Schnellauswahl

Döbling: Leben im Alpinraum Wiens

Der Kahlenberg und seine Nachbarn in Wien-Döbling.
Der Kahlenberg und seine Nachbarn in Wien-Döbling.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wiens 19. Gemeindebezirk vereint Österreichs ersten Fußballverein, Ludwig van Beethovens dritte Symphonie und den Schlüssel zu Sigmund Freuds berühmten Traumdeutungen. Und er beweist: Er ist mehr als bloß nobel.

Es sind die letzten Ausläufer der Ostalpen, die sich im Nordwesten Wiens erheben. Sie bieten steile Wege für sportliche Betätigung, verschlungene Pfade für geruhsame Momente, den „Himmel“ für kindliches Toben. Und sie bieten einen einmaligen Blick: Zu Füßen liegt dem Döblinger das Treiben der Stadt – baulich manifestiert etwa im Rathaus, der Uno-City oder den dunklen Fassaden des AKH. An besonders klaren Tagen sind sogar die Kleinen Karpaten in der Slowakei zu sehen.

Verantwortlich dafür zeichnen der Kahlenberg – das Wahrzeichen des Neunzehnten –, der Leopoldsberg und Wiens höchster Punkt, der Hermannskogel mit seinen 542 Metern Höhe. Freilich maßt man sich nicht an, den Stempel auf der Busfahrkarte (38A, 39A) mit dem in einem Gipfelbuch zu vergleichen. Als angemessen gilt aber eine Parallele zwischen der Höhenstraße – mit ihren 14,9 Kilometern die längste Straße Wiens –, und der Dolomitenstraße.

Nicht zuletzt fährt der Döblinger wochenends gern „auf den Cobenzl“. Ungeachtet dessen, dass dieser eigentlich Latisberg heißt. Geschuldet ist das Philipp Graf von Cobenzl, der 1773 dort ein imposantes Schloss erbauen ließ. Inklusive Labor, in dem er als erster Europäer nachwies, dass gewisse Strahlungen feste Körper durchdringen können. Um das festzustellen, soll er, so wird erzählt, auch mit Leichen experimentiert haben, die er sich zu später Stunde vom Grinzinger Friedhof holte. Weniger Aufsehen erregte der Aufenthalt von Sigmund Freud, der nach Spaziergängen auf der Bellevuewiese von „Irmas Injektion“ träumte – Grundlage seiner Traumdeutungen.

Geschätzt wird nicht nur die alpine Luft des Neunzehnten, sondern auch seine natürlichen Ressourcen – angebaut in ausladenden Weingärten, ausgeschenkt in einladenden Heurigen. Obwohl die Ursprünglichkeit einer kalten Platte, einem Achterl Gemischter Satz und Schrammelmusik nur selten angetroffen wird – selbst Anton Karas, dessen Zitherspiel den Film „Der Dritte Mann“ begleitet, musizierte hier. Stattdessen säumen Heurigengasthäuser das Bild am Fuße der Berge, in denen „Zuagraste“ auch das obligatorische Wiener Schnitzel auf der Karte finden.

Von Beethoven bis Tiller

Einer, der die Tradition nach wie vor in Ehren hält, ist indes der Mayer am Pfarrplatz. Der Heurige keltert seit 1683 Wiener Wein und kredenzte ihn einst sogar Ludwig van Beethoven. Die Wirkung: hörbar inspirierend. Tatsächlich komponierte Beethoven während seiner Zeit in Heiligenstadt große Teile seiner dritten und neunten Symphonie. Außerdem, so wird gemunkelt, sollen Details des österreichischen Staatsvertrages im Weingut formuliert worden sein: Der damalige Kanzler und Stammgast Leopold Figl ward hier des Öfteren mit Mitgliedern der russischen Delegation gesehen.

Heute ist es Adolf „Adi“ Tiller, der in Döbling seine Runden zieht. Der 76-Jährige ist nicht nur der längstdienende Bezirksvorsteher (seit 1978 steht er für die ÖVP an der Spitze des Neunzehnten), sondern auch der älteste. Trotzdem geht er am 11. Oktober als Spitzenkandidat in die Wahl. „Entscheiden tut der Herrgott, wann ich aufhöre“, sagte er einst – und die Döblinger, von denen Tiller „92 Prozent persönlich“ kennen will.

Zu Döblings Vorzügen, das 1892 aus den Vororten Grinzing, Unter- und Oberdöbling, Heiligenstadt, Nussdorf, Josefdorf, Sievering und Kahlenbergerdorf entstand und 1938 um Neustift am Walde und Salmannsdorf erweitert wurde, gehören auch die bürgerlichen Villen. Sie machen die Wiener Cottages zu den vornehmsten und teuersten Wohngegenden der Stadt, in die es bereits die Komponisten Johann Strauß und Franz Lehár, Physiker Albert Einstein, Entertainer Peter Alexander, Dirigent Herbert von Karajan oder Regisseur Billy Wilder zog.

Den Neunzehnten auf seine „Regimenter“ zu beschränken wäre jedoch ungerecht verkürzend: Zahlreiche Botschaftsgebäude bezeugen die Diversität der potenziellen Gesprächspartner ebenso wie das Zentrum für Translationswissenschaft und die Base 19, ein Studentenheim, dessen Bewohnern zu 70 Prozent das Adjektiv „international“ anheftet.

Nicht zu vergessen auch die rote Seite des heute schwarzen Döbling: Von 1945 bis 1978 war die SPÖ stärkste Kraft, seit 1930 findet sich hier die zementierte Ikone der Arbeiterkultur: Der Karl-Marx-Hof ist mit seinen über 1100 Metern das längste zusammenhängende Wohngebäude der Welt.

Nicht zuletzt hat Döbling auch einen sportlichen Rekord aufzuweisen: Die Hohe Warte ist nicht nur Europas größte Naturarena, sondern auch das Stadion von Österreichs erstem Fußballverein: des First Vienna Football Club 1894. Seit Juni 1921 trägt die Vienna auf der Hohen Warte ihre Spiele aus – übrigens der letzte Ausläufer des Rückens aus dem Wienerwald.

Serie: Wiens Bezirke

Bis zur Wien-Wahl am 11. Oktober porträtiert die ''Presse'' nach und nach alle 23 Wiener Bezirke. Die bisherigen Porträts finden sie unter diepresse.com/bezirke

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2015)