: Die Drau, die in den vergangenen Tagen auf einen reißenden Fluss von 2,5 Millionen Liter Wasser pro Sekunde angeschwollen war – das Neunfache der üblichen Menge – und einen Pegelstand von 6,8 Metern erreicht hatte, trat über die Ufer.

„Jetzt ist alles hin“, zitierte die „Kleine Zeitung“ damals einen Bewohner. Bis zu zwei Meter stand das Wasser im Ort hoch. Ein Krisenstab ordnete die Evakuierung des Ortsteils Drauspitz an, Feuerwehrleute ruderten mit Booten von einem Haus zum anderen und holten Menschen aus dem ersten Stock. Wer nicht bei Freunden oder Verwandten unterkam, schlief in der Volksschule: Dutzende Feldbetten hatte man in den Klassenzimmern aufgestellt.

Als sich das Wasser wieder zurückgezogen hatte, sah man das ganze Ausmaß des Schadens: 50 Häuser waren schwer beschädigt, zwei Häuser und zwölf Wohnungen bleiben bis jetzt unbewohnbar. 250 Menschen waren betroffen, für sie begann mit der Aufarbeitung des Unglücks die wahre Tragödie: überall im Haus Schotter, Dreck, zerstörte Böden, aufgeweichte Sofas, Tische, Sessel, durchweichte Wände und vor allem der Schlamm. Der war überall. Zentimeterhoch auf dem Boden, dick an den Wänden, in den kleinsten Ritzen.

Und dann begann das kleine Wunder von Lavamünd. „Es sind einfach Menschen gekommen“, erzählt ein Mitarbeiter des Gemeindeamts. In der Früh standen sie auf einmal vor der Tür, sagten „Ich bin Elektriker“, „Ich bin Maurer“ oder auch nur einfach „Wo kann ich helfen“. „Das war unglaublich, mit so etwas hab ich nie gerechnet“, erzählt Hantinger.

Angestellte nahmen sich Urlaub, Pensionisten kamen vorbei, Firmen gaben Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr frei, Unternehmen spendeten Farben und Beton, Spezialfirmen stellten Trockengeräte kostenlos zur Verfügung. Nicht nur aus Lavamünd oder aus dem Nachbarort oder aus Klagenfurt kamen die freiwilligen Helfer. Manche kamen aus der Steiermark, einige reisten aus Niederösterreich an, sogar aus Salzburg kamen ein paar. „So viel Solidarität, so viel Hilfsbereitschaft, da wirst schon rührig“, sagt der Bürgermeister. Jeden Tag waren um die 150 Menschen in Lavamünd im Einsatz, freiwillig und kostenlos, mehr als einen Monat lang. „Wir haben im Rüsthaus eine Küche eingerichtet, damit man die Leute versorgen kann“, erzählt Feuerwehrkommandant Martin Brudermann.

Frauen des Ortes haben gekocht, Freiwillige haben Kartoffeln geschält, Salat gewaschen, Fleisch geschnitten, das Rote Kreuz sorgte für die Logistik – jeden Tag gab es für die Helfer ein Frühstück, ein Mittagessen und ein Abendessen. Auch für das musste weder die Gemeinde bezahlen noch das Land noch eine Versicherung: Die Lebensmittel wurden von Gasthäusern, von Supermärkten und von Firmen gespendet.


Der rüstige Pensionist. Waren die Aufräumarbeiten im eigenen Haus abgeschlossen, halfen die Betroffenen im nächsten Haus mit. Bei Franz Kert etwa, er ist Chef der KFZ-Firma Sander. Ihr gehörten die Autos, die man in Fernsehberichten im November in der Drau schwimmen sah. „Der Keller war völlig unter Wasser, in einer Etage stand das Wasser 2,20 Meter hoch, in der anderen 1,40 Meter.“ Was nicht zerstört war, wie etwa die 20.000 Euro teure Lackmischmaschine, war mit einer Schlammschicht überzogen – teilweise zentimeterdick. „Überall, alles. Das Geschäft, das Lager mit den ganzen Ersatzteilen, die Reifen von Kunden, die wir im Keller gelagert haben.“ Auf 500.000 Euro schätzt Kert den Schaden.

