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Rachat Alijew: Rätselhafter Tod eines Diplomaten

Der Fall Rachat Alijew beschäftigte Österreich in den vergangenen Jahren. Nun wurde er tot in seiner U-Haft-Zelle aufgefunden.(c) REUTERS (SHAMIL ZHUMATOV)
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Nach dem Tod des früheren Botschafters Kasachstans wollen manche nicht so recht an Suizid in einer Wiener U-Haft-Zelle glauben. Schon gar nicht die Anwälte des Verstorbenen.

Im internen, in drei Farben unterteilten Einstufungssystem der Justizanstalt Wien Josefstadt galt Rachat Alijew als „Grün“. Das heißt: „Keine erkennbare Selbstmordgefahr, Unbedenklichkeit bei Unterbringung in einem Einzelhaftraum.“ Dies bestätigte der Leiter der Vollzugsdirektion, Peter Prechtl, der „Presse“. Wer „Orange“ hat, darf nur gemeinsam mit anderen Häftlingen angehalten werden, bei „Rot“ ist akute Betreuung notwendig. Aber Alijew hatte eben „Grün“. Einen Suizid könne dies freilich nicht verhindern, so Prechtl. Als „trivialer Selbstmord“, so sagen die Anwälte, sei dieses Sterben aber keineswegs einzustufen. Die Umstände, die zum Tod des früheren Botschafters Kasachstans in Wien geführt haben, sollen nun von der Staatsanwaltschaft geklärt werden. Dienstagfrüh war der 52-Jährige innerhalb der Krankenabteilung des Gefangenenhauses erhängt in der Nasszelle seines Haftraums aufgefunden worden.

Der Fall des früheren Schwiegersohnes des kasachischen Langzeitdespoten Nursultan Nasarbajew hatte jahrelang international für Schlagzeilen gesorgt. Anfang Juni 2014 war der frühere Spitzendiplomat, der zuvor auf Malta und Zypern im Exil gelebt hatte, unfreiwillig nach Wien zurückgekehrt. Er wolle ohnedies mit den Behörden kooperieren, hatte sein Anwalt Manfred Ainedter erklärt. Allerdings lag damals bereits ein Europäischer Haftbefehl wegen Fluchtgefahr vor. Der Hauptverdacht lautete auf Doppelmord. Alijew soll am 9. Februar 2007 gemeinsam mit zwei Mittätern die beiden Manager der kasachischen Nurbank (Alijew war Teilhaber der Bank), Zholdas Timralijew und Aybar Khasenov, erdrosselt haben. Die Anklage nahm schlicht und einfach ein finanzielles Motiv an. Die These, Alijew könnte einer politischen Intrige zum Opfer gefallen und verleumdet worden sein, erschien der Staatsanwaltschaft nie so richtig plausibel.

Jedenfalls saß Alijew seit seiner Verhaftung in Wien in einer U-Haftzelle und wartete auf den bevorstehenden Geschworenenprozess wegen Doppelmordes. Seine Verteidigungslinie war klar auf nicht schuldig ausgelegt. Und das war es auch, was Alijew in den vergangenen Wochen antrieb: Er bereitete sich auf die Verhandlung vor, hatte dabei sogar einen PC im Haftraum sowie seinen eigenen Gerichtsakt in elektronischer Form.

 

Alijew bis zuletzt kampfeslustig

„Er war sehr zuversichtlich, dass er die ganze Sache noch drehen würde“, erklärte Alijews Ko-Anwalt Klaus Ainedter. Mehr noch: „Er war kampfeslustig.“ Insofern habe der Inhaftierte in dieser Phase, in der er laut den Verteidigern mitten in der Prozessvorbereitung steckte, in der er auch dabei war, Schwächen der Anklage herauszuarbeiten, keinen Grund gehabt, sich selbst zu töten. Derzeit könne aber über die Hintergründe des Todes „nur spekuliert“ werden, so Klaus Ainedter zur „Presse“. Die Variante, dass sein Mandant zwar selbst Hand an sich gelegt habe (als Tötungswerkzeug wurden Mullbinden verwendet), aber von außen dazu getrieben worden sei, könne man nicht ausschließen.

Prechtl bleibt dabei: „Für uns war es eindeutig Selbstmord, es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass er ermordet worden ist.“ Der Vollzugsdirektor schließt aus, dass sich ein Mörder Zutritt zum – verschlossenen – Einzelhaftraum hätte verschaffen können.

Genau in diese Richtung geht jedoch ein weiterer Alijew-Verteidiger, der Advokat Stefan Prochaska: „Die Vermutung ist, dass ihn jemand umgebracht hat.“ Möglicherweise sollte verhindert werden, dass die Alijew-Anklage aufgrund der Initiative des Verdächtigen zusammenbreche. Moderat gab sich am Dienstag der Rechtsvertreter der mutmaßlichen Alijew-Opfer, also der Witwen der ermordeten Bankmanager, Gabriel Lansky: „Die Todesursache und der Hergang müssen genau aufgeklärt werden, damit kein Raum für Verschwörungstheorien bleibt.“

 

Prozess gegen ehemalige Mithäftlinge

Indes mutet es bizarr an, dass Alijew am Dienstag als Zeuge in einem Erpressungsprozess gegen zwei ehemalige Mithäftlinge hätte vorgeführt werden sollen. Die Vorwürfe gegen die beiden Männer: Sie sollen von Alijew 3000 Euro verlangt haben, tausend Euro seien tatsächlich geflossen. Für den Fall, dass Alijew nicht weiterzahle, sollen die Männer laut Anklage gedroht haben: Jemand könne Alijew im Duschraum umbringen und dies wie einen Selbstmord aussehen lassen. Jedoch: Diese beiden Beschuldigten befanden sich zuletzt gar nicht mehr in der Justizanstalt Wien Josefstadt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.02.2015)