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Grätzeltour: Den Kreis des Gürtels schließen

Die Wiener Gürtelstraße und ihre verborgenen Qualitäten erschließen sich heute nur auf den zweiten Blick. Dann aber öffnet sich ein Fenster zum Potenzial für morgen.

Fällt der Begriff „Gürtel“, läuft bei den Wienern unweigerlich ein „Autofilm“ vor ihrem geistigen Auge ab, „kein Architekturfilm“, meint Architekt Stephan Ferenczy – im Gegensatz zur Ringstraße, dem Synonym repräsentativen Wohnens in der Gründerzeit. „Das ist bedauerlich.“ Der Gürtel und der Ring – ist das nicht so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen? Keineswegs – startete der Bau eines Gürtelabschnitts ja fast zeitgleich mit dem Prachtboulevard am früheren Glacis und erfolgte aus durchaus ähnlichen Motiven: Bauboom, Nachverdichtung, Raumordnung. Am Rand zur Vorstadt wurde der Linienwall aufgegeben und mit der Stadtbahn ein hochfrequenter Verkehrsraum ausgebaut. Zinshäuser wuchsen bis an die Kante, hier sollte der Bürger Wohnraum in der rasant wachsenden Stadt rund um 1900 finden, die Straße den kleineren Leuten als Korso dienen. „Der Gürtel hatte eine andere Qualität. Er war ein großer, breit angelegter Boulevard, an dem Menschen spazieren gingen. Es war durchaus attraktiv, an dieser Frequenzstraße zu wohnen. Hier gab es Gastronomie und Leben, großen Baumbestand und großzügigen Freiraum“, so Ferenczy.

Der Imageverlust ist zum einen der späteren verkehrstechnischen Entwicklung geschuldet, zum anderen dem Rotlichtmilieu in manchen Abschnitten sowie den sozialen Brennpunkten an einigen wenigen Punkten. Was zu einer Haltung führte, als wäre hier ohnedies nichts mehr zu retten. Und nichts mehr gutzumachen. Kein qualitätvoller Wohnraum mehr zu schaffen. Dabei ist gerade die gründerzeitliche Substanz am Gürtel noch beachtlich, oft aber in schlechtem Zustand. Ferenczys Weg ins Büro – BEHF in der nahen Kaiserstraße – führt ihn oft zum Gürtel. Seit geraumer Zeit sammelt er Belege für dessen Schönheit im Verborgenen: große Stiegenhäuser mit Stuck und originalen Ornamentfliesen, kunstvolle Schmiedeeisengitter, repräsentative Treppenspindeln, charakteristische Küchenfenster-Gang-Situationen, elegantes Fassadendekor, extra hohe Räume. Lauschige Hinterhöfe, zu denen der Lärm keinen Zutritt hat. „Der Gürtel hat viele Wohn-, Architektur- und Aufenthaltsqualitäten, aber sie werden unterschätzt, wenn nicht zerstört.“ So müsste erst einmal eine gründliche Substanzaufnahme stattfinden. Um dann ein Konzept zu entwickeln, wie in der Stadt mit den vorhandenen Qualitäten in Zukunft umgegangen wird. Schließlich gilt es, historische Substanz zu erhalten, anstatt sie Abriss und Ersatz durch simple Gewerbebauten oder Storage-Flächen preiszugeben. Dass sich die Einstellung zum Gürtel wieder verbessern kann, ist ebenso verkehrsabhängig wie die frühere Entwertung: Autos werden leiser, Emissionen geringer, die Frequenz könnte sinken. Damit könnte der Gürtel wieder interessant werden, ohne die Autos zu verbannen.

 

Gastronomie als Vorhut

Für die Gastronomie ist es dies an manchen Punkten ohnedies – in den 2000er-Jahren wurde nach dem Konzept von Architektin Silja Tillner eine Aufwertung der Gürtelbögen betrieben, Gastronomie, Kunst und auch Shops zogen in die charakteristischen Räume unter dem Viadukt der U6 ein. Nun gelte es, einen Schritt weiter zu gehen und an die – auch potenziellen – Bewohner zu denken. Allein an der Grenze von 7. zum 15. Bezirk haben Wohnungen eine ideale West-Ost-Ausrichtung: „Die einen haben die aufgehende Sonne, die anderen die untergehende.“ Dass der Gürtel durchaus besondere Gebäude hat, bemerkt man auf den zweiten Blick: das Volkstheater am Währinger Gürtel zum Beispiel, die Hauptfeuerwache am Gumpendorfer Gürtel. Lokale wie ein Café Westend, ein Café Weidinger, ein Pulkautaler Weinhaus. Zeitzeugnisse aus den 1960ern wie das Hotel Daniel, aus den 1950ern wie das Hotel Prinz Eugen. Und ein Objekt schätzt Ferenczy besonders: die Kirche Maria vom Siege von Friedrich von Schmidt, dem Architekten des Rathauses. So schließt sich der Kreis von Gürtel und Ringstraße.

ZUM ORT

Mit dem Bau der Wiener Gürtelstraßewurde 1865 begonnen, ab 1873 wurde der Linienwall nach und nach abgebrochen, dadurch konnte die Gürtelstraße ab 1893 breiter angelegt werden. Älteste Abschnitte sind der Lerchenfelder Gürtel und der Hernalser Gürtel. 1895 wurde mit dem Bau der Stadtbahn (Plan Otto Wagner) begonnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2015)