Er wäre wahrscheinlich noch höher, wären nicht vom ersten Tag an Menschen in das Haus an der Spitze zwischen der Drau und der Lavant gekommen. „Das war echt a Wahnsinn.“ 20, 30 Leute seien jeden Tag in der Werkstatt gestanden, hätten Dreck gekehrt und vor allem Ersatzteile und Werkzeug geputzt, fein säuberlich. Etliche Schüler der HTL aus Wolfsberg waren darunter, für die der Einsatz als eine Schulaktion begann und den sie in ihrer Freizeit fortsetzten. Ein Pensionist reiste jeden Tag, mehr als einen Monat lang, in der Früh an und fuhr am Abend wieder eine halbe Stunde nach Hause. „Wir telefonieren immer wieder miteinander“, erzählt Kert, „er bietet uns auch heute noch seine Hilfe an.“


Mehr als 3000 Spender. Schüler der Fachberufsschule Klagenfurt rückten an, mit Kübeln, Pinseln, Rollen, insgesamt mit zwei Tonnen Material, das Firmen kostenlos zur Verfügung gestellt hatten. 120 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren und elf Lehrer sanierten Wände in den beschädigten Häusern in der Kärntner Gemeinde, malten sie wieder an. Erst vergangene Woche gestaltete eine Schulklasse die Fassade des Gasthauses „Adlerwirt“ neu. Noch einmal kommt ein ganzer Trupp in die Ortschaft, 2000 bis 3000 Arbeitsstunden werde man dann aufgewendet haben, schätzt Lehrer und Malermeister Gottfried Klade. Viel davon in der Freizeit.

Und nebenher liefen beständig Spendenaktionen. Eine Stammtischrunde sammelte gleich nach dem Unglück und brachte ein paar hundert Euro vorbei. Die Hauptschule in Lavamünd bastelte „Muttropfen“ aus Papier, die man für 50 Cent bis zehn Euro kaufen konnte. 75.000 Euro kamen so zusammen. Die Trachtenfrauen aus Ruden spendeten den Reinerlös ihres Weihnachtsmarkts für Lavamünd, etwa 1000 Euro; Volksschüler aus St. Margarethen sammelten 3760 Euro, viele der Kinder gaben von ihrem Taschengeld fünf, zehn Euro; in Krottendorf ging eine Bewohnerin von Haus zu Haus und sammelte für Lavamünd; eine Jausenstation in Frantschach spendete das Budget für Weihnachtsgeschenke für die Stammgäste – 750 Euro. Mehr als 3000 Spender verzeichnet die Gemeinde bisher (eine Gesamtspendensumme will man nicht nennen).

Über ihre Wohltätigkeit und ihre Hilfsbereitschaft wollen wenige sprechen. Der Pensionist nicht, der jeden Tag zum KFZ-Betrieb Sander reiste, und auch nicht die Stammtischrunde. „Des is doch klar, dass man bei so was hilft“, sagt einer der Männer am Telefon. Dafür wolle man nicht mit Namen in der Zeitung stehen, weil andere, die man nicht kenne, vielleicht mehr getan haben.


Wohltätigkeit als Herausforderung. Die Wohltätigkeit stellt jene, die sie zu verwalten haben, aber auch vor Herausforderungen. Wie verteilt man Sachspenden, wie freiwillige Arbeit, wer bekommt wie viel Geld? Die Gemeinde hat ein sechsköpfiges Spendenkomitee eingesetzt, das sich um diese Fragen kümmert – geheim. Niemand im Dorf kennt die Identität der Mitglieder, damit man keinen Druck ausüben kann und damit die sechs, die die vom Hochwasser Betroffenen und die Verhältnisse in der Gemeinde laut Bürgermeister gut kennen, unbeeinflusst arbeiten können. So viel ist aber klar: Die geschätzten fünf Millionen Euro Sachschaden an den Privathäusern werde man dank der Gelder aus Katastrophenfonds, dank der Spenden und der freiwilligen Helfer „zu etwa 80 Prozent abdecken können“, sagt Herbert Hantinger.

Und noch etwas sagt er: „Wenn man sich das anschaut, was nach der Katastrophe passiert ist – da hat sich menschlich etwas entwickelt, das man nicht für möglich gehalten hat.“ Gerade in unserer Zeit.

Hochwasser

Am 5. November 2012
trat die Drau über die Ufer und überschwemmte Lavamünd. An manchen Stellen stand das Wasser mehr als zwei Meter hoch. Wer für das Hochwasser verantwortlich ist, dürfte ein Fall für die Gerichte werden. Der Verbund, der mehrere Kraftwerke betreibt, habe verspätet und falsch reagiert, lautet die Kritik. Das Unternehmen weist die Schuld von sich und betont, alle Vorschriften befolgt zu haben. Vielmehr habe das Land eine falsche Prognose über das Ausmaß des Hochwassers erstellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2013